willst du nach dir greifen
und dich erwürgen
für eine Schuld ...
Dritter Traum
Ich habe sie doch vielleicht umgebracht. Warum sollte es auch unmöglich sein? Ich habe doch einst sogar ein Kind umgebracht, ein kleines, hübsches, unschuldiges Kind. Und damals glaubte ich doch sogar noch an Gott, an die Hölle und ans Jüngste Gericht. Damals war ich ein schwedischer Kürassier, bei den sakrischen deutschen Protestanten, und wir brandschatzten ein katholisches Pfarrdorf. Ah, ich fühle wieder die himmlische Mordlust, wie sich die Bauernweiber wehrten, die wir ins Spinnhaus eingesperrt hatten. Und da spießte ich einfach der Ungeberdigsten das schreiende Kind aus den Armen weg und schmiß es im Bogen in den Dorfteich. Ich sehe noch deutlich die kleine Hand, die aus dem sumpfigen Wasser herausstak, als wir nachher von den Weibern kamen; ganz mit geronnenem Blut bedeckt, so stak sie zwischen den Binsen heraus, wie eine dicke rote Tulpe. Ich habe aber kein Grauen davor; es weiß ja keiner mehr, daß ich es tat. Ich darf mich nur nicht selber verraten, wenn sie mich doch vielleicht vor Gericht stellen.
Wenn ich mich blos erinnern könnte, welche von Beiden ich umgebracht habe. Doch nicht die Mutter meiner Kinder? Die hat mir ja immer alles verziehen. Aber die Andre hat sich ja selbst umgebracht; deren Hand kann doch nicht gegen mich zeugen. Jedenfalls muß ich zu der Beerdigung gehen; sonst könnten die Leute Verdacht auf mich werfen. Und ich muß ihr einen Strauß auf den Sarg legen, einen großen schweren Tulpenstrauß, damit sie die Hand nicht herausstecken kann. Aber weiße Tulpen müssen es sein; die roten riechen auf einmal so stark, es ist der reine Leichengeruch. Warum sieht mich der Blumenhändler so an? mit richtigen Totengräberaugen! — Ich will auch weiße Tulpen nicht! die sehen noch leichenhafter aus! — Er lacht; ich verlasse eilig den Laden.
Auf der Straße ist so bleiches Licht, wie ich noch niemals erlebt habe. Ich kann mich kaum schleppen in diesem Licht, so weltschwer hängt es um meinen Kopf. Es geht auch kein Mensch auf der bleichen Straße, und die Häuser sind wie aus Schatten gebaut. Wenn ich nicht wüßte, wo ich bin, könnte ich an ein Geisterland glauben. Aber es macht mich schwach, dieses Licht; es ist, als ob es mich auspressen möchte. Und ich will und will mich nicht schwach machen lassen; keine Seele der Welt darf in meine Seele. Dann muß ich mich aber bei Kräften halten, mein Körper ist schon wie ausgehöhlt. Ach ja, ich werde wohl Hunger haben; ich habe ja heute noch nichts gegessen.
Ich mache ein harmloses Gesicht und trete in einen Schlachterladen. Die Schlachtersfrau blickt mich fragend an — ganz still und fragend — was blickt sie nur! — „Geben Sie mir dies kleine Stück Fleischwurst!“ sage ich langsam mit ruhiger Stimme, als ob ich gar keinen Hunger hätte. Sie blickt mich wieder wortlos an und legt das Stück Wurst auf ein weißes Papier, reicht es mir über den Ladentisch. Ich will es nehmen und kann mich nicht rühren: ich erkenne auf einmal, es ist keine Wurst: es ist eine kleine Kinderhand, ganz mit geronnenem Blut überzogen. Ich starre der Frau verstört in die Augen: es sind die Augen des Bauernweibes, dem ich vor Zeiten Gewalt antat. Ich fasse mich endlich und tappe hinaus; hinter mir her tönt ein dumpfes Lachen.
Ich tappe mich wie durch Nebel weiter und komme an eine Frühstückshalle. Da sitzen wohl hundert essende Menschen hinter der großen Fensterscheibe; da wird mich wohl keiner beobachten. Ich setze mich ganz in den Schatten hinten und bestelle irgend ein rasches Gericht. Es ist so laut in dem halbdunkeln Raum, daß ich kaum meine eignen Worte verstehe. Das Schenkmädchen bringt mir frischen Hummer und wünscht mir freundlich guten Appetit. Es freut mich auch wirklich, wie gut er riecht; aber was steht sie und wartet noch! Ich darf mir aber nichts anmerken lassen; vielleicht will sie blos ihr Geld bald haben. Ich bezahle; sie bleibt noch immer stehen. Es wird mir schwer, sie nicht anzuschreien; aber ich nicke ihr ruhig zu und greife rasch nach dem Hummerteller. Ich will mir sacht eine Schere abbrechen; aber was ist das, was ist das nur?! Ich fühle mich bis in die Lippen erbleichen: es ist eine kleine rote Hand, und ein Leichengeruch schlägt mir entgegen. Und alle Menschen blicken mich an, wohl hundert menschliche Augenpaare blicken mich unabwendbar an. Und alle sitzen so still wie Geister; kein Laut ist mehr in dem halbdunkeln Raum. Ich taste mich mühsam zur Tür und ins Freie; ein brausendes Lachen schallt mir nach.