Es fing schon an dunkel zu werden, und Liselotte saß noch immer ganz alleine in dem großen Hause, in dem es so schaurig nach Essig roch und weißen Blumen. Denn vorgestern Nacht war der Großvater gestorben, und jetzt waren Alle hinaus nach dem Friedhof, um ihn begraben zu helfen; darum saß sie allein.

Sie fürchtete sich aber garnicht. Denn sie war schon fast sieben Jahre alt, und Großvater hatte immer gesagt: wer sich fürchtet, der kommt nicht in’n Himmel.

Blos hungern tat sie ein bißchen. Aber von Tante Agathens Topfkuchen, der in der dunklen Stube stand, mochte sie lieber nichts nehmen heute: weil alles so sehr nach Essig roch. Also sah sie zum Fenster hinaus.

Sie traute sich aber nicht aufzumachen: weil sonst auch der schöne Blumengeruch mit wegging. Darum legte sie nur das Kinn auf das Fensterbrett, und sah hinunter über den Fluß, und drüben den schwarzen Bergwald hinauf, wo oben der runde Mond schon glänzte, ganz still wie ein Spiegel.

Wenn der nun auf einmal herunterrollte! den hohen Berg und ins Wasser. Denn Großvater hatte immer gesagt, es sei gar kein Spiegel; es sei eine schwere steinerne Kugel, viel schwerer als ein Zentner.

Die würde dann also alles totschlagen: die Bäume, die Schiffe und die Häuser, und Großvaters Lehnstuhl, in dem sie saß. Und Liselotte machte die Augen zu: weil sie sich doch nicht fürchten wollte.

Denn er konnte ja garnicht herunterrollen. Er war ja festgebunden an den Himmel, vom lieben Gott, mit unsichtbaren Ketten.

Wenn er nun aber doch herunterrollte? — Da faltete sie die Hände zusammen, und machte die Augen noch fester zu, und betete heimlich ein Lied, das Großvater ihr gedichtet hatte:

Ich heiße Liselotte,