Neben mir am Bett stand meine Frau mit unserm Töchterchen und strich mir durchs Haar. „Vater“, sagte die Kleine bedächtig: „du hast so furchtbar komisch im Schlaf ausgesehn.“ Ich küßte beiden die Hände.
Seit diesem Morgen — so schloß mein Bruder Ernst sein seltsames Schreiben — ist mir die gelbe Katze nicht mehr gefährlich. Bald darauf starb er in einem Duell; er hatte der Dame Lebwohl sagen wollen, und die Wände hatten Ohren gehabt. Er starb durch die zitternde Hand des Herrn Gemahls; er, der vortreffliche Schütze. Nichts wirkt bestimmender als das Unbestimmte.
Die Gottesnacht
Ein Erlebnis in Träumen
Erster Traum
Ich spürte, ich würde gleich einschlafen. Und ich wünschte es sehr nach den tristen Gedanken, die wegen der abends empfangenen Todesnachricht seit Stunden in mir rumorten. Ich sann noch über den Eigensinn nach, mit dem sich die junge Selbstmörderin die langsamste Todesart ausgesucht hatte; doch ich war schon erlöst von dem Sinn in den Worten, die durch mein müdes Gehirn schossen. Ich hörte beseligt den Drosselgesang, der aus dem Wort Erdrosselung klang, und wunderte mich über die Bilder, die sich aus jedem Satzglied entpuppten. Da stand sie auf einmal deutlich vor mir: die rätselhafte Gliederpuppe.
Wie war sie nur in mein Zimmer gekommen? Da stand sie zwischen Tür und Schrank mit ihrem wachsbleichen Gesicht wie eine Auferstandene. Die großen gläsernen goldbraunen Augen starrten mir so bekannt ins Herz, als hätten sie schon in früher Kindheit über meinen Spielen gewacht. Und ein Schmelz war darin, als ob sie lebten; als ob sie mich liebten; fast mütterlich. Aber natürlich, das schien nur so; ich mußte mich nur recht erinnern. Denn ja, meine Mutter hatte sie ja meinen Kindern zu Weihnachten geschenkt, diese lebensgroße Gliederpuppe; und das Lächeln um die schmalen Lippen blieb immerfort so unbeweglich, wie die Falten des steifen brokatenen Mantels um ihre sanftgeschwungenen Achseln. Ja, sie war tot; tot wie die schönen phantastischen Blumen dieses alten indischen Tempelmantels, der sie bis zu den Füßen hinab verhüllte. Zwischen solchen Blumen spielte ich einst und pflückte einen Strauß davon; für ihre bleichen gefalteten Finger. Damals hatte ich sie noch angebetet. Denn sie thronte auf einem vergoldetem mit Rubinen und Perlen geschmückten Altar und war die Göttin der Barmherzigkeit; das war wohl viele hundert Jahre her. Warum sah sie mir nun so starr ins Herz, als ob ich sie getötet hätte? Sie hatte sich doch selbst entleibt! Ich träumte wohl?
Nein, sie hielt ja noch immer die Finger gefaltet und stand groß zwischen Tür und Schrank. Wenn ich nun mit ihr betete, ob sie sich dann vielleicht rühren würde? Denn sie war doch früher beweglich gewesen; wenn ich an ihre Gelenke rührte, dann klirrten noch die zersprungenen Drähte, bis in den hohlen Brustkorb hinein. Ich seufzte auf, da klirrten sie wieder; und ihre Arme zuckten ein wenig. Ob sie mich niemals mehr anrühren würde? mich immer blos so unverwandt ansehn? Ich spürte ein Stechen in meiner Brust, als ob aus den Drähten elektrische Funken herzuckten. Ich hörte wieder das leise Klirren; oder klang noch immer der Drosselgesang? Ich wollte beschwörend die Hände ausstrecken, aber das Stechen in meiner Brust drang mir bis in die Fingerspitzen. Ich wollte wegblicken — da blickt sie mir nach.
Ich träume ja nur! will ich mir einreden; aber sie blickt auf meine Hände. Auf den Rubinring an meiner Linken; der beginnt zu glühn wie ein Altarlämpchen. Auf den Trauring an meiner Rechten; der beginnt zu glänzen wie Tränenperlen. Und auf den Ring, den mein Vater mir schenkte, als ich noch keinem Weibe gehörte. Warum quälst du mich, Mutter? will ich stöhnen; aber ihr Blick verschließt mir den Mund. Ich will mich aufrichten; ich liege gebannt.