Wie still sie wieder saß. Daß er sie nur nicht merken möchte, da in der kleinen Kammer, hinter dem Teppich; nichts rührte sich; so wars nun Tag für Tag. Und Abends die Angst, die heimliche Angst, mit der sie sich im Dunkeln hielt, im Halblicht, oder ihr Gesicht verhüllte, daß er es nur nicht sehen möchte; daß er sie nur vergessen möchte, ihre tote Schönheit, das Bild ihrer Seele, diese quälende Unmöglichkeit. Ja, die Angst in der Luft, das wars; das machte ihn zunichte, diese Art Liebe.
Ja, und war denn das noch Liebe? dieser lähmende Zwang! War nicht alles blos Erinnerung?!
Nicht einmal Nachts: nicht anrühren konnt er sie mehr, ohne daß es wieder vor ihm stand, das ganze furchtbar rote Schauspiel, und ihm heiß und kalt die Sinne benahm. Wie sie ihn geweckt, ihn herausgehoben hatte mit seinem kranken, dick verschienten Fuß aus dem qualmenden Bett, hinter ihr her schon die leckenden Flammen, durch die Tür und hinab die zwölf dunkeln Treppenstufen — o, sie war stark, fast so stark wie er! — und dann zurückgestürzt war und sich nicht halten ließ, wieder hinauf, um das Bild noch zu retten, das eine wenigstens, hinein in das glühende Viereck oben, mit den langen offenen Flechten, die im Feuerschein flossen wie rollende Wellen — dies Flimmern! — Und auf einmal der Schrei, dieser schrille zerreißende Schrei, und das polternde Bild, herunter zu ihm; und oben sie, groß, in entsetzlicher Pracht, mit den greifenden Armen, die roten Haare zu bläulichen Funken zerflatternd, eine sprühende Glorie! züngelnde Flügel um den keuchenden Busen! und die grauenhaft flackernden Augen! — Und Er, hilflos da unten sich krümmend! Und noch Einmal der Schrei, der heiße, tierische Schrei! und sein eigener Schrei: wie sie wieder sich dreht, eine brennende Garbe, noch Einmal hinein — daß ihn die Sinne verlassen — bis die Leute ihn wecken und sie neben ihm liegt, in den Teppich gewickelt, nach dem sie zurückgerannt in letzter gräßlicher Besonnenheit, um den lodernden Schmerz zu ersticken, das tapfere starke Geschöpf — seine Retterin! —
Ob sich das wohl malen ließe: feurige Flügel? Nein, Narrheit; so wenig wie der Sonnenstrahl, der da auf der Palette blitzte. Ach, das Sonnenlicht! Wie ihr Haar drin schillerte früher, so glatt und wogend; ob es wohl wiederwachsen würde? — Aber was nützte das! Ihr Gesicht, das war das Unersetzliche! die Erinnerung, die ihn zu ihr zog — nein: von ihr stieß.
Er stierte zu Boden. Wenn sie doch gestorben wäre; wirklich gestorben, nicht blos in ihm. Dann würde er zu ihr beten können, sein ganzes Leben lang; ruhig, traurig, wie als Kind zur Jungfrau Maria. Nein, Maria Magdalena wars immer gewesen; die hatte er immer im stillen gemeint, seitdem er sich heimlich die Bibel gekauft, wenn er zur Strafe hinknien und beten mußte. Magdalena, die liebreiche Sünderin.
Ach, was sollte dies Grübeln. Sie lebte ja, lebte und liebte ihn; und war gesund, gesund wie Er. O, das schöne, blühende Wort! O, ihre quälende Häßlichkeit! ihre mahnende Nähe! die Lust und der Abscheu! Ohnmacht! —
Er sah wieder auf; nach dem Teppich, nach dem Narzissenbild. Wenn er’s verkaufen würde. Ob er dann vielleicht Ruhe hätte. Wozu auch diese Versessenheit, ohne Sinn und Verstand, auf das eine einzige bißchen Seele. Wozu denn überhaupt der ganze pedantische Tiefsinn. Warum wars ihm nicht genug an dem farbigen Witz, wie den Andern; an der Lichtflunkerei, über die er sonst spottete. Es war doch so einfach: was Neues probieren! — Aber sie, sie blieb ja. Und wenn er das Bild in Stücke zerschnitte, die Erinnerung blieb, solange sie selbst blieb; und mit ihr der Zwang. Und die Erinnerung ließ sich nicht malen.
Freiheit! — Ja —: das war das Ungesunde: das war unsittlich: diese widernatürliche dumpfe Gemeinschaft! Knechtschaft! Leibeigenschaft!
Er starrte auf die Palette; ein Wolkenschatten wischte den Lichtstrahl aus. Wenn er ihr Schminke gäbe? — Ihn ekelte! — Und die Form bliebe ja dennoch zerstört, die Seele im Gesicht. Und ihre Scham! ihr Stolz! Dann würde sie gehen! —
Aber das wollte er doch? — Dann das Bild auf die Ausstellung; weg damit! Eine Reise; Gletschersonne! Ein, zwei Jahre würde es schon reichen, das Geld für das Bild und der Rest seiner Erbschaft; er würde blos arbeiten. Und er hatte ja genug gelernt an ihr! Er wollt es den Andern schon zeigen, warum er so lange im Stillen gesessen.