Wo kann ich nur etwas zu essen bekommen! Wenn ich noch lange so schweigsam herumgehe, werde ich ohnmächtig vor Hunger. Es ist nicht, weil mein Geheimnis mich würgt; nur, es stachelt mich immer stärker, mir die herrlichsten Speisen auszumalen. Halt, ich werde mal wieder den Maler besuchen, der immer so köstliche Späße macht; der wird mich auf andre Gedanken bringen. Ich sehe, er malt an einem Fruchtstück; eine große goldgelbe Ananas steht auf der malachitgrünen Schüssel, ein paar rote Tomaten liegen daneben. „Darf ich mir eine Tomate nehmen?“ frage ich ihn ganz unbefangen; „Tomaten sind mein Leibgericht.“ Er malt schweigend weiter; was schweigt er nur? — „Machen Sie doch nicht solche Späße!“ stammle ich plötzlich und sehe entsetzt: er malt eine rote Kinderhand. „Lachen Sie nicht!“ beherrsche ich mich; „Tomaten sind wirklich mein Leibgericht!“ — Er lacht aber garnicht, er lächelt nur — er blickt mir nur sonderbar in die Augen und sagt mit teilnahmvoller Stimme: „Sie haben sich wohl in der Tür geirrt, die Tür zum Gerichtssaal ist nebenan.“
Ich bin einen Augenblick wie im Traum; ich fühle nur wieder wie durch Nebel, daß der Maler sanft den Arm um mich legt und meine tappenden Schritte leitet und die Tür des Saales hinter mir schließt. Ich möchte aufwachen aus diesem Traum; ich glaube mich doch genau zu erinnern, daß ich in Wirklichkeit Niemand umgebracht habe, weder die Eine noch die Andre; aber ist das auch wirklich die Wirklichkeit? Ich bin ja schon öfters im Traum erwacht, und dann wars trotzdem nur wieder geträumt. Ich will mich lieber zusammennehmen, daß ich nichts von meinem Geheimnis verrate; mit keinem Wörtchen, mit keiner Miene. Ich sehe mir meine Richter an.
Ob ich vor einem Vehmgericht stehe? Regungslos sitzen sie mir gegenüber, elf schwarzvermummte stille Gestalten, mit Augenlöchern in den Kapuzen. Es funkeln aber nicht Augen darin; es schauen mich aus den schwarzen Masken nur lauter noch schwärzere Löcher an. Ob es vielleicht lauter Schatten sind, die in den hohlen Gewändern sitzen? Ob es vielleicht doch Geister gibt? Denn in der Mitte sitzt Einer ohne Maske, mit geschlossenen Augen wie ein Toter, mit silