„Wolken?“ fragte sie zögernder.
„Ja“ — sagte er kleinlaut und blickte weg; kein einziges Wölkchen stand am Himmel.
„Wo denn aber?“ fragte sie ebenso kleinlaut.
Er schwieg.
Wie sie ihn schon in der Eisenbahn mit ihrer Neugier fortwährend gepeinigt hatte! Na, Gott sei Dank: jetzt schien sie auch mit einzuschlafen. „Schwarzer, Brauner“ — „Schwarzer, Brauner“ — hörte er wieder den Trott der Gäule. Jetzt war sie schon im Nicken. Die Peitsche hatte sie wohl eingewiegt.
Er dachte an gestern. Es mochte doch wohl nicht ganz leicht sein, sie immer und immer um sich zu haben. Wie seine Mutter wohl mit ihr auskommen würde? „Du wunderlicher Jung’!“
Eigentlich könnte er den Sonnenschirm aufspannen, den ihm Recha gestern als Geburtstagsgeschenk schon in Bereitschaft gehalten hatte; in manchem war sie doch sehr vorbedacht. Er langte nach dem sorgsam eingehüllten Ding. Aber der Staub, der würde es unsauber machen. Es war doch schließlich ein Geschenk für die Mutter! Das nimmt man doch nicht in Gebrauch vorher. Ach Torheit: kindische Rührgefühle! Nein, Ehrfurcht: der Geburtstag der Mutter! —
Ob seine Geschwister das heute wohl auch so fühlten? verstreut in der Fremde, geboren aus Einem Schooß, der heute vor Jahren und Jahrzehnten in andrer Fremde geboren worden. Schooß aus Schooß — er blickte sein Kind an —: und Schößling neben Schößling. Er sah die nahen jungen Bäumchen an der Straßenkante vorüberschwinden, jedes ewig den andern fern. Er sah sie in der Ferne der Alleeflucht eng zusammenrücken, immer enger; sie führten in die Heimat — von ihr her — fort, fort von ihr — o Elternhaus! —
Ja, so von ferne, jetzt: wie dehnte sich sein Herz den alten Eltern entgegen! Und dann, wie hob’s ihm die Arme hoch, hin um ihren Hals, im ersten Augenblick des Wiedersehens; immer noch. Dann war er ganz ihr Kind, ihr Blut, Leben von ihrem Leben, hingegeben, unbewußt, wie ans Herz der Natur. Er sah sich schon kopfbückend in die kleine Stube treten, durch die niedrige Tür, sah Lindenzweige an die Fensterscheiben tippen, sah die zwei blanken Schränke aus Birkenholz, die Gewehre und Rehgehörne, das wohlig grüne Schattenlicht.
Doch dann — dann trat auch schon das andre Leben mit ihm ein und zwischen sie: das mit den Zweckfragen, die der Mensch sich stellt, der Mensch im Gegensatz zur Natur und also auch zum Mitgeschöpf, zu jedem Allernächsten grade: das Leben des umgestaltenden Geistes, der bewußt gewordene Wille zur Zukunft, der ewige Kampf um neue Kultur.