Anko war eine Königin des Gallavolkes, welche diese Berggegenden nach dem Einfall Granje’s bevölkerte und ihren Namen dem engen gewundenen Pfade hinterließ, welcher das „Ber“ oder Thor zu den Vorstädten bildet. Daher bedeutet Ankober „Thor der Anko“. Am Abgrunde hinziehend und kaum breit genug für den Fuß des Maulthiers, kann man diesen Paß nur mit dem Gefühle der Unsicherheit passiren, und wenige Stunden würden genügen, um ihn zu verrammeln und die Stadt für jeden Feind unzugängig zu machen. Laute Jubelrufe des versammelten Volkes begrüßten die Gäste, denen nun ein [pg 243]sehr elendes Haus, das eher einem Heuschober als einer Wohnung für Europäer glich, als Aufenthaltsort angewiesen wurde. Der Fußboden war so, wie ihn Mutter Natur geschaffen und vom Regen durchweicht, und es bedurfte erst vieler Arbeit, um die Hütte, über der man stolz die Flagge Großbritanniens aufzog, bewohnbar zu machen. Als man die Thüre mit einem Teppich verhangen hatte und die Nacht hereinbrach, regierte Finsterniß in dem Raume: die Lichter waren unterwegs zerschmolzen und so bildeten denn die sparsam aus den königlichen Vorräthen dargereichten, mit Wachs getränkten Dochte das einzige Beleuchtungsmaterial der Gäste. Und diese elenden Kerzen waren ein Handelsmonopol des Fürsten, gleich so vielen anderen guten Dingen. Um den Aufenthalt recht ungemüthlich zu machen, stürzten Tausende von blutdürstigen Flöhen über die Reisenden, die jetzt, nachdem sie die Schönheit der Natur bewundert und vom Könige freundlich empfangen worden waren, auch die Schattenseiten des Lebens in Schoa kennen lernen sollten.
In der Nacht brach unter Donner, Blitz und strömendem Regen ein gewaltiger Sturm über Ankober los, der die Erde mit einer wahren Sündflut überschüttete; jeder Fluß stieg, jede Gasse wurde zu einem rauschenden Bache und tausendfältig hallte der Donner von den nahen Bergen wieder. Als am nächsten Morgen die Sonne ihre Strahlen auf die Erde niedersandte, entwickelte sich ein seltsames Schauspiel vor den Augen der Europäer. Tief unten lag, wie ein Schneeschleier, eine undurchdringliche Dampfwolke in den Thälern. Man stand über diesen Wasserdämpfen, aus denen nur die Bergspitzen gleich schwimmenden Inseln hervorragten. Als diese Nebelbank in die Höhe stieg, bedeckte sie Alles mit Feuchtigkeit und drang durch Kleider und Mauern hindurch.
Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, denen jeder sich aussetzen muß, der in afrikanischen Landen reist, trafen die Gesandtschaft noch manche speziell abessinische Uebelstände. Die nothwendigsten Lebensmittel waren trotz der Fruchtbarkeit des Bodens nur schwierig zu erlangen; die gemietheten Dienstboten taugten nichts, da jeder, der nur irgend kann, sich Sklaven hält; Maulthiere waren gleichfalls kaum gegen die höchsten Preise zu miethen, und für das kleinste Geschäft mußte eine Menge kostbarer Zeit vergeudet werden, da diese selbst für die Abessinier keinerlei Werth hat. Mit der Zeit wurde den aus Indien mitgebrachten muhamedanischen Dienern der Aufenthalt zu langweilig; sie nahmen ihre Entlassung und kehrten durch das heiße Küstenland nach Tadschurra zurück, wobei die Hälfte von ihnen das Leben verlor. Die statt ihrer angenommenen Abessinier zeichneten sich nur dadurch aus, daß sie unermeßliche Portionen rohen Fleisches (Brundo) verschlangen und alle Monate einen Tag frei verlangten, um mittels Kusso ihre Bandwurmkuren vollführen zu können. Außerdem war ein besonderer Afero oder Janitschar ernannt worden, welcher alle Schritte und Tritte der Fremden ausspioniren und darüber an den Hof berichten mußte. Am gefährlichsten wurde den Gästen jedoch die Feindschaft der unduldsamen Geistlichkeit, die mit eiserner Hand das Volk knechtete und die Briten schlimmer als die Heiden ansah, zumal weil sie die langen und strengen Fasten nicht hielten. [pg 244]Der Bischof von Schoa zeigte diese Feindschaft ganz offen. Er sprengte das Gerücht aus, die Engländer seien als Spione einer großen, jenseit des Meeres wohnenden Frau gekommen, welche ihre Soldaten nach Schoa schicken wolle, um das Königreich zu erobern und den abessinischen Glauben zu zerstören.
