Truppenmusterung des Königs von Schoa. Nach M. Bernatz.
Hierauf wurden die englischen Gäste zu einem mit bunten Teppichen ausgekleideten Pavillon geführt, von dem aus der König mit seinen Würdenträgern der Revue beiwohnen wollte. Im Hintergrunde standen dichte Reitermassen, während in einer Entfernung von etwa 100 Schritten ein großer Scheiterhaufen blattloser Weidenruthen auf dem grünen Rasen aufgestapelt lag. Um denselben hockten unter ihren Schilden, gleich Schildkröten unter ihrer Schale, lange Reihen Krieger; je drei hatten große Feldschlangen von ungewöhnlichen Dimensionen mit Zündkraut und Lunte zu bedienen. Nun begann die Revue mit dem Aufmarsch der Leibgarde zu Fuß, von der drei Viertel mit den geschenkten englischen Musketen bewaffnet war. In vier Compagnien marschirte sie unter dem Gebrüll des Kriegsgesanges auf, nicht wenig stolz auf die blitzenden, bisher in Abessinien unbekannten Bajonette. Nachdem sie das Feld durchmessen, kauerten die Krieger auf dem Grunde nieder, als wären sie in Bereitschaft, anrückende Reiterei zu empfangen, während ein grauköpfiger Veteran tanzend vor der Front ein Geheul zum Besten gab, das aus einer Wolfsschlucht zu stammen schien und mit einer Salve beantwortet wurde.
Nachdem diese Truppe abgetreten war, rückte die glänzende Schwadron der berittenen Lanzenträger, die Blüte der schoanischen Kavallerie, heran. Kühn sprengte an der Spitze, auf schönem Roß, mit einem rothen Fell über der Schulter, der Führer und hinter ihm, in einer Linie von fast einer Viertelstunde Breite, die Schwadron. Nachdem er eine Anrede gehalten, sprengten die stattlichen Reiter im Galopp vorüber nach dem Scheiterhaufen zu, wo die großen Kesselpauken ertönten und die Feldschlangen losgebrannt wurden. Jetzt aber wandte sich das Erstaunen der Versammlung den Engländern zu, deren Artilleristen den bronzenen Dreipfünder, welcher von Ochsen hierhergeschleppt worden war, bedienten. Als der Donner desselben erschallte und weiße Rauchwolken in die Luft [pg 249]stiegen, wie man sie bisher nur von brennenden Dörfern gesehen – da kannte die Verwunderung der wilden, hier versammelten Galla keine Grenzen. Dreizehn in Löwen- oder Leopardenfelle gekleidete Gouverneure führten nach und nach ihre Truppen vor. Dann war die Revue beendigt und die ausgehungerten Offiziere, Edlen, Höflinge und Geistlichen begannen mit wahrer Wuth über das rohe Ochsenfleisch herzufallen und es in unglaublichen Mengen zu vertilgen.
Acht- bis zehntausend Reiter waren versammelt gewesen, und das Schauspiel, das von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags 5 Uhr währte, hinterließ einen wilden und ungewöhnlichen Eindruck. Die Bewaffnung und das Reiten der Leute war vorzüglich und unter guter Führung von ihnen Tüchtiges zu erwarten. Als dann die Nacht herniedersank, da wurde dem Könige wie dem Volke von Seiten der Engländer noch ein Schauspiel geboten, von dem jene sich nichts träumen ließen. Prächtige Raketen stiegen zum tiefschwarzen Himmel empor und zerplatzten, Leuchtkugeln entsendend, mit herrlichem Lichte. Menschen und Thiere, Alles wurde rebellisch, und die Achtung vor den Gästen, welche Kometen an den Himmel zaubern konnten, wuchs mehr und mehr. Schließlich wurde der Scheiterhaufen aus Weidenruthen angezündet, und die Fackelträger führten zu Ehren der Auffindung des heiligen Kreuzes einen Tanz auf.
Angollala, an der Gallagrenze, wurde etwa im Jahre 1830 gegründet und vom Könige zur Hauptstadt des westlichen Theils von Schoa erhoben. Hierhin begab man sich, nachdem das Maskalfest vorbei war, und 3000 Reiter bildeten das Geleit des Negus, der auf einem reich gezäumten Maulthiere ritt. Vier- bis fünfhundert runde Hütten mit rohen Steinmauern und Strohdächern bedecken die Abhänge einer Anzahl flacher Hügel, die ein großes Viereck einfassen. Auf der Spitze des höchsten Hügels steht der von sechs Reihen Palissaden beschützte königliche Palast, aus dessen Mitte ein zweistöckiges, finstres Gebäude hervorragt, das ein Albanese erbaute und welches trotz seiner Mangelhaftigkeit in Bezug auf Architektur alle übrigen Gebäude Schoa’s überragt. Doch hat es von Erdbeben gelitten, und „Erdbeben“, so meinte Se. Majestät, „sind ein übles Ding, denn sie werfen Häuser und Menschen um“.
Vor dem Palaste, zu welchem ein steiler Weg hinaufführte, begrüßte eine dichtgedrängte Menschenmenge den König und seine Gäste mit lautem Jubelgeschrei. Küchen, Vorrathshäuser und Brauereien lagen rings um das Gebäude, das mit dem langen Banketsaale, der Audienzhalle, den Frauengemächern und einzelnen Zellen ein merkwürdiges, aber keineswegs imponirendes Ganze ausmachte. Der Despot führte seine Gäste in den ersten Stock, zu welchem man auf einer Leiter gelangte. Auf dem Fußboden, der mit frischem Gras bestreut war, brannte in einem eisernen Ofen ein Feuer, an welchem sich behaglich mehrere Katzen wärmten, die in keinem königlichen Palaste fehlen. Im Alkoven befand sich ein schmuziges Lager, und wenige Flinten machten den einzigen Schmuck der kahlen, weißgetünchten Wände aus. „Ich habe euch“, hub der König an, „hier[pg 250]hergeführt, um euch zu zeigen, was mir fehlt. Diese Gemächer müssen ausgeschmückt werden, und ich wünsche, daß euer Maler (Herr Bernatz) sie mit Elephanten, Soldaten und sonderbaren Darstellungen aus eurem Lande verziere. Jetzt können meine Kinder sich entfernen.“
Die Nächte, welche die Gesandten hier verbrachten, waren keineswegs angenehm; sie froren ungemein und wußten sich kaum vor der Kälte zu schützen; in der Frühe hatte regelmäßig weißer Reif die Wiesen überzogen. Auch am Tage bot sich ihren Augen gerade kein liebliches Bild. Rings um den Palast lag Schmuz, Asche und Kehricht knöcheltief oder in großen Haufen. Halbwilde Hunde fallen am Tage die Menschen an und lassen in der Nacht wegen ihres grauenhaften Gebells Niemand schlafen. Kurz vor Sonnenaufgang weckt das Gekräh von tausend Hähnen die dennoch etwa sich im Schlummer Wiegenden, und wer trotzdem noch nicht erwacht sein sollte, wird durch das Gebrüll des um alle möglichen Dinge petitionirenden Volkes aufgestört, welches unter dem Rufe „Abiet! Abiet! Meister! Meister!“ mit dem Frühgrauen sich zum Palaste drängt. Lernten Harris und seine Gefährten auch in Angollala manches Interessante kennen, so war der Aufenthalt daselbst doch keineswegs angenehm zu nennen.
In der Umgebung Angollala’s befindet sich das Naturwunder Schoa’s, die Schlucht der Tschatscha, zu welcher der König eines Tags seine Gäste hinführte, doch war der Monarch an diesem Tage gerade schlechter Laune, da sein Lieblingsroß, das er in der Schlacht einem mächtigen Galla-Häuptling abgenommen hatte und das seinen Stall in der königlichen Bettkammer hatte, durch die Unvorsichtigkeit eines Pagen umgekommen war. „Was denkt ihr von meinem Galla-Graben? Habt ihr etwas Aehnliches in eurem Lande?“ so redete der Herrscher seine Gäste an, als er sie an Ort und Stelle geführt hatte, und in der That ließ sich schwerlich eine großartigere und schauerlichere Naturscenerie denken, als sie die Schlucht der Tschatscha zeigte. Die grünen Wiesen des Distriktes Daggi sind hier auf eine seltsame Weise durch niedrige, kahle Hügelketten durchsetzt, zwischen denen kleine Bäche dem tief unten gähnenden Erdriß zuströmen, welcher den Boden gleich einem gewaltigen Spalt durchzieht. Felsig, zerrissen und scharfkantig sinkt dieser Schlund plötzlich 1000 bis 1500 Fuß tief und über eine Viertelstunde breit urplötzlich in der Ebene nieder. Seine aus felsigem Gestein bestehenden Seitenwände sind dünn mit zartem Moose und süßduftendem Thymian überzogen, und nur wenige armselige Hütten sind auf einzelnen vorspringenden Terrassen der Wände angebracht, die sonst in ihren düstern Höhlen den Wölfen und Hyänen Schlupfwinkel darbieten, während hoch oben über dem gähnenden Abgrunde Geier und Adler ihre Kreise in weiten Bogen ziehen. Der Aberglaube des Volks bevölkert aber den Spalt mit allerlei Unholden, während der König nicht mit Unrecht in ihm die beste Schutzwehr gegen die jenseit desselben wohnenden Galla sieht. Tief unten auf dem Boden, nur mit Schwindeln anzusehen, murmelt in tausend kleinen Wasserfällen gleich einem Silberfaden die Tschatscha hin, um ihren Tribut dem mächtigen Nil darzubringen. Da, wo die Schlucht sich etwas erweitert, liegen die königlichen Eisenwerke von Gurejo. [pg 252]Hier wird auf rohe, echt afrikanische Art durch ein einfaches Ausschmelzen ein ziemlich gutes Eisen gewonnen.