Übers Jahr erzähl ich mehr.

Vom Klavier ertönt aufs neue die Chorweise „Tochter Zion, freue dich!“

Das Dichterspiel

Jedes Jahr am Sylvesterabend machte die kleine Ursula bei Tante Li und Onkel Ri Besuch, und diesmal hatte sie ihren Vetter Heinz Peter und seinen Freund Heinz Lux mitgebracht, die beide schon etwas größer waren. Es sollte das Dichterspiel gespielt werden; und die Ursel, die nun bald dreizehn Jahre alt wurde, war ganz aufgeregt vor Spannung, ob sie wohl auch einen Preis kriegen könnte, oder ob ihr die großen Bengels, die immer alles besser wußten, wieder eine lange Nase drehn würden.

„Zu dem Dichterspiel“, erklärte der Onkel Ri, „gehört nichts weiter, meine Herrschaften, als die nötige Menge Papier und Bleistifte, ein bißchen Zeit und ein bißchen Grips. Jeder von uns sagt zwei Hauptwörter, und die schreiben wir alle auf. Dann muß jeder um diese Wörter herum eine kurze Geschichte dichten und natürlich auch aufschreiben, innerhalb einer bestimmten Frist. Da wir fünf Dichter sind, kommen zehn Wörter ins Spiel; setzen wir also zehn Minuten Frist! Nachher liest jeder seine Geschichte vor, und wir stimmen ab, wer die beste ersonnen hat; der darf sich als Preis ein Licht vom Weihnachtsbaum holen. Wer den Abend über die meisten Lichter gewinnt, der ist Sieger und krigt den Sternpreis, wenn der Weihnachtsbaum geplündert wird.“

Der Sternpreis, das war ein Stern mit fünf Zacken, der in jedem Jahr auf der Baumspitze stak; und an den Zacken hing immer allerlei Süßes, wie die Ursel aus Erfahrung wußte. Ach, ob sie wohl heute siegen würde? Wäre sie blos nicht so dumm gewesen, die zwei Bengels mitzubringen, statt wieder ein paar Freundinnen. Grips genug hatte sie selbstverständlich, aber an Fixigkeit waren die Buben ihr über. Was für ausgefallene Wörter sie gleich bei der ersten Aufgabe nahmen! Krauskopf, Bewußtsein, Element, Sportkostüm. Dann sagten die Tante und der Onkel: Ufer, Brücke, Jagd, Pfeil. Und zuletzt die Ursel: Spitze, Stern. Und o weh: als die zehn Minuten vorbei waren, hatte sie richtig ihre Geschichte höchstens erst dreiviertel fertig. Aber ein Trost war es wenigstens, daß nach der Abstimmung keiner der Heinze das erste Licht vom Baum holen durfte, sondern einstimmig gewann Tante Li. Ihre Geschichte lautete:

Ich stand einmal vor einer Brücke. Über diese Brücke jagte auf einem Rappen eine junge Negerin, umflattert von einem weiten buntwollenen Mantel. Hoch in der rechten Hand, über ihrem Krauskopf, hielt sie einen langen Pfeil. Ihr ganzer Körper war Aufgeregtheit. Sie trieb ihren Gaul zu rasender Hetzjagd an, und als sie die Brücke hinter sich hatte, stürmte sie den Fluß entlang und ließ endlich ihren Pfeil in den Ufersand sausen. Sie hob ihn auf, und wieder gings wie ein entfesseltes Element über die Brücke zurück, dann jenseits ein Stück das Ufer entlang, und als Ende der Jagd: der Pfeil in den Sand. Es war in diesem verbohrten Treiben eine so schrecklich sinnlose Wildheit, daß ich immer noch stand, als sie noch einmal über die Brücke herüberkam und wie beim ersten Mal umkehrte und abermals zurückstürmte. Da, als sie grad auf der Mitte der Brücke war, geht mit ruhigen Schritten eine Dame ihr nach, ebenso jung, aber weißhäutig, mit maisgoldnem Haar, sehr hoch und schlank, gekleidet in ein schlichtes, schwarzes, eng anliegendes Sportkostüm. Sie trug auch einen langen Pfeil in der Hand, aber ganz leicht und unauffällig. Als sie dort angekommen war, wo vor ihr her die Wilde jagte, hielt sie an, zielte einen einzigen Augenblick, aber mit äußerstem Bewußtsein, schleuderte ihren Pfeil, und dieser flog, scharf über dem Kopf der Wilden hin, schneller als deren Pfeil, erst gradaus, dann im Bogen über die Brückenecke, aber nicht in den Sand des Ufers, sondern ihr Ziel war ein fünfzackiger Stern, der auf der Spitze eines Bootmastes stak.

Die Ursel war ganz blaß geworden und strich sich ihr blondes Haar aus der Stirn; sie hatte gemerkt, worauf die Tante anspielte, und nahm sich vor, bei der nächsten Aufgabe vielviel ruhiger nachzudenken. Aber sie wurde doch wieder nicht fertig, und das zweite Licht gewann der Heinz Lux. Diesmal hießen die Hauptwörter: China, Bahnhofsuhr, Teppich, Karaffe, Kachel, Gardine, Elefant, Neptun, Schlafzimmer, Büffett — und dazu hatte der freche Lux folgende Geschichte erfunden: