Während er noch darüber nachsann und seine Glieder erleichtert dehnte, fühlte er unversehens ein Schwanken, als läge er in einer Kajüte. Er hielt es noch immer für Traumnachwirkung, aber da knackte und knarrte es in den Wänden, als wollte das Haus aus den Fugen gehen, und zugleich kam von der Terrasse her ein verworrenes Geschrei vieler Stimmen, sodaß er nun wirklich vom Bett aufsprang.

Also doch ein Erdbeben! dachte er mit einer gewissen Genugtuung, indem er die Beleuchtung andrehte. Er hatte noch keinem beigewohnt und war jetzt einigermaßen erstaunt, daß er von seinem Schreck nichts mehr spürte, auch nichts von der fiebrigen Unruhe, die nach den meisten Beschreibungen mit einem solchen Erlebnis verbunden sein sollte. Freilich wußte er, daß bei Neulingen die Angst am gelindesten auftreten sollte, und daß das Hotel bebensicher gebaut war; aber immerhin, er konnte zufrieden sein mit seinem wissenschaftlich gestählten Gemüt.

Er warf sich rasch in die Kleider, nahm seine Reisetasche und eilte die nächste Treppe hinab; sämtliche Korridore waren erleuchtet, und in den Dielen knackte es wieder. Die Terrasse lag jetzt menschenleer; aber im Halbdunkel bei den Rikschas schob sich ein zappliges Getümmel, Gäste und Kulis durcheinander. Nur die Pilger knieten oder kauerten abseits, laut ihre Rosenkränze abbetend und nach dem Buddha hinüberstarrend, dessen lächelndes Antlitz wie trunken glühte. In dem Tempeldorf schien ein Brand ausgebrochen; eine riesige rauchige Flammengarbe stand hellrot über den Kirschblütenwipfeln, und dumpfe Gongtöne dröhnten her.

Unberührt von alldem saß bei dem vordersten Wagen, nur mit Hut und Hemdchen bekleidet, ein kleines amerikanisches Mädchen, das mehrmals die Hand auf die Erde legte, als ob es etwas fühlen wollte. „Doesn’t move“, rief es schließlich enttäuscht seiner aufgeregten Mutter zu, die sich mit einem Kuli zankte. Dem Doktor fiel ein, daß er in der Eile seine Uhr oben hatte liegen lassen; zugleich aber schüttelte ihn ein Erdstoß, von dem die ganze Terrasse wankte, und durch die Hausmauer fuhr ein knirschender Riß.

Er stand noch prüfend und überlegend, ob er trotzdem zurücklaufen sollte, als zwischen mehreren flüchtenden Gästen der Konsul aus der Halle gerannt kam und ihn mit verstörtem Lachen begrüßte. Dem Doktor fiel ein, daß er in der Eile auch noch garnicht an die Andern gedacht, sie auch nirgends gesehen hatte, und aufgebracht schrie er den Lachenden an: „Aber wo ist denn Ihre Frau?!“

„Ja! Wo?“ schrie dieser, noch sinnloser lachend. „Ich habe genug an ihr Zimmer geklopft, und da sie keine Antwort gab, meint’ich natürlich, sie sei schon unten.“

„Also zurück!“ schrie der Doktor nun, warf seine Reisetasche weg und stürmte zur Treppe, wieder hinauf. Die Vorstellung, daß dies entzückende Weib, das sich gestern Abend in rührender Müdigkeit kaum noch aufrecht zu halten vermochte, vielleicht von einem plumpen Stück Wand im Schlaf verstümmelt werden könnte, empörte ihn gegen den lauen Gatten und gab seinen Schritten wilde Flügel. Atemlos stand er vor ihrem verriegelten Zimmer, klopfte, horchte — und klopfte stärker; eine tolle Freude durchzuckte ihn, daß sie den Konsul ausgesperrt hatte.

Jetzt kam auch der herangekeucht, und sie klopften Beide an der Tür, horchten, klopften und trommelten — horchten nochmals: nichts rührte sich drinnen. Auf einmal ruckte, krachte es allenthalben, und sie hörten einen erstickten Angstruf. Der Doktor packte taumelnd den Türgriff, der Konsul desgleichen: das Schloß sprang auf. Es war also garnicht verriegelt gewesen; doch Bett und Zimmer waren — leer.

Sie starrten einander verdutzt ins Gesicht, da kam eine neue Stoßwelle nach, und wieder ein unterdrückter Angstschrei. Kein Zweifel, das war ihre Stimme; nur kam sie von jenseits des Korridors. In diesem Augenblick fühlte der Doktor, wie sich vor Schreck seine Haare sträubten: er sah die Gesichtshaut des Konsuls lakenweiß werden, während er selbst bis über die Schlafen wie ein Junge errötete: die Stimme kam aus dem Zimmer des Barons.

Der Konsul machte eine Grimasse, blickte plötzlich wie ein Rasender um sich und stürzte nach dessen Tür hinüber; es schien, er wollte sie einschlagen. Aber sie öffnete sich bereits, und er prallte mit offenem Munde zurück. Auf der Schwelle erschien der Baron, prangend in seinem vollen Schmuck, blos das rechte Bein fehlte in der Hose; hinter ihm stand die schöne Frau, in ihrem langen Nachtgewand, die Augen von reinstem Mitleid verklärt, und hielt mit zärtlichem Entsetzen zwischen den aufgelösten Flechten sein Holzbein an ihrem verhüllten Busen.