Wenn dann so einer — ich habe von weitem mal zugesehen und sage euch, es war sehr komisch — vor den langen Balken kam, dann stand er zuerst wie angewurzelt und sah sich furchtsam um wie ein Dieb. Er faßte sich aber doch ein Herz und setzte einen Fuß vor den andern, bis etwa in die Mitte des Balkens. Wenn er dann aber ins glatte Wasser sah, wo sich tief unten der Himmelkreis spiegelte, und sah sich selbst da im Wasser hängen, den Kopf nach unten, am schmalen Balken, und nirgends ein Halt im tiefen Luftraum, und plötzlich kamen die stillen Vögel mit Kreischen und Krächzen herbeigeschossen, ihm immer kreuz und quer um den Kopf, und unten im Himmel ebenso, bis alles ihm drunter und drüber ging und ihm vorm Tod wie vorm Leben schwindelte: da wollte er wohl die Augen schließen, lag aber plumps schon drin im Wasser. Und während er pruhstend mit Mühe und Not ans Ufer des Beckens zurückschwamm, erschien der alte Wodtke wieder in seiner weitgeöffneten Türe, und lachte daß das Echo dröhnte, und streichelte seine beiden Vögel, die sich auf seine Schultern setzten.
Ein Einziger hat es einmal versucht, bei Nacht über den Balken zu kommen; das war der dicke Herr Landgendarm. Der hatte eigentlich gar kein Recht, sich um die Wasserleitung zu kümmern, besonders da der alte Wodtke selbst eine Art Polizeiperson war und ohne Aufseher über sich. Aber der dicke Herr Landgendarm hatte die Andern immer gefoppt, wenn sie so pudelnaß vom Berge kamen, und wollte den Bauern mal beweisen, daß er der schlauste von allen sei; dachte vielleicht auch eine Belohnung zu kriegen, wenn er den alten einäugigen Kerl mal orndtlich bei den Ohren nähme und ihm die Hochmutsmucken austriebe.
Also faßte er den Plan, nicht aufrecht über den Balken zu gehen, sondern rittlings bei Nacht hinüberzurutschen, indem er meinte, dann schliefen die Vögel. Die Vögel schliefen aber nur abwechselnd; und als er mit seinen dicken Beinen in der Mitte des Balkens saß, weckte die Möwe den alten Wodtke. Schwapp, kippte er den Balken ein bißchen. Und der erschrockene Herr Gendarm, den seine enge Uniform und der schwere Säbel am Schwimmen verhinderten, wäre beinahe elendig ertrunken, wenn nicht im letzten Augenblick der alte Wodtke den Hahn gedreht und das Wasser des Beckens hätte ablaufen lassen; da konnte der zappelnde Reitersmann, naß wie er war, zurückwaten.
Seit der Zeit meinten die Leute im Ernst, die Möwe und Krähe seien zwei böse Geister, und da begann erst der Schabernack arg zu werden. Wenn der Alte bei seiner Arbeit war, gingen sie hinterrücks an den Zaun und warfen mit Steinen nach seinen Vögeln. Die Vögel konnte zwar keiner treffen, weil sie zu hoch und zu schnell im Zickzack flogen; aber die Steine fielen herunter und schlugen in seine Gartenbeete, die rings um die Wasserbecken lagen. Anfangs nahm er es ruhig hin und warf sie einfach zurück übern Zaun; das machte die Leute aber nicht friedlicher, sondern im Gegenteil nur noch erboster, und sie ließen sich einen Geisterbeschwörer kommen, der ihm die Vögel wegfangen sollte. Na! den bespritzte der alte Wodtke so gründlich mit einem kalten Strahl, daß er schleunigst wieder nach Hause reiste; und nun erging es den Bauern schlimm.
Denn der Alte vom Berge — so nannten sie ihn jetzt — war durch die ewige Einsamkeit allmählich menschenfeindlich geworden, und beschloß es ihnen mal einzutränken. Er ließ auf einmal am nächsten Tag so mächtig viel Wasser ins Land laufen, daß nun wirklich eine Überschwemmung entstand, und die dauerte von Ostern bis Pfingsten. Mancher bekam dadurch ein Einsehn, aber grade die reichsten nicht; denn die meinten, sie hätten den größten Schaden, und warfen ihm Briefe über den Zaun, worin sie drohten ihn abzusetzen, trotzdem sie ihn lebenslänglich angestellt hatten. Worauf er einfach sofort den Haupthahn abstellte und gar kein Wasser mehr laufen ließ, sodaß eine schreckliche Dürre eintrat. Und Niemand wußte mehr aus noch ein, denn in der ganzen Gegend war Keiner, der von der Wasserleitung genug Verstand, um rasch sein Nachfolger werden zu können.
Da lebte nun dort in einer Hütte ein armer kleiner Hirtenjunge. Seine Eltern stammten aus einer fremden Gegend und hatten deshalb kein eigen Land, und er mußte den Bauern die Schafe hüten. Er war an Heiligabend geboren und letzte Weihnacht zwölf Jahre alt geworden; und mit Namen hieß er Michel Krist. Es konnte ihm eigentlich gleichgiltig sein, daß es den Bauern jetzt so schlecht ging; denn er war das Hungern und Dursten gewohnt, auch wenn sie gute Ernten hatten. Aber es tat ihm trotzdem leid, wenn Menschen und Tiere jammerten, besonders wenn seine Schafe blökten auf den vertrockneten Weidefeldern.
Dem war es nun immer ein Rätsel gewesen, warum sich der alte einäugige Mann so einsam auf seinem Berge hielt, und warum die Leute ihn schimpften und ärgerten, und warum er sie dann noch ärger ärgerte. Denn Michel Krist hatte zwei helle Augen, die in jedermann etwas Gutes entdeckten; und wen er mit diesen Augen anlachte, der mußte unfehlbar mitlachen, selbst wenn man ihm vorher böse sein wollte. Drum hatte er auch vor bösen Geistern nicht die geringste Furcht im Leibe; ihm waren noch niemals welche begegnet, obwohl er sehr oft im Dunkeln allein war, und kannte alle Vögel des Himmels, wie sie bei Tag und bei Nacht herumfliegen. Und über einen Balken zu gehen, schien ihm erst recht kein gefährliches Kunststück; denn er war von klein auf barfuß gegangen, und an den breiten Wiesengräben, wo seine Heerde am liebsten weidete, lief er tagtäglich zum Zeitvertreib, ohne daß ihm je schwindlig wurde, über die längsten Brückengeländer.
Als die Gräben nun immer mehr austrockneten, kam er zuletzt auf den Gedanken, den Alten vom Berge mal zu besuchen und ihn einfach zu fragen und zu bitten, ob er nicht wieder gut sein wolle. Also begab er sich eines Morgens in aller Frühe auf den Weg; ging aber erst auf einen Acker und grub sich einen Engerling aus. Den wollte er der Krähe mitbringen; denn unser kleiner Michel wußte, daß Krähen die Engerlinge gern essen. Und aus einem Gemüsegarten nahm er sich eine recht fette Schnecke mit; die sollte für die Möwe sein.
Damit sie ihm nicht die Tasche beschmutzten und unterwegs nicht etwa erstickten, wickelte er die zwei kleinen Tiere säuberlich in ein großes Kohlblatt und trug sie behutsam in der Hand. Natürlich, Jungens, wie ihr euch denken könnt, tat es ihm auch etwas leid um sie, daß sie lebendig aufgefressen werden sollten. Aber der kleine Michel wußte, daß alles Lebendige einmal sterben muß auf Erden; und seine halbverdursteten Schafe und die vielen unzufriedenen Menschen taten ihm doch noch etwas mehr leid als so ein häßlicher Engerling und eine schleimige Gartenschnecke. Und er wollte doch auch den Vögeln was zukommen lassen.