Während alle Klassen des Volks in Erinnerung an die Himmelfahrt der Jungfrau Maria die strengen Fasten hielten, blieb inzwischen der König in seiner Residenz Matschal-wans. Dort verzehrte er rohe Fische, die mit Pflanzenöl und Pfeffer zubereitet waren, als Fastenspeise. Der Palast in Ankober dagegen wurde von ihm zur Regenzeit gemieden, weil wegen dessen hoher isolirter Lage die Blitze dort leicht einschlagen. Kamen die Engländer mit Sr. Majestät zusammen, so pflegte er zu sagen: „Es giebt in meinem Lande sehr schöne Dinge, welche in dem eurigen nicht sind, und wieder umgekehrt habt ihr Dinge, welche wir nicht besitzen.“ Fortwährend waren die Fremden mit allerlei Aufträgen des Königs beschäftigt: bald mußten sie Luntenflinten repariren, Spieldosen ausbessern, bald Kleidungsstücke oder Staatsregenschirme wieder herstellen, und das Alles wurde zur Zufriedenheit des Hofes ausgeführt. Auch als der König einmal unwohl war, wurden die Gesandten zu ihm berufen; er erhielt Medizin, doch mußte diese zuvor in seiner Gegenwart gekostet werden, da er in beständiger Angst vor Vergiftung schwebte. Obgleich er sich niemals ohne Waffen zeigte und stets solche unter seinen Kleidern verborgen trug, fürchtete er sich doch keineswegs vor seinen Gästen, die selbst mit geladenen Flinten in seiner Nähe stehen durften, auch wenn keine Diener bei ihm waren; bei diesen Zusammenkünften ließ er Porträts zeichnen, Pläne zu Bauten entwerfen und Vorbereitungen zu Affenjagden machen. Magazine wurden mit Granatschüssen in die Luft gesprengt, siebenläufige Pistolen zuerst bei Hofe eingeführt und ihm ein großer Respekt vor den Windbüchsen eingeflößt, deren Wirkung er für das Merkwürdigste erklärte, was er all sein Lebtag gesehen hatte.
Wieder einmal waren die Engländer zum König beschieden, der mit ihnen über einen Feldzug gegen die wilden Galla sprechen wollte. Schmiede und Silberarbeiter saßen unter der Veranda der Residenz, Künstler malten Miniaturen in die auf Pergament geschriebenen Psalmen, Sättel und allerlei Kriegsgeräth wurden unter den Augen des Fürsten reparirt, Speere und Flinten gereinigt – doch alle diese Handwerker wurden vom Könige schleunig entlassen, um mit Harris einen Kriegsplan verabreden zu können, der schließlich nicht ausgeführt wurde. So schlich der traurige Winter hin. Unterdessen begannen die Händler, welche sich durch die Ankunft der Engländer beeinträchtigt glaubten, gegen diese zu konspiriren. Allerlei abenteuerliche Gerüchte gingen um. Die Gyptzis, so hieß es, verzehrten Schlangen, Mäuse, Spinnen und ähnliche Thiere, und wären im Begriff, durch magische Mittel das Land zu erobern. Die astronomischen Instrumente erregten gleichfalls Argwohn; doch der König hörte nicht auf diese Verdächtigungen, ja er drohte, den Verleumdern die Zungen ausreißen zu lassen, und kümmerte sich auch nicht darum, als die Geistlichkeit ihn mit dem Banne bedrohte. Die Zauberer Schoa’s glaubten dem gegenüber im vollsten [pg 245]Rechte zu sein, wenn sie verkündigten, Sahela Selassié würde wegen seiner Freundschaft gegen die Fremden noch Thron und Leben verlieren.
Als der Winter vorüber war, brach der König nach Debra Berhan auf, einer Sommerresidenz, die jenseit der Bergkette im Westen liegt. Dorthin folgte ihm auch die Gesandtschaft nach. Es war eine herrliche Gegend, die man wieder durchzog, voller Sturzbäche, Klippen und schöner Bäume. An einem Flüßchen traf man das einzige Maschinenwerk des Königreichs – eine rohe Wassermühle, die ein durchreisender Albanese erbaut hatte; doch die Priester erklärten dieselbe für ein Werk des Teufels, und nachdem die Mühle drei Tage gegangen, wurde der Betrieb untersagt. So verfiel denn die Teufelsmühle. (Vergl. [S. 157].) Hinter derselben wurde der Weg rauher und steiler; man gelangte auf den Kamm der Tschakaberge, welche die Zuflüsse des Nil von jenen des Hawasch, das Stromgebiet des Mittelmeers und des Indischen Ozeans trennen. Noch volle drei- bis viertausend Fuß ragte der hohe Mamrat über diese Wasserscheide empor; doch Schnee lag auf seinem 13,000 Fuß hohen Gipfel nicht, wie denn ein Wort für denselben südlich von den kalten Bergen Semiéns in der Sprache der Eingeborenen fehlt. Wie verschieden ist doch das Schicksal der Gewässer, die von dieser Bergkette nach Osten und nach Westen zu eilen! Der Regentropfen, welcher auf die nach Ankober zu gelegene Seite fällt, wendet sich nach kurzem Laufe dem Hawasch zu, um mit ihm durch die durstige Adalwüste der Aussalagune zuzurinnen. Ganz anders dagegen gestaltet sich die Pilgerschaft der Gewässer im Westen. Dort finden viele kleine Bäche ihren Weg zur Dschumma, die sich in den Abai, den Blauen Nil, ergießt, der, durch den Goldsand von Fazogl ziehend, bei Chartum sich mit dem Weißen Flusse vereinigt, bei Meroë, Theben und den stattlichen Pyramiden vorüberfließt und seinen Beitrag zur Bewässerung Aegyptens oder der blauen Fluten des Mittelmeers liefert!
Wiesen, auf denen Vieh weidete, kleine Ströme, über deren einen eine rohe Steinbrücke, das hochgepriesene Werk eines Armeniers führte, folgten nun; dann kam man in eine unwirthliche Gegend, eine Hochebene, die einst von Galla bewohnt war. Nicht ein Baum oder Strauch, selten als Ausnahme ein Kusso, war zu erblicken; doch sind spärliche christliche Ansiedelungen hier entstanden, die von Hirten bewohnt werden. Dann ging es bergab, die Gegend wurde wieder etwas freundlicher, und zwischen einigen grünen Bäumen leuchteten die weißen Gebäude von Debra Berhan hervor. „Willkommen meine Kinder, wie geht’s euch? Habt ihr eine sichere Reise gehabt?“ so lautete der Empfangsgruß, und am Abend erquickte Brot, Honigwasser und saures Bier die Gäste. Beim Schein der Lichter fand Abends Gesang und Tanz statt, und mancher hohe Beamte legte sich berauscht zur Nachtruhe nieder.
Keine andere fürstliche Residenz kann in jämmerlicherem Zustande sich befinden als Debra Berhan, „der Hügel des Ruhms“. Es besteht aus elenden Gebäuden, deren ohne Mörtel zusammengefügte Mauern einzustürzen drohen. Palissaden umgeben das Ganze und schließen den mit Rasen überzogenen Audienzraum ein, der jedoch auch zugleich einigem Vieh zum Aufenthalt dient. Hier hat [pg 246]der König eins seiner bedeutendsten Sklavendepots, in welchem dem Besucher ein wahres Babel von verschiedenen Sprachen entgegenklingt; auch die Gesichtszüge deuten auf verschiedene Rassen, und nur die abessinische Kleidung ist allen gemeinsam. Da geht der riesige heidnische Neger mit aufgeworfenen Lippen und blutunterlaufenen Augen gleich einem schwarzen Herkules umher. Stark wie drei Gäule, trägt er eine ungeheure Holzlast, welche zwei Abessinier nur mit Mühe bewältigen könnten. Fünfzehn Maria-Theresia-Thaler hat der König für dies ausgezeichnete Exemplar gezahlt, das fern vom Nil hierher verhandelt wurde. Er hat hier ein ganz gemächliches Leben, vollauf zu essen und dient als Holzhauer im Walde; in seine Lage hat er sich stumpfsinnig gefunden. Anders der feurige Galla, der ihm folgt und in dessen Gemüth noch nicht der Geist der Unabhängigkeit erloschen ist. Seine schlanke Figur und gekrümmten Beine verrathen den wilden Reiter der grasigen Ebene. Schwermüthig, mit gebeugtem Sinn, schleppt er seine Bürde und denkt an die Savannen am Hawasch, seine Heimat. Unter der Aufsicht eines alten Eunuchen nimmt eine Schar brauner Sklavinnen ihren Weg zum Flusse. Sie tragen schwere irdene Wasserkrüge auf dem Rücken und singen leise ein trauriges Lied, das wol von der Heimat erzählt, von Guragué. Es sind Christinnen, alles schöne, schlanke Mädchen, weit schöner als ihre Tyrannen, das rabenschwarze Haar ist mit gelben Blumen geschmückt und in den langen Augenwimpern hängt eine Thräne der Wehmuth. – Hinter ihnen folgen einige bevorzugte Damen, in Staatsgewändern mit rothem Rande – sie haben längst das Andenken an ihr Land und ihre Verwandtschaft vergessen. Das sind die königlichen Braugesellen; silberne Knöpfe in den Ohren, zu ungeheurem Umfang auffrisirte Haare zeichnen sie aus; sie können plappern und schwatzen soviel sie wollen, aber über einen gewissen Raum dürfen sie nicht hinaus, das verbietet ihnen der begleitende Eunuch. Der eine traurig, der andere froh – so leben die Menschen im Sklavenraume des Königs. –
Ein Monat war in dem kühlen, aber angenehmen Klima zu Debra Berhan verflossen, als der König beschloß, seine jährliche Truppenmusterung abzuhalten, und zwar am Maskalfeste, dessen Bedeutung wir schon kennen lernten. (Siehe [S. 124].) Viehherden, vor Kälte sich schüttelnde Kameele, die in das ihnen ungewohnte Bergland versetzt waren, lange Sklavenzüge waren zusammengetrieben worden, um theils zur Nahrung, theils zur Bedienung verwendet zu werden. Am Vorabend rückten mit Fackeln in den Händen die königlichen Garden vor das Zelt Sr. Majestät, um dort zu Ehren der Gesandtschaft einen Kriegstanz aufzuführen. Prächtig nahmen sich die mit reichem silberbeschlagenen Reitzeug versehenen Rosse der Offiziere unter den dunklen wilden Kriegern aus, die den amharischen Kriegsgesang anstimmten und sich dann zur Ruhe begaben. Sehr unköniglich war das Aussehen des Palastes beim Tagesanbruch und höchst unfürstlich die bei Hofe herrschende Verwirrung. Unsauberkeit und knöcheltiefer Schmuz herrschte ringsum; der Thürhüter zerschlug einen Stock nach dem andern auf den Köpfen des herbeidrängenden heftigen Volkes, das nicht einmal still wurde, als Seine Majestät sich in der Thür des Banketsaales niederließ. [pg 248]Vor dem Throne verrichtete ein Schmied seine Arbeit weiter, ohne darauf zu achten, daß ein Hagel von Staub und Kohlenasche auf den König niederfiel. Zwanzig bleiche Eunuchen, die als Zeremonienmeister wirkten, führten die Scharen der Vasallen, der Priester, Mönche, Weiber, Sklaven und Ackerbauer zum Fürsten, der von jedem ein Geschenk empfing, sodaß Honig, Butter, Perlen u. s. w. bald in großer Menge aufgestapelt waren. Die Scenen der Unordnung wichen der höher steigenden Sonne und vor dem Erscheinen der britischen Gesandtschaft, die in voller Uniform vor dem Könige aufzog, der in Staatskleidung, von den Generalen der Reiterei, der Leibgarde und der höheren Geistlichkeit umgeben, auf einem beweglichen Thronsessel dasaß. Zunächst rückten nun dreihundert Mann auf den Schauplatz, die hoch über ihrem Haupte Bündel abgeschälter und mit Binsen zusammengebundener Ruthen trugen. Sie begrüßten die Rückkehr der Blütenzeit, „wenn die Flöhe wiederkommen und die Fliegen erscheinen“, mit Gesang, der lauter und lauter zum Kriegsrufe anschwoll. Die Bündel wurden dann auf einen Haufen vor dem Throne niedergelegt, während die in Thierfelle gekleideten Führer dieser Truppe einen Kriegstanz begannen, ihre Leute zum Gefecht aufforderten und mit einem schrecklichen Geheul diese Exerzitien schlossen.