Eine Geschichte die wirklich einmal geschehen sein soll
Nämlich, Jungens — die Leute waren schon jahrelang unzufrieden mit dem alten Wodtke, alle Leute in der ganzen Gegend. Er aber saß oben auf seinem Berge, in seinem einsamen Wärterhäuschen, und kümmerte sich nicht darum.
Eigentlich hätte er tun müssen, was die Leute unten im Land verlangten; so wenigstens meinten diese selber, besonders die reichen unter ihnen, denn die hatten ihn angestellt. Er sollte die große Wasserleitung in Ordnung halten, die oben auf dem Berge lag, und deren Röhren hinabliefen in alle Felder und Wiesen und Bauernhöfe, um alle richtig mit Wasser zu versorgen. Und er hielt sie auch ganz gut in Ordnung; aber wenn einer mal viel Wasser brauchte, dann meinte der Nachbar, er kriege zu wenig, oder wenn dieser nun nachbekam, dann schrieen alsbald die andern Nachbarn, das sei die reine Überschwemmung, und schließlich wars keinem recht gemacht.
Darum hatte der alte Wodtke sich eines Tages anders besonnen: hatte den Leuten den Zutritt versperrt zu seinem amtlichen Gebiet und kümmerte sich um Niemandes Wünsche mehr. Sondern er saß da hinter seinem Zaun, zwischen den mächtigen Wasserbecken, die in Terrassen über einander lagen; und auf der obersten Terrasse, mitten im größten der großen Becken, stand wie ein Turm sein steinernes Häuschen, zu dem nur ein langer schmaler Balken über das stille Wasser führte. Von dort aus besah er mit seinem einen Auge — denn auf dem andern war er blind — durch ein Fernrohr die ganze Gegend, die Dörfer und das flache Land, bis dahin wo die Wälder anfingen und bläulich in den Himmel verschwanden, und ließ zu jedermann soviel Wasser laufen, wie’s ihm von oben gut und nötig schien.
Das gab nun zuerst einen wahren Aufstand unter den Leuten ringsherum, obgleich sie im ganzen nicht schlechter versorgt wurden, vielleicht sogar etwas besser als früher; doch weil sie nicht mehr dreinreden durften, fühlte sich jeder zurückgesetzt, und kamen in hellen Haufen herauf und wollten das Wärterhäuschen stürmen. Je näher sie aber an den Zaun kamen, umso stiller und stiller wurden sie; die großen Wasserbecken, die alle den Himmel spiegelten, lagen da so feierlich, daß sich keiner mehr laut zu reden traute. Blos etwa ein Dutzend der ärgsten Murrer, die kletterten dennoch über den Zaun und näherten sich dem einsamen Turm.
Der alte Wodtke stand ganz ruhig in seiner weitgeöffneten Türe, blickte erst auf die Leute drüben, dann auf den langen Balken vor sich, und lachte in seinen grauen Bart; hinter ihm blitzten die hundert Hähne und Drehklinken der Leitungsröhren. Da merkte das Dutzend Störenfriede, daß man nur einzeln hinüberkommen könne; und wie der Alte sein eines Auge funkelnd von Mann zu Mann richtete, hatte keiner den Mut dazu. Und plötzlich erhob sich in dem Turm ein seltsames Kreischen und Gekrächze, daß jeder verwirrt in den Himmel glotzte; worauf der Alte ihnen den Rücken wandte und schließlich alle froh waren, daß sie zum Zaun zurücklaufen konnten. Dort sagten sie den Wartenden, es gehe hier nicht mit rechten Dingen zu, der alte Wodtke habe den Zauberblick und stehe mit bösen Geistern im Bunde; und also zog der ganze Haufen wieder hinunter ins flache Land.
Es gab aber doch verschiedene Schlauköpfe, die an den Geisterspuk nicht recht glaubten, und meinten, sie würden den Alten schon unterkriegen; das waren natürlich die Unzufriedensten. Die schlichen jetzt öfters allein um den Zaun, weil keiner dem andern das Wasser gönnte, und dachten jeder dem alten Bären einen besonderen Vorteil abzuluchsen. Sie hatten auch bald herausgekundschaftet, daß er Nachmittags gewöhnlich ein Schläfchen machte, und was es mit dem Gekreisch und Gekrächze für eine einfache Bewandtnis hatte.
Vollkommen einsam nämlich lebte der alte Wodtke nicht. Sondern er hatte sich zwei Vögel gezähmt, einen weißen und einen schwarzen, eine Möwe und eine Krähe. Die saßen meistens bei ihm im Turm; nur wenn er bei der Arbeit war oder bei seinem Nachmittagsschläfchen, dann flogen sie über den großen Wasserbecken wie eifrige Wächter hin und her. Sie flogen dann ganz leise und lautlos, immer im Zickzack schwarz und weiß, als ob sie Tod und Leben spielten. Ich habe sie selbst mal so fliegen sehen, als ich vorbeiging und über den Zaun kuckte; doch braucht ihr drum nicht etwa zu denken, ich hätte hinüberklettern wollen, denn ich bin mit dem alten Wodtke niemals unzufrieden gewesen.
Die unzufriedenen Schlauköpfe aber, wenn sie sich auch bei Nacht nicht hinauftrauten, weils ihnen mit den wachsamen Vögeln doch nicht recht geheuer schien, die wollten sich seine Nachmittagsruhe heimtückisch zunutze machen und ihn dabei überrumpeln und zwingen.