Und als sie das gebetet hatte, kam ihr der Mond auf einmal so wunderlich vor, daß sie die Augen garnicht mehr aufmachen mochte, wie im Traum. Ganz hell und offen stand der goldne Kreis da oben, daß man nur einfach hineinzugehn brauchte, dann war man im Himmel.

Blos großen Hunger mußte er auch wohl haben; noch größeren als sie selber. Denn solchen großen dunkeln Mund, wie er in seinem blanken Gesicht jetzt machte, hatte sie nie im Leben gesehen.

Aber von Tante Agathens Topfkuchen konnte sie ihm doch wirklich nichts bringen; da waren ja nicht einmal Mandeln drin. Also nahm sie ihr neues Handkörbchen mit, das silberne, und ging durch den Garten die Gasse hinunter, wo der Konditor Friedrich Zerwes wohnte, und kaufte zwei Stückchen frische Nußtorte; davon wollte sie ihm eins abgeben.

Als sie nun immer weiter wanderte, über die Brücke den Berg hinauf, kam sie auch an dem Friedhof vorbei, in dem der Großvater begraben lag; dicht neben Mutterchen, hatte Vater gesagt. Und auch ihr Schwesterchen Liselore lag da; das hatte sie aber nicht mehr gekannt. Und als sie durch das dunkle Gittertor sah, da brannten lauter Lichter auf all den Gräbern, und weiße Blumen blühten dazwischen, denn es war Allerseelentag.

Da wollte sie schnell noch erst nachsehen, ob Großvaters Seele wirklich noch lebte; denn neulich hatte er ihr erzählt, daß man die Seele nicht mitbegraben könne. Aber da suchten schon so viel fremde Leute nach Seelen, daß sie sich zwischen den tausend Lichtern verirrte; und als sie endlich müde beiseite ging, da war auch der Mond oben weggegangen, und Keiner kümmerte sich um sie.

So stand sie traurig mit ihrem Körbchen im Dunkeln, da wo die Gräber der Armenkinder sind, und wollte fast schon zu weinen anfangen, so sehr alleine war ihr zumute.

Auf einmal regte sich etwas hinter ihr, und als sie erschrak und sich umdrehte, kam zwischen den Gräbern ein kleines Mädchen auf sie zu, mit einem geflickten Röckchen an und einer lila Schürze darüber. Das hatte solche goldigen Augen, daß Liselotte im stillen dachte: noch schöner als mein silbernes Körbchen.

Das arme Mädchen aber sprach leise: ich habe nichts weiter für mein Schwesterchen — und dabei holte es unter der Schürze einen kleinen kreisrunden Spiegel hervor und stellte ihn auf ein kahles Grab.

Da wollte doch Liselotte sie trösten, und streichelte freundlich den kleinen Hügel und kniete wie sie vor dem Spiegelchen nieder. Als sie nun aber hineinblickte so: siehe, da waren die tausend Lichter des ganzen Friedhofs darin zu sehen, und alle die weißen Blumen dazwischen, daß ihr das Körbchen fast hinfiel vor Staunen, und war Ein Glanz und Eine Herrlichkeit.

Das arme Mädchen aber lächelte nur und nickte Liselotten still zu; und ganz glückselig zeigten sich beide, wie reich nun das Grab des Schwesterchens war, viel reicher als irgend ein anderes.