Dann war er nicht mehr Kind, sie nicht mehr Eltern; dann war er ein Junger, sie noch die Alten. Dann war die liebe Muttersprache — o heiliges Wort dem Fühlenden — kein Verständigungswerkzeug mehr: dasselbe wohlgemeinte Wort, es hatte ihnen anderen Sinn als ihm, so sehr er in kindlicher Scheu sich mühte, den steten Zwiespalt zu verhehlen. Dann war die schattenkühle stille Stube schon manchmal recht schwül und drückend gewesen.

Ob ihm das wohl mit seinem Kinde auch einmal so gehen würde? — Fernliebe?! — Entzückend, wie sie da ahnungslos schlief, im Schatten des schlafenden Kutschers; und heute würde sicherlich sie jedweden Zwiespalt überbrücken. Einst aber? — Ach was! wenns ihr mal paßte, seinethalben mochte sie Seiltänzerin werden!

Er sah die Zügelleinen in der Hand des Fahrenden schaukelnd auf den Schenkeln der trabenden Klepper hüpfen. Auf ihren Rücken, um die schwitzenden Flanken, tanzte das Sonnenlicht hin und her, in großen spiegelblanken Flecken; es war doch unerträglich heiß. Die drei Messingringe aus den Kumten wippten blitzend auf und nieder mit dem Schulterriemzeug — auf und nieder — in Schweiß und Staub; — er sah nach der Uhr. Halbzwölf erst; noch eine Stunde so.

Er horchte wieder auf den Takt der Hufe: Schwarzer, Brauner — auf und nieder — auf und nieder, Schweiß und Staub. Ah, jetzt: vorn vor den müden Pferdehälsen kam wenigstens das Dorf schon hoch, wo immer angehalten wurde. Da gab es was zu trinken. Und zu rauchen. Zigarren vergessen! Er gähnte und lehnte sich zurück; noch fünf Minuten.

Das Geschaukel der Pferdeschenkel wurde immer sonderbarer; förmlich arabeskenhaft schwankten die Spiegelwellen der Flanken. Er schloß halb die Augen; das tat ihm wohl. Wie er alldas bewußt genoß! — Am Kumt die Ringe zuckten glitzernd auf und nieder zu ihm her, wie drei große blendende Sterne; auf und nieder — Schwarzer, Brauner — Schwarzer, Brauner, Weiß und Staub.

Er schloß die Augen etwas fester. Die Sterne blitzten immer weißer. Auf und nieder; weiß und taub.

Nein, das war wohl nicht das rechte Wort; es war wohl Gelb. Ja, Gelb. Süßer gelber Lupinengeruch; so wohlig kühl. Es mußte wohl ein Feld wo sein; Lupinenfeld. Das hatte er wohl übersehen vorhin.

Nein, es war wohl doch nicht gelb. Denn es waren ja Narzissen. Ja, Narzissen. Nein, er träumte wohl; nein, nicht! Denn es waren ja drei große, deutliche Narzissensterne — blendend weiß — nein fünf — nein sieben; sieben weiße Strahlenblüten.

Sieben nickende Narzissen; mit purpurgoldnem Krönchen jede. Sieben schlanke Edeldamen, mit wellenkrausen Schläfenhaaren. O, wie schön! Jede mit so grauen Augen; Mutteraugen. Jede hatte um die zarten Arme lange dänische Handschuh’ an; gelbe.

Und verbeugten sich vor ihm, eine nach der andern, mit den weißen Strahlenhüten. Jede bis zur siebenten. Die hielt einen Spiegel; hatte dunkle Augen, dunkelbraune.