Und sie? — Sie war ja klug genug, die Professorstochter. Sie könnte ja Unterricht geben, oder Buchhalterin werden; oder er würde ihr selber was schicken. Nein, schändlich: das würde sie nicht nehmen. Und —: und wenn nun die Leute sie nicht wollten? mit ihrem entstellten Gesicht?!
O, dies Gewissen! Warum hatte er dies Gewissen! — Ja, für die Kunst, da war’s gut. Aber fürs Leben? fürs Leben brauchte man doch kein Gewissen! — Nicht weil er sie verführt hatte; nein! eher sie ihn. Oder weil sie von den Ihren geächtet war? eine Verstoßene?! und um seinetwillen! — Nein: das war ja aus ihr selbst so gekommen. Warum war sie denn wiedergekommen, noch eh er von Liebe was ahnte; und immer wieder, bis sie bleiben mußte. Das war ihr Verhängnis! Ja, ihr eignes Verhängnis: ihr Wille!
Weil sein Ernst sie lockte; was die Eltern auch sagen mochten. Weil sie seinen reinen Willen fühlte. Aber: aber war er denn rein? — Ja! bis er ihn verlor, in jenem Augenblick, den Willen zur Form. Nein, schon vorher: bis er die Seele sah. Aber das war ja die Form, die bannende Seele; was er gesucht hatte, was sie gespürt hatte, warum sie ihm vertraute, ihm, dem Künstler. Nein, auch dem Menschen! dem Menschen, der über sich stand, über Sich und Natur, über Seele und Leben, kraft seines formbeherrschenden Geistes! — Und doch nicht! Wars doch dieselbe Natur, die selben Sinne, der selbe Geist: die Kraft des Künstlers, des Menschen.
Ja: da hing’s: jener Augenblick, jenes Bild: seine Kunst, sein Leben: sein Wille, ihr Wille: das war alles das Selbe, das folternde, drohende Selbe! Denn sein Leben, ja, das war er ihr schuldig: ihr, seiner Retterin! Sein Leben, seine Kunst, seine Seele; seinen ganzen Beruf und Zweck in der Welt.
Er fuhr zusammen: ein neuer Wolkenschatten schlich durch die Stille. Er preßte die Augen zu. Er wollt es schon garnicht mehr sehen, das fordernde drohende Bild; er haßte es schon. Er drückte die Fäuste in die Augen; daß sie flimmerten. Er sah es nur mächtiger, in sprühendem Glanz; und sah sie, sie, wie sie jetzt war, mit dem starren gestaltlosen Mund, mit dem haarlosen Kopf, mit den Narben um Wangen und Kinn, dem blanken, striemenroten Hals. Er stöhnte laut auf, daß ihn graute: vor der hohlen, einsamen Stimme.
Da: das war doch nicht seine Stimme? Zagend, suchend kam es durch den großen Raum: „riefest du?“ weich und schwer, wie der Teppich, den er schwanken hörte.
Er sah nicht auf. Er fühlte, wie sie fragend stand. Nur nicht jetzt ihr Gesicht! Er wollte sprechen. Da kam sie.
Er wollte den Kopf schütteln; aber ihre Hand auf seiner Schulter, ihr Warten! Es war nicht möglich, es zwang ihn hoch. Er mußte sie ansehn, ansehn: das graue Morgenkleid hinauf: ihren Hals! — und — — Rot! und ein brausendes Schwarz! Seele! der Blick! ihr Gesicht! das war Übergewalt —: da stand sie, hoch, starr, erhebend: „Ich werde gehen“ — und wollte sich wenden.
Und Er — sah sie an — an — und seine Augen wurden immer weiter, daß sie nicht loskonnte — immer sehender — und seine Finger tasteten und griffen: es zu fassen, zu halten: das Unerkannte, Letzte, Eine: das heilige Wunder: Das, was ihn zu ihr in die Kniee riß, warum er sie umklammerte — weinend — „Offenbarung“ stammelnd —: ihre große Sittlichkeit! die Schönheit ihrer Erschütterung!
Und nun: weich — weich, schwer und leise — sank auch sie herab an ihm: Knie an Knie, kinderfromm, anders wie damals. Und er küßte die gestaltlosen Lippen, und schlang die Hände um den haarlosen Kopf, und hielt sie von sich, schauend, schauend —: Nein, das lag nicht in den Augen, nicht in den Mundwinkeln, in keiner Einzelheit: Das würde ihn zur Andacht zwingen, und wenn sie ganz verschleiert vor ihm läge: diese herrliche Hoheit, diese selige, siegende Demut.