O gewiß, es war ja fertig: war ja ein Bild: ein Bild, wie nur Er es malen konnte: dies Weib da, mit der Narzisse in den streng gefalteten Händen. Sie duftete fast, die vorgebeugte, makellose, leuchtende Blüte, mit dem purpurgelben Krönchen auf dem weißen Stern; die berauschende Blüte vor den jungen, nackten, vollen Brüsten. Und darüber ihr stumm gewährender Mund. Und darüber die blauen drohenden Augen, groß und dunkel ins Weite gerichtet. Und darüber all ihre Haarglut, schwer und goldrot wie Kupfergold, schwarzgrün umschattet vom dichten Laubwerk des alten wilden Myrtenbaumes, mit den kleinen, schimmerweiß schwellenden Knospen. Ja, seine Freunde hatten gescholten, daß er’s der Welt nicht zeigen wollte; damals.

Aber das war es ja: auch jetzt nicht! Und nie, niemals, bis er das Eine gefunden, das noch drin fehlte, Ihm nur sichtbar: das nur Er vermißte in diesen Bildern: das letzte Rätsel ihres Gesichtes: Das, warum er sie liebte.

O, und nun wars unmöglich: war es zerstört, dies stille lebendige Rätsel: von den Flammen gefressen das Geheimnis ihrer Züge, von Narben zerrissen dieser stolze Hals, diese schmiegsamen Lippen — und um seinetwillen! — Und er hatte doch gewußt, mit seiner ganzen Kraft gewußt, daß es endlich ihm glücken würde, daß er’s ihr ablauschen würde und auf die Leinwand zwingen, dies lockende Wunder. Nicht aus den Augen; nicht aus den Mundwinkeln. Da saß es nicht; in keiner Einzelheit. Auch in der Stimmung nicht; das hatte er alles versucht und getroffen. Es war ein Ausdruck, ein Ausdruck! und er war ihm so nahe gewesen: in seinem letzten Bilde, dem an der Wand da drüben, dem einzigen übrig gebliebenen. Und jetzt, jetzt —? er preßte die Finger ineinander; er hätte sie blutig drücken mögen.

Und all das, weil er sie liebte; grade weil. Und weil er so stark war. Ob es wohl Strafen gab? Strafen der Kraft? aus sich selbst? — Hatte er deshalb den Fuß gebrochen? —

Ob Liebe Sünde war? Nicht überhaupt, aber für Ihn: Sünde gegen die Kunst! Übermannung! — Denn es war ja nicht gleich so gewesen; was ging ihn ihre Seele an. Aber allmählich — o aber das wars ja: das Heilige, auch für den Künstler: Das, was ihm die Augen geöffnet hatte: das Allerheiligste der Form: die bannende Seele, die Gegenseitigkeit alles Lebendigen!

Und so wars denn geworden: das Modell zum Weibe, der Leib zum Wesen, und immer gegenseitiger dem Künstler ihre Schönheit, und immer gegenseitiger dem Menschen ihr Geschlecht. Nein, er wollte es nicht. Nur mit den Augen wollt er sie haben: ihre Augen, die nachtblau dunklen, schwimmenden Blumen, ihr klares waldseestilles Gesicht — Alles! — Und doch: wie er sie dann erkannte, diese Gestalt, Blick für Blick, und Ahnung um Ahnung sicherer wurde, fester im Bilde, und alles sich ihr entgegenspannte in seinen Sinnen, und ihre Innigkeit mit seiner Sehnsucht wuchs: es war ja Natur, Natur! war das Ohnmacht?

Jener Augenblick, nach jenem letzten Bilde, als er sie am Handgelenk heranriß, noch zitternd vor schaffendem Entzücken, und ihr den neuen Ausdruck zeigte, der sie fast enträtselte: diese verlangende Keuschheit — und dann sie ansah, heiß und durstig, das Eine Letzte suchend, daß sie’s nicht aushielt länger und an ihm niederwankte, so warm und schwer, und er an ihr: o Versunkenheit! — Und dann, dann: es war zu hart, zu widersinnig hart vom Schicksal: wie er sie hochgerissen hatte mit tollen Armen, schreiend vor Lust und doppeltem Glücksgefühl, und mit ihr über den Schemel sprang: dieser tückische Knöchelbruch — über den er damals noch lachen konnte — in seiner schwelgenden Liebe — damals.

Er lauschte. Was sie wohl dachte jetzt. An ihn nur. Das fühlte er. Das war das Schwere; der magnetische Ring.