bei deren Ton das Paradies

samt allen Wonnen dieser Erde

in jede ärmste Zelle sinkt! —

Aber der Onkel bekam den Preis nicht. Tante Li erklärte mit strenger Miene das Gedicht für „unverständlich“; und die Ursel merkte, wie sich die beiden Heinze unterm Tisch mit den Beinen anstießen, und daß der Lux dem Peter was ins Ohr flüsterte, worin das Wort „unanständig“ vorkam. Da fuhr sie aber entrüstet dazwischen: „Was! Ihr? Erst vorgestern hab ich euch alle beide an meinem Bonbon mitlutschen lassen, und das hat euch sehr nach mehr geschmeckt! Und überhaupt sind die Gedichte von Onkel Ri genau so verständlich, wie die von Onkel Goethe und Schiller! Und Tausendundeine Nacht hab ich auch gelesen!“ Die Heinze waren krebsrot geworden, und der Peter brummelte: „dummes Jöhr!“ Aber die Tante legte ihm die Hand auf den Mund, und mit der andern Hand fuhr sie der Ursel liebkosend über die heißen Backen. Dann sagte sie zu Onkel Ri, der still in sein Punschglas hineinlachte: „Es ist aber gegen die Spielregel, daß du uns hier mit Versen den Kopf verdrehst; also hat diesmal keiner gewonnen. Von jetzt an wird wieder blos zehn Minuten gedichtet, und in ebenso einfacher Sprache, wie Schehresade gedichtet hat. Ich glaube, das Einfache ist das Schwerste; andre Schwierigkeiten sind überflüssig. Wers am einfachsten kann, krigt das nächste Licht.“ Die zehn Hauptwörter lauteten nun: Trauerweide, Vogel, Rock, Hütte, Arbeit, Spieldose, Kinderjubel, Pfauenauge, Prinz, Bettler. Und wirklich: die Ursel wurde zur rechten Zeit fertig, sogar schon eine Minute zu früh, während Onkel Ri mit gerunzelter Stirn noch allerhand verbesserte und die beiden Buben noch lauter Unsinn klierten. O, wie sie die Bengels verachtete! besonders aber den frechen Heinz Lux! Freilich, das Licht gewann sie drum doch nicht. Sondern, wie sie sichs schon gedacht hatte, da der Onkel sich solche Mühe gab: die Tante holte ihm selbst das Licht, er hatte eine richtige Fabel gedichtet:

Neben einer Hütte stand eine Trauerweide; darunter saß ein alter Mann und flickte seinen zerlumpten Rock. Da flog ein Pfauenauge vorüber, ohne daß der Mann es bemerkte; und aus der Krone des Baumes kam ein Vogel und verfolgte den Schmetterling. Zugleich begann im Innern der Hütte eine Spieldose zu klingen, so entzückend wie ferner Kinderjubel, sodaß der Mann von seiner Arbeit aufsah, und da verschlang der Vogel den Schmetterling. Der Mann aber, der das mitansah, dachte: Weil ich ein alter Bettler bin, möchte ich sterben wie dieses Pfauenauge; wenn ich ein junger Prinz wäre, wollte ich leben wie dieser Vogel.

Die nächste Aufgabe hörte sich lustiger an. Sie bestand aus den Wörtern: Löwe, Strohwisch, Strumpfband, Tür, Bart, Igel, Hampelmann, Tintenwischer, Badehose, Käsestulle. Da machte die Ursel sich wenig Hoffnung; da würde gewiß der ulkige Peter gewinnen. Er kam auch gleich als erster zum Vorlesen dran, und seine Geschichte war wirklich gelungen:

Einst schlief ich am Weihnachts-Heiligabend über meinen Spielsachen ein. Nach etlicher Zeit erwachte ich und sah das Zimmer in sehr verändertem Licht. Die Wände waren blutrot tapeziert, und durch den Fußboden floß ein blanker, durch und durch himmelblauer Fluß, an dem lauter knallgrüne Bäume standen, einer genau wie der andere. Auf einmal öffnete sich die Tür, und mein alter Hampelmann trat mir entgegen, in einer nagelneuen Uniform, und hinter ihm her ein ganz Regiment Soldaten. Die Soldaten waren aber nicht etwa Bleisoldaten, sondern Igel in Kürassier-Uniform, die auf gepanzerten Löwen ritten. Es sollte großes Manöver sein; darum hatte sich jeder Igel an seiner Waffe einen Tintenwischer oder auch Strohwisch angebracht, um nur ja niemand zu verletzen. Jeder Löwe hatte außer dem Panzer noch eine Badehose an, von der ein Strumpfband als Ordensband herabhing. Nun gab der Hampelmann ein Zeichen, und die Soldaten stellten sich zu beiden Seiten des Flusses auf, schlugen sich und schossen sich und machten kolossal viel Musik dazu. Bald darauf war Frühstückspause, und jeder aß eine Käsestulle. Ich hatte mich immerfort geärgert, daß mein Hampelmann als Soldat keinen Schnurrbart trug. Jetzt in der Pause bemerkte ich plötzlich, daß ihm aus seinen Nasenlöchern ein riesenhafter „Es ist erreicht“ wuchs. Davon krigte ich solchen Schreck, daß ich nun wirklich aus meinem Traum erwachte.

Die beiden Heinze sahen sehr siegesbewußt aus, denn Onkel Ri hatte mehrmals Beifall genickt, und der Lux war natürlich sofort bereit, dem Peter seine Stimme zu geben. Aber ihre Gesichter veränderten sich, als jetzt die Tante ihre Geschichte vorlas:

Mitten in der Nacht, denkt mal, erscheint neulich bei verschlossener Tür ein Hampelmann vor meinem Bett. Kinder, Kinder, wie sah der aus! Ein grüner Bart — denkt nur: ein grüner Bart — hing ihm von den Augenwimpern bis auf sein gelbes Strumpfband herab, das er aber nicht ums Bein, sondern um den Hals trug. Von seiner übrigen Kleidung läßt sich wenig erzählen, denn er hatte nichts weiter an als eine weiße Badehose. Und auf was kam das Männlein dahergeritten? Ihr denkt auf einem Strohwisch? Falsch. Ihr denkt auf einem Igel? Noch falscher. Auf einem Löwen kam er daher! Aber der Löwe war so sanft, als hätte er niemals Menschen und Tiere gefressen, sondern als wäre er mit Käsestullen großgefüttert worden. So glich denn auch sein Haarschmuck mehr einem Tintenwischer, als einer königlichen Mähne. Aber jetzt öffnete er seinen Rachen; sogleich riß der Hampelmann auch seinen Mund auf, beide rollten wie rasend die Augen, sie verknäulten sich ineinander, und ich wüßte meiner Treu nicht zu sagen, ob der Löwe den Hampelmann oder der Hampelmann den Löwen verschlungen hat, denn schon im nächsten Augenblick war von Beiden keine Spur mehr übrig.