Heinz Peter erklärte ritterlich, dagegen sei seine Geschichte ein Quark; und nun stimmte der Lux auch für Tante Li. Aber da sagte Onkel Ri, indem er lächelnd sein eignes Blatt zerriß: „Aber Peters Geschichte ist einfacher!“ Worauf die Tante ebenso lächelte und ihre Stimme dem Peter gab. Also stand die Entscheidung bei der Ursel, und sie ging schon mit sich zu Rate, ob sie wirklich großmütig sein und als dritte für ihn stimmen sollte, als er plötzlich großspurig auftrumpfte, er wolle nicht aus Gnade gewinnen. Worauf der Onkel ihm erst die Schulter klopfte und ihm dann das Punschglas gefüllt zurückgab. „Da also“, fügte der Onkel hinzu, „wieder keiner gewonnen hat, wollen wirs jetzt noch einfacher machen, d. h. so schwer wie irgend möglich. Außer den ausgegebenen Wörtern darf kein anderes Hauptwort benutzt werden; jedes aufgegebene Wort darf nur einmal verwendet werden und nur in der vorgeschriebenen Reihenfolge. Je knapper die Sätze sind, desto besser.“
Die Ursel war nahe daran, zu weinen; der Onkel Ri hatte sicher gemerkt, daß sie den Bengels den Sternpreis nicht gönnte, darum stellte er so verschmitzte Spielregeln auf, die ihr den Kopf ganz wirblig machten. Und noch dazu wurden auch diesmal wieder lauter Ulkwörter vorgeschlagen; sogar sie selber nannte solche, sie wußte garnicht wieso eigentlich. Die zehn Wörter standen in folgender Reihe: Elefantenküken, Ballettdame, Aquavit, Hundekuchen, Stricknadel, Menschenfeind, Rosenkranz, Pfropfenzieher, Monokel, Kiste. Da konnte doch wirklich kein artiges Mädchen, das eine richtige Dame werden wollte, einen vernünftigen Sinn hineinbringen. Trotzdem brachte sie zu ihrem Erstaunen eine ganz hübsche Schnurre zustande, worin das Elefantenküken, die Ballettdame und der Menschenfeind mit all den andern Dummheiten in eine große Kiste gepackt und so lange geschüttelt wurden, bis der Menschenfeind sich zu bessern versprach. Sowohl der Onkel wie die Tante waren sehr zufrieden damit; blos das Wort Menschenfeind hatte sie zweimal gebraucht. Und das Licht gewann doch der Peter Heinz, er trug im Leutnantston Folgendes vor:
Äh, wissen schon? Elefantenküken. Äh: verliebt in Ballettdame. Sie abjeschnappt, er sich in Aquavit besoffen und Hundekuchen dazu jefressen; äh, mit Stricknadeln notabene, janz verrückt. Menschenfeind dabei jemimt: äh, Rosenkranz jebetet, Pfropfenzieher jeschluckt, Monokel injeklemmt, krepiert. Dolle Kiste.
Da mußten sie alle so kreuzvergnügt lachen, daß er einstimmig das vierte Licht bekam. „Und nun,“ sprach der Onkel Ri mit erhobenem Zeigefinger, „nachdem wir nun zur Genüge gelernt haben, worauf es bei dem Dichterspiel ankommt, darf sichs jeder wieder so leicht machen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, nur muß es nachher auch allen Andern ebenso leicht in den Schnabel passen; das nämlich ist das Allerschwerste. Und deshalb darf sich diesmal jeder zwanzig Minuten Zeit lassen.“ Aber das ließ die Ursel nicht gelten; was sollte denn der Lux von ihr denken! „Höchstens fünfzehn Minuten,“ rief sie beharrlich; denn sie wußte sehr wohl, daß Onkel Ri blos ihretwegen zwanzig vorschlug, und daß die Buben sie beim Nachhauseweg immerfort damit foppen würden. Und dann nahm sie sich so mächtig zusammen, daß sie garnicht mehr an den Sternpreis dachte und schon nach neuneinhalb Minuten als allererste fertig wurde. Die ausgegebenen Wörter hießen: Bücherschrank, Drehorgel, Roastbeef, Schnapsflasche, Radieschen, Blauschwänzchen, Kirchturm, Gemüsewagen, Puppentheater, Glasfabrikation. Und siehe da: das fünfte Licht wurde auf Antrag der beiden Heinze einstimmig der Ursel zugesprochen. Ihre Geschichte lautete:
Ein Blauschwänzchen hatte Freundschaft mit einem Radieschen geschlossen. Sie waren aber beide sehr arm, und das Blauschwänzchen litt manchmal großen Hunger. Das Radieschen, dessen Kusinen öfters auf dem Gemüsewagen zur Stadt gefahren waren, sagte zu dem Blauschwänzchen: Fliege doch auch mal in die Stadt, da gibt es Roastbeef und Leipziger Allerlei. Aber das Roastbeef war zu grob für das Blauschwänzchen, und das Leipziger Allerlei war versalzen. Da wollte es sich bei einem Puppentheater als Singvögelchen anstellen lassen; aber es kam nur ein Mann mit einer Schnapsflasche, und eine Drehorgel wurde gespielt, und auf der Bühne stand ein Bücherschrank, aber zu essen gab es nichts. Der Mann war der Theaterdirektor und sagte zu dem Blauschwänzchen: Ich rate dir die Glasfabrikation zu erlernen, dabei kann man viel Geld verdienen und sich die feinsten Sachen kaufen. Aber die Glasfabrikation war für das Blauschwänzchen eine viel zu heiße Arbeit. Da flog es auf den Kirchturm hinauf und sah sich nach allen Seiten um und flog wieder zurück aufs Feld; und weil es noch immer hungrig war, fraß es das kleine Radieschen auf. Als es aber damit fertig war, fiel dem Blauschwänzchen plötzlich ein, daß das Radieschen sein Freundchen gewesen war; und nun grämte es sich so sehr, daß es wie unsinnig hin und her flog und sich endlich zu Tode flog. Dicht bei dem Kirchturm in der Stadt ist es aus der Luft heruntergefallen.
Die Ursel konnte es garnicht fassen, daß die Andern die Geschichte so lobten. Und kaum hatte der Heinz Lux ihr das Licht geholt, als die Uhr Mitternacht zu schlagen anfing, und draußen auf der Straße wurde „Prost Neujahr“ gerufen. Nun stießen sie alle mit den Punschgläsern an, und da fiel der Ursel der Sternpreis wieder ein, denn nun wurde ja gleich der Weihnachtsbaum geplündert. Merkwürdig, daß ihr jetzt auf einmal garnichts mehr an dem Leckerkram lag; es war doch eigentlich das Schönste, daß schließlich jeder gesiegt hatte. Aber da sprach der Onkel Ri: „Jeder von uns, meine Herrschaften, hat heute Abend ein Licht gewonnen, aber die Ursula ist die Jüngste und weiß noch am wenigsten von der Welt; also hat sie am meisten aus sich selbst ersonnen, und deshalb gebührt der Sternpreis ihr.“
Und als nun die Heinze ganz ehrlich Beifall klatschten, da stieg ihr die Glückseligkeit so siedend heiß in die Augen hoch, daß sie der Tante Li um den Hals fiel, damit die Andern das Tränchen nicht sehen sollten. Und sie nahm sich vor, die leckersten Zacken beim Nachhauseweg den Buben zu geben, besonders aber dem frechen Heinz Lux, den sie doch eigentlich garnicht leiden konnte.
Der Allerseelenspiegel
Eine Traumgeschichte