Der Baron klopfte wieder an sein Bein, hob die juwelengeschmückte Linke, tupfte an seinen schwarzgefärbten, amerikanisch gestutzten Schnurrbart, um ein Gähnen zu unterdrücken, betastete noch sein rotes Haupthaar und versetzte kameradschaftlich: „Lieber Konsul, wozu den Doktor bekehren. Lassen wir ihm seine Lebensweisheit; wir sind beide wenig älter als er. Vielleicht ist sein männliches Selbstgefühl die naturnotwendige Vorbedingung zur Verübung edler Taten; ebenso wie das weibliche zur Begehung einer glücklichen Ehe. Ganz im Ernst, meine Gnädigste!“ Er zeigte seine weißen Zähne, die zu blank und zu regelmäßig waren, als daß sie hätten echt sein können.
Die Dame äußerte unbefangen: „Sie sind ein schlimmer Schmeichler, mein Freund“ — konnte aber doch nicht verhindern, daß ihr wieder eine Röte aufstieg. Ihr Gatte gab dem Baron sein Lächeln zurück: „Es kommt immer drauf an, wer den Spiegel hält!“ Und der junge Gelehrte sprach mit Selbstüberwindung: „Auch sind wir ja nicht hierhergekommen, um moralische Disputationen zu pflegen. Der Buddha dort drüben belächelt uns alle.“
Die vier so zusammen Plaudernden saßen auf der freien Terrasse des erst vor kurzem gebauten Hotels; es lag in der Nähe des Tempeldörfchens Mijama. Andere Gruppen von Reisenden saßen an den Nebentischen, unter den großen bunten Papierschirmen, die man noch immer aufgespannt hielt, obgleich die Sonne schon hinter den Bergen war. Vor der Terrasse standen in weitem Bogen die leeren Rikscha-Wägelchen, zwischen deren zwei Rädern die halbnackten Kulis lagen, als ob sie am Boden Kühlung suchten vor dem ungewöhnlich schwülen Aprilabend.
Man war von Kioto herkarriolt, um das Fest der Kirschblüte anzusehen, das am nächsten Tage hier stattfinden sollte, und zugleich den berühmten Daibutsu zu betrachten, eine riesige alte Buddha-Statue aus ehemals vergoldeter Bronce, die auf dem Tempelhügel des Dörfchens ragte. Über der Waldung von blühenden Kirschbaumhainen, die sich rings um den heiligen Ort hochbauschte, thronte der göttliche Koloß an dem bleigrauen Horizont wie aus einem schimmernden Wolkenkissen.
„Vorzüglich gelegenes Hotel“, bemerkte der Konsul mit Kennermiene; „wird sicher bald in Mode kommen.“
„Auch für Staffage ist schon gesorgt“, warf der Baron nachlässig hin und wies auf eine Schaar einheimische Pilger, die mit ihren großen Strohtellerhüten und schilfgeflochtenen Wettermänteln hinter den Rikschas kauerten; augenscheinlich durften sie dort übernachten.
Der Konsul lachte weltkundig, während der Doktor nicht umhin konnte, seine Nachbarin stirnrunzelnd anzuschauen. Er hatte den Ausflug vorgeschlagen, hoffte endlich diesem holden Geschöpf, das für den spaßhaft lauten Gatten offenbar viel zu zartfühlend war, im Freien etwas vertrauter zu werden, und nun ließ der Baron mit seiner Spitzfindigkeit keinen herzlichen Ton aufkommen.
Sie schob jetzt ihren Schirm beiseite, und er wollte ihr behilflich sein. Aber der Baron hatte schon einem Diener gewinkt, und der klappte hurtig das bunte Ding zusammen, ehe ein Andrer den Arm danach ausstrecken konnte. „Die Luft ist so drückend,“ erklärte sie, „wie unter einer Taucherglocke. Hoffentlich gibt es kein Gewitter morgen.“
„Gnädige lieben doch sonst den Aufruhr der Elemente“, sagte der Baron mit starren Pupillen. Sie schien etwas entgegnen zu wollen, blickte aber unsicher weg, errötete wieder und erhob sich. Der Doktor, ebenfalls aufstehend, suchte nach einem Beruhigungswort, brachte aber zu seiner Verwunderung nur heraus: „Vielleicht liegt ein Erdbeben in der Luft.“
Während der Konsul ihn lachend belehrte, daß Erdbeben in dieser Jahreszeit, was er natürlich selbst schon wußte, so selten seien wie glückliche Ehen, machte auch der Baron Anstalten, sich aus seinem Korbstuhl zu erheben. Das geschah, indem er zuerst sein rechtes Bein in einen rechten Winkel rückte, dann das linke dicht daneben setzte, den schwarzen Stock fest auf den Boden stemmte und mit einem Ruck sich emporschnellte; dabei zuckte flüchtig ein verbissener Schmerz durch sein schönes bleiches Gesicht, aber zugleich verzog er die knappen, himbeerrot geschminkten Lippen zu einem überlegenen Lächeln, das gleichsam Leidlosigkeit atmete.