Warum hatte er ihn blos ausgesucht? warum sich von ihm malen lassen? von diesem Schächer der Kunst! Wie er ihn immer anstarrte: als wollt er die Seele ihm aus dem Leibe pinseln — und dann wars nichts als Stückwerk. Was hatte ihn hingeführt zu dem Menschen?! Etwa daß er aus Hamburg war? aus seiner Vaterstadt? — Pah: Heimweh! lächerlich! Kinderkrankheit! — Oder daß er mit seinem Bruder befreundet gewesen? Nun, das vielleicht; er wollte sich wohl absichtlich prüfen. Denn vor zwei Jahren hatten sie Drei da oben hinter Hamburg gestanden, auf den Elbhöhen draußen, bei Sonnenuntergang, die Aussicht über den Strom zu Füßen. Der strömte so breit, als wenn das Meer schon anfinge dort. Und der Maler hatte sich abgewandt, die rauchenden Dörfer jenseits anstarrend, die in der Abendglut zu brennen schienen; denn Er, er machte in Bruderliebe, Jan Goderath senior Nachfolger — er hatte dem Schwächling noch einmal geglaubt, sie waren ja doch Ein Fleisch und Blut — zwei Tage bevor er es kennen lernte, verachten lernte, dies Fleisch und Blut, die ganze menschliche Sippschaft. Was ging ihn jetzt der Mensch noch an! Der hatte wohl gar um alles gewußt, vielleicht die Wechsel gar fälschen helfen. Nun: morgen würde er weiterreisen, ob nun das Bild heut fertig wurde oder nicht.

So trat er in das Haus hinein. Hier war es kühl, die steinerne Stiege frisch gespült; jetzt würde er gleich Ruhe haben. Wenn der Mensch ahnen könnte, wie ihn der Pöbel entzwei gemacht hatte. Ja: Gleichgewicht! die Eintracht zwischen Vernunft und Gefühl, wie zwischen zwei gleich starken Herrschern: wenn Das zu malen wäre, wenn es das gäbe, in einem einzigen Menschengesicht, in Einer Seele von Mann auf Erden: der sollte sein Freund sein! — Da stand der Spitzbart schon in der Türe; Bedientenseele! — Und der also duzte ihn — dem gab er die Hand — — sie gingen vor die Staffelei. Er trocknete sich die Stirn. „Hast du das Kinn nicht zu massig gezeichnet? Ich sehe ja aus wie Bonaparte vor Moskau.“ Der Spitzbart, grinsend: „Mit dem hast du auch manchmal Ähnlichkeit.“ Ach so! das sollte ihm wohl schmeicheln. „Ich habe mit Niemandem Ähnlichkeit; der korsische Dickbauch ist nicht mein Mann.“ Der Andre, kleinlaut: „Das Kinn ist gut. Laß nur die Augen erst fertig sein; es liegt tatsächlich nur an den Augen.“ — „So? Nun, dann kann man wohl anfangen.“ — „Ja.“

Er stieg auf das Trittbrett und lehnte sich an das Pfostengerüst. Der dürftige Raum war drückend warm. Vom Apennin her tönte ein Hornsignal. Sie sahen sich schweigend in die Augen; nur das Geräusch des Malens war noch hörbar. Wie ihn der Mensch wieder anstarrte jetzt! Wie er sich quälte für sein bißchen Brot! So quälten Hunderttausende sich! — Hatte er etwa Mitleid mit ihm? der Reiche mit dem Armen? Er, Goderath Nachfolger — lächerlich! — Er hatte doch damals kein Mitleid gehabt, mit seinem eigenen Bruder nicht, als der um Geld nach Amerika bettelte. Nun gar mit diesem wildfremden Stümper? — „Habt ihr euch eigentlich lieb gehabt?“ hörte er plötzlich wie fernher fragen. Was fiel dem Menschen da drüben denn ein! „Ich spei auf die Liebe!“ er schrie es fast. Warum denn nur? fragte etwas in ihm. — „Entschuldige!“ hörte er. Schweigen.

Und wieder starrten die Augen ihn an. Und wieder starrten sie nordseegrau. Und in dem Grau war etwas Flackerndes. Was war das nur? Das war ja unheimlich. Das war ja viele Meilen fern; wie ein Gespinnst zwischen ihnen, ein flimmernder Strom, und jenseits brennende Dörfer. Und über den Strom her kamen Tausende, barhäuptig, paarweis, auf ihn zu: die trugen einen Toten. Und starrten ihn an mit Menschenaugen, heißhungrig, scheu, halb bettelnd, halb fordernd. Als wäre etwas in ihm, das sie suchten: etwas Vergessenes, Fernes, Klares. Und plötzlich strahlte es auf in ihm, und strömte über, hin zu ihnen: ein Licht, ein Meer, ein Nebelglanz. „Was ist dir, Mensch?“ rief eine Stimme — er wankte, taumelte, verlor das Gleichgewicht. Und heiße Tränen machten ihn blind, und blindlings wankte er in zwei Arme, und küßte den Bart, der ihm soeben noch widerlich erschienen war; küßte ihn weinend wie ein Kind, und lachte, und ermannte sich. O, das war mehr als Vernunft und Gefühl! Das war doch Liebe, nicht Mitleid, nein! Das war die Liebe, leidlos ob Fleisch und Blut! die Eintracht und das Gleichgewicht! Das war die Alles beseelende Liebe.

Die Kniee zitterten ihm, er mußte sich setzen. Er fühlte den kranken Volksmann sterben, der Zukunft zu Liebe, vor der Zeit; er fühlte die Sehnsucht der Tausende leben, wie Brüder zu werden, der Freiheit zu Liebe; er fühlte die Opfer der Arbeit alle, dem Leben Aller, Aller zu Liebe. Und Er? er hatte die Menschen verachtet; er, Goderath, der Menschenkenner! — Er reichte dem Maler die Hände hin: „Ich hab mich versündigt an meinem Bruder“...

Das Gesicht

Eine halbe Stunde Seelenleben

Er saß und konnte nicht los aus diesem lastenden Bann. Immer wieder sank der über ihn, wie ein magnetischer Ring um die Stirn, und lähmte seine Hand. Seit Wochen nun schon: seitdem er wieder gesund war. Immer, wenn er malen wollte. Immer die eine, große, unerfüllte Lust: das Ziel der hundert frohen Mühen und Entwürfe: das Bild, das Bild: ihr Gesicht! — was er auch Neues vornehmen mochte.

Er hörte sie im Nebenraum hantieren, durch den Teppich hindurch. So verhalten klang es, so fremd. Und die Brandflecken auf dem Teppich: wie sie ihn quälend erinnerten! — Er fühlte seine starken Schultern zucken, ohne daß ers wehren konnte. Er sah müde und verächtlich in die Landschaft auf der Staffelei, und warf den Pinsel weg, und sah scheu nach der Wand drüben, nach dem Menschenbild da.

Da hing es und wartete, das letzte von den vielen; das sie noch gerettet hatte aus dem Brande, im letzten Augenblick, aus den fliegenden Flammen. Es war wie ein Alb: diese ungelöste Aufgabe, dies Gesicht.