Schwitzend schreiten wir weiter. Der Schnee fängt an zu blenden und den Augen weh zu tun; die Bahnschienen flimmern. Von der andern Seite her taucht funkelnd ein Flintenlauf über den Damm, eine wohlbekannte Mütze aus Otterfell. „Der Nachbarförster“, sagt jemand scheu; Einer wird bleich wie der Schnee. Jetzt steht der Alte oben, straff, im grünen Galastaat, die nackte rote Faust auf der Krone des Hirschfängers. Sein grauer Kinnbart perlt von Eis, die große Hakennase wirft einen Schatten über die Backenfurchen bis zum Ohr; suchend brennen seine stahlblauen Augen. „Komm her!“ ruft er heiser. Der Bleichgewordene gehorcht. Nun stehn sie mitten auf dem Damm, im stechenden Licht. „Zieh den Handschuh ab!“ hör ich mit Grauen, fühlend, wie sich der Alte beherrscht. „Wo hast du den Ring?“ fragt er drohend. Keine Antwort. Der Alte zittert. Seine Finger spannen sich um den Hirschfängergriff. Ein Ruck: die Schneide blitzt. Bis zur Hälfte; hohnlachend stößt er sie zurück. Mit unsäglicher Verachtung speit er in den Schnee, zum Gehn gewendet. „Vater!“ schreie ich auf, in die Kniee stürzend. Er geht.
Ein Krampf schüttelt mich. Meine starren Augäpfel sehen mich zucken; in weiter Ferne. Sausend peitschen schwere spitze Büschel, Kiefernzacken, gegen meine Stirne. Sie verwandeln sich. Stecheichenzweige rauschen um mich her; ich sehe, wie die roten Beeren lange Kurven durch mein graues Atemnetz reißen. Aber eine weiche Hand legt mir immer wieder, schmeichelnd, ihre Finger durch die Haare. Die gepreßten Zähne lösen sich; ich glaube, ich werde ein Anderer. Der liegt zu ihren Füßen, den Kopf in ihren Schooß gedrückt. „Lebst du denn noch?“ fragt er verwundert. Sie läßt sich in den Lehnstuhl gleiten; das ferne Rot des Frühlingsabends vergoldet ihre hellbraunen Flechten. Neben ihr, auf meinem Schreibtisch, steht ein zartes venezianisches Kelchglas, purpurzart, ein Lilienkelch, golddurchrieselt, und ein meergrün schillerndes Schlänglein ringelt sich darum empor. Ein Stecheichenblatt starrt aus dem Kelch, und eine wachsbleiche Hyazinthe. Die hat sie mir eben gebracht; die üppige Blüte berauscht mich.
„Gieb mir den Ring!“ schmeichelt sie. „Ich kann nicht“, fleht er mühsam; und ich höre ihn mit beklommener Stimme die Geschichte des Ringes erzählen. Den hat der Urgroßvater seines Vaters, der Husarenwachtmeister, nach der Schlacht bei Torgau, für seine Tapferkeit und lange Treue, aus des alten Ziethens eigner Hand empfangen; vielleicht sogar vom großen Friedrich selbst. Er betrachtet das eingepreßte Eisenbild des Königs in dem dünnen goldenen Reifen: „und immer der Älteste erbt ihn.“ Ich höre seine Worte wie im Traum; es ist, als ob ich sie in einem Buche lese. „Gieb mir den Ring!“ schmeichelt sie. Er kämpft mit sich. „Hast du Gewissensbisse?“ flüstert sie; „Du —?“
Was! Will sie mich verspotten? Ich presse drohend meine Zähne an die Knöchel ihrer Hand. Sie nimmt sie lächelnd vom Knie, hält mir die Hyazinthe an die Lippen. Ich schlürfe den Geruch und erinnere mich; „du hast ihn ja schon“, entgegne ich und blicke auf ihre Finger nieder. „Den andern noch“, schmeichelt sie; „den Ring der Andren!“ Ihre grauen Augen werden immer bestrickender.
Ich fühle ein heftiges Zittern; am liebsten möcht ich sie wieder erwürgen. Dann könnte ich wieder der Andren treu sein, die meine Kinder geboren hat. Meine Blicke heften sich herzverwirrt auf den Rubin an meiner Linken; er perlt wie Blut aus einer frischen Wunde. „Gewissen ist der Spuk des toten Gottes“, spricht sie auf einmal meine Gedanken aus, mir ins Ohr. Ich weiß nicht, ob sie es höhnisch meint. Ich wills ihr erklären; sie erhebt sich. „Du bist zu gut,“ haucht sie gespenstisch — „nur gute Menschen haben ein schlechtes Gewissen; — ich hatte nie eins“ — und streift mir den Ring ab. Ich will es ihr wehren; sie entschwebt. Ich will ihr nachstürzen, vergebens; meine Kniee winden sich gebannt am Boden. Ich suche das Wort, das mich frei macht.
Ich stammle Verse, lange flehende Zeilen; sie verliert sich immer ferner in die Nacht. Ich sehe sie geisterbleich verschwinden; nur der Rubin glüht noch wie Blut im Mondlicht. Nein, wie ein Wundmal; der tote Freund! mit seiner Geige schwebt er herbei. Zu meinen Versen beginnt er zu spielen: ferne flehende Töne: von einer Seele, die ihm untreu ward. Die runde Wunde seiner Stirne tut sich auf; Blutstropfen perlen aus der kleinen Öffnung, bei jedem Bogenstrich, die bleiche Schläfe nieder, in den Schnee. Immer näher schwebt die rote Spur; die geschlossenen Augenlider zucken, bleicher als sein Sterbehemd, und ich suche das Wort, das Wort — in unsrer Kindheit wußten wir’s.
Er schlägt die Augen auf, der Geigenbogen stockt, ein Schrecken schlägt mich: das sind nicht seine Augen! das ist die „Andre“! — Meine Blicke erlahmen, mein Mund versagt; meine Finger krümmen sich, ihr Gewand zu betasten — hilf mir! das Wort! — Sie weist auf meinen starren Körper: lange Ketten Verse, wie Spruchbänder, umschnüren meine gezerrte Kehle. Ich lese und lese, mir graut:
Schwere Ringe ... wirb ... ich werbe ...
leere Schlinge ... deine Meinung —