Es war auffällig, wie er durch dies Lächeln dem großen Buddha ähnelte, der über der ganzen Landschaft thronte. Auch hatte der Doktor verlauten hören, die Mutter des sonderbaren Herrn sei ein vornehmes Hindufräulein gewesen, eine Radschah-Tochter oder dergleichen. Doch wurde ihm dadurch nicht eben klarer, was diesen Krüppel so anziehend machte, der seine notgedrungene Künstlichkeit noch künstlicher aufzustutzen beliebte. Man wußte nicht recht, ob nur sein eines Bein oder beide nachgemacht waren; er bewegte sie gleicherweise wie ein paar feine Ersatzstücke. Und da er die rechte Hand stets behandschuht trug, selbst beim Essen und Billardspielen, mußte wohl irgend etwas auch daran nicht natürlich beschaffen sein.
Es liefen allerlei Gerüchte um, woher er so verunstaltet wäre. Manche erzählten, er habe als Jüngling ein auf der Straße spielendes Kind vor einem durchgegangenen Pferd gerettet und sei dabei selbst überfahren worden; vielleicht deshalb vorhin sein leiser Spott über den Lohn der edlen Tat. Andere sprachen von einer Tigerjagd und einem wütend gewordenen Elefanten. Seine Freunde scherzten wie er selber über diese wilden Geschichten, und der Konsul hatte einmal, wenn auch nicht in seiner Gegenwart, die schnurrige Frage aufgeworfen, was für echte Glieder wohl an ihm blieben, wenn er abends ins Bett stiege.
Zur Zeit trug er wiegesagt tiefrotes Haar und einen kurzen schwarzen Schnurrbart; vor etwa einem halben Jahr, als der Doktor ihn kennen lernte, hatte er die Farben umgekehrt getragen. Man munkelte, daß er sich wie ein Perser den Schädel kahl rasieren ließe und zwölf verschiedene Perücken benutzte, vom harten Gelbrot bis zum weichsten Schwarzrot, für jeden Monat eine andre. Sicher echt war, außer seinen Juwelen, nur der steinige Glanz seiner schwarzen Augen, der jedes Mitleid weit von sich wies, und der metallische Klang seiner Stimme, der an die schwere Verhaltenheit des deutschen Waldhorns erinnerte.
„Der Buddha macht schon Nachttoilette“, sagte er plötzlich zu der Frau Konsul, nach dem Koloß am Horizont hindeutend. Der hockte auf seiner weißen Blütenwolke, wie mit einem golddurchwirkten dunklen Florhemd angetan, und sein verwittert lächelndes Antlitz schien von himmlischen Ahnungen umschimmert. „Wir wollen auch bald zur Ruhe gehn“, antwortete die schöne Frau, nur halb einen Seufzer unterdrückend, der den Doktor ebenso sehr entzückte, wie der Witz des Barons ihn verdroß.
Sie traten in die Hotelhalle und begaben sich an den Fahrstuhl, der sie ins erste Stockwerk befördern sollte. Der Baron mit der Dame nahm den Vortritt; vier hatten nicht Platz in dem schmalen Kasten. Als der Doktor neben dem Konsul nachfuhr, bemerkte dieser mit seinem üblichen Lachen: „Famoser Knabe, der Herr von Hinkebein! Gewöhnt meiner Frau die Romantik ab!“
Oben stand der Baron bereits im Begriff, sich von ihr zu verabschieden; in dem elektrischen Licht des Korridors sahen seine Augen noch verhärteter aus, und die ihren noch schmelzender. „Gute Nacht! Auf schönes Wiedersehn!“ sagte er mit der verhaltenen Stimme und zog ihre Hand an seine Lippen; sie nickte, wie schon halb im Traum.
Der Doktor wollte auch etwas Zartes sagen; aber der Baron kam ihm wieder dazwischen. „Gute Nacht, Doktor!“ intonierte er schärfer, ihm die behandschuhte Rechte hinstreckend; „und träumen Sie von edlen Taten!“ Der junge Gelehrte konnte nur spöttisch erwidern: „Leider bin ich kein Joseph, Baron!“ Und unter dem Lachen des Konsuls suchte er, etwas verstimmt, sein Zimmer auf.
Mitten in der Nacht erwachte er schreckhaft, trotzdem er sonst ein gesunder Schläfer war. Ihm hatte geträumt, die schöne Frau habe von fern um Hilfe gerufen, sodaß er aus dem Bett springen wollte; aber am Fußende stand der Baron und hielt ihn an beiden Beinen gepackt, um sie ihm aus dem Leibe zu ziehen.