Das brachte sie wieder zur Besinnung. Und da ihr nichts andres mehr übrig blieb, faßte sie jetzt in der Tat den Entschluß, bei den gewöhnlichen Löwen und Kröten so höflich wie möglich ihr Glück zu versuchen. Ihr braves Krötenherz schämte sich schon des löwenhäuptigen Wutanfalls, und sie verzieh dem gekränkten Kameel seine unerträgliche Redseligkeit. Vielleicht hatte es doch sein dummes Getue von A bis Z völlig ernst gemeint und hielt sich nur in seiner Dummheit für einen Ausbund von himmlischer Weisheit.
Mit solchen Gedanken kam sie an den Sumpf, in dem die Riesenkröten hausten, und hörte richtig schon von ferne ihr glucksendes Lachen durchs Röhricht tönen. Halt! sagte sie sich in ihrem Löwensinn: da brauch ich vielleicht erst garnicht zu fragen, sondern sehe, was sie so fröhlich macht.
Vorsichtig schlich sie im Röhricht näher und spähte durch die dichten Halme. Da saß eine ganze Krötengesellschaft um ein riesiges Wasserpflanzenblatt, auf dem es von kleinen Schnecken und Würmern, Maden und Schlammkäfern wimmelte, und die Kröten glucksten vor Vergnügen über die fette Abendmahlzeit und patschten sich die feisten Bäuche, daß der Sumpfboden davon wackelte.
Nein! dachte unser trauriges Untier in seinem vornehmen Löwensinn: Wenn das ihre ganze Freude ist, dann will ich lieber darauf verzichten; das ist denn doch zu ekelhaft! — Also beschloß es, die Löwen aufzusuchen.
Inzwischen war die Nacht angebrochen, und im Urwald herrschte bereits tiefe Stille, sodaß die Löwenkröte schon meinte, den Besuch bis morgen aufschieben zu müssen. Aber es war eine helle Mondnacht, und plötzlich erscholl durch die Dämmerung ein so gewaltig donnerndes Lachen, daß es nur von mehreren Löwen herrühren konnte, und zugleich ein jämmerliches Geschrei.
Unser Untier kroch durch das dunkle Dickicht so rasch wie möglich der Stelle zu, wo der seltsame Lärm sich erhoben hatte, und kam an eine schmale Lichtung, die ganz verklärt vom Mondschein war. Da sah es nun, wie vier große Löwen einen armen Affen an Händen und Beinen gepackt hielten und ihn so bei lebendigem Leibe in vier Stücke zerreißen wollten. Der schnitt natürlich mit seinem Gesicht die fürchterlichsten Grimassen dabei, und das machte den Löwen solchen Spaß, daß sie wieder ihr brüllendes Lachen ausstießen und so den Gequälten ein wenig locker ließen; der schrie dann natürlich noch jämmerlicher, worauf sie noch gräßlicher an ihm rissen und dazwischen wieder laut loslachten.
Unser Untier konnte nicht länger still zusehn; sein gutmütiges Krötenherz empörte sich schließlich bis in sein wildes Löwengehirn, und plötzlich sprang es mit einem Gebrüll, wie noch nie eins im Urwald erschollen war, mitten hinein in den scheußlichen Knäuel. Erst schlug es den armen Affen tot, daß der sich nicht länger zu quälen brauchte; dann fuhr es mit seinen klotzigen Tatzen auf die verdutzten Löwen los. Der eine hatte vor Schreck gleich Reißaus genommen; die andern drei merkten nach einigem Katzbalgen, oder wußten auch schon von Hörensagen, daß sie der bunten Panzerhaut der Löwenkröte nichts anhaben konnten, und zogen sich nach etlichen Maulschellen, die sie weniger ausgeteilt als empfangen hatten, mit respektvollem Grunzen ins Dickicht zurück.
Da saß nun das siegreiche Ungetüm in der vom Mondschein verklärten Lichtung neben der blutigen Affenleiche; und da auf einmal — wie ihr euch denken könnt — ging ihm durch Herz und Hirn zugleich eine unendliche Erleuchtung. Es konnte zwar immer noch nicht lachen; aber mit einem Lächeln gen Himmel, das jeder Traurigkeit hellen Hohn sprach, ergab es sich in sein Untierschicksal, gern eine Löwenkröte bleibend.
Und auch die Affen sind Affen geblieben, die Papageien Papageien, und das heilige Kameel ein Kameel.