Dreitausend Jahre wühlte der König der Zwerge und grub sich höher und höher hinauf. Die Haut um seine Finger war schon ganz dünn davon geworden, sodaß die kleinen Hände ganz rosarot aus seinem schwarzen Sammtmantel kuckten; aber immer sah er das Licht noch nicht. Nur tief von unten schimmerte noch ein blaues Pünktchen zu ihm herauf, aus seiner siebenten Höhle her; aber um ihn und über ihm war alles schwarz. Auch etwas magerer war er geworden, und die Nase noch spitzer.

Da überlegte er, ob er nicht lieber zu seinem Volk zurückkehren sollte; aber er fürchtete, dann würden sie ihn absetzen und wirklich in ein Irrenhaus sperren. Also ging er aufs neue an die Arbeit mit seinen rosaroten Zwerghänden, und grub nochmals dreitausend Jahre lang, und es wurde immer dunkler um ihn her, bis schließlich auch das blaßblaue Pünktchen tief unten hinter ihm verschwand. Als er nun garnichts mehr sehen konnte, hörte er auf zu wühlen und sprang in die Höhe und wollte sich den Kopf einstoßen, so furchtbar traurig war ihm zumute.

Da ging auf einmal die Erde entzwei über ihm, und er schrie laut auf vor Entzücken und schloß die Augen vor hellem Schmerz, so viele Farben gab es da oben, als ob ihn tausend bunte Messer stachen, bis ins Herz. Denn hoch im Blauen über der Erde, viel höher als er gegraben hatte, so hell wie alle Farben in eine verschmolzen, stand eine große strahlende Kugel, und Alles war Ein Licht.

Als er es aber ansehen wollte und seine Augen wieder aufschlug, da war er blind geworden und fiel auf die Stirn. Und er fühlte, wie schwach sein Königsherz war, und wie sein schwarzer Mantel vor Schreck mit ihm zusammenwuchs, und daß er kleiner und kleiner wurde und seine Nase immer spitzer, und plötzlich rutschte er zurück in die Erde.

Seit dem Tage gibt es Maulwürfe hier oben, und darum haben sie ein schwarzes Sammetfell und rosarote Zwerghände und sind blind. Und manchmal, wenn die Sonne recht kräftig scheint, dann stoßen sie ein Häufchen Erde hoch und stecken die spitze Nase an die Luft, vor Sehnsucht nach dem Licht.

Die bekümmerte Löwenkröte

Ein Märchen für kleine und große Leute

Nun will ich euch eine Geschichte erzählen, die mir einmal vor einem Schaufenster eingefallen ist, als ich eine kleine chinesische oder vielmehr koreanische Porzellandose betrachtete, die in sonderbarer Verschnörkelung einen schwermütigen Löwen vorstellte. Ich tue es nur, damit ihr Lust kriegt, euch bei merkwürdigen Dingen, die ihr seht, selber allerlei Neues zu denken. Wenn ihr das dann mit rechter Lebendigkeit Andern mitteilt, kommt ihr in den Ruf, daß ihr furchtbar tiefsinnig seid und schreckliche Dinge in euerm Herzen beherbergt, die ihr nur deshalb den Leuten aufbinden wollt, damit sie euch für ein Wundertier halten. Und außerdem habt ihr noch das Vergnügen, daß ihr so klug bleibt, wie ihr wart, während die Andern sich so die Köpfe über euch zerbrechen, daß sie manchmal rein dumm davon werden. Also paßt auf!

In einem asiatischen Urwald lebte zu Olims Zeiten ein großes Tier, wie vorher noch keins zur Welt gekommen war und wohl auch nie mehr eins wiederkommen wird, von so erstaunlicher Mißgestalt. Es hatte den Kopf eines Löwen und den Leib einer Kröte, das heißt einer Riesenkröte, sodaß es noch größer war als ein gewöhnlicher Löwe. Dabei war es nicht etwa ein bösartiges Tier, obwohl es mit seinem gewaltigen Rachen und seiner dicken Panzerhaut allgemeines Entsetzen erregte; sondern weil es eben den Magen einer Kröte hatte, nährte es sich wie alle Kröten von unnützen kleinen Kriechtieren. Besonders den Giftschlangen stellte es nach, trieb sie aus ihren Schlupflöchern und ließ sich ihre Eier schmecken. Sonst machte es von seinen Raubtierkräften nur dann Gebrauch, wenn irgend ein anderes großes Tier sich einmal gar zu dreist aufspielte; dann brachte es ihm Mores bei, war also im ganzen den Urwaldbewohnern recht nützlich.

Auch war es durchaus kein häßliches Tier. Seine harte runzlige Krötenhaut schimmerte goldbunt wie ein Paradiesvogelsittig, mit großen tiefblauen Tupfen gesprenkelt, wovon sich die hellbraune Löwenmähne in majestätischen Locken abhob. Nur etwas schwerfällig war es gebaut; der breite Leib war zwar nicht so plump wie bei den gewöhnlichen Riesenkröten, drückte aber die mächtigen Löwentatzen beim Gehen doch etwas zu Boden, und das bekümmerte sein Gemüt. Es gelang ihm wohl, riesige Sprünge zu machen, die selbst die Sprünge der Löwen übertrafen, aber richtig rennen konnte es nicht und gemächlich laufen auch nicht recht; und das traurige Untier meinte immer, wenn es das könnte, würde es lustig werden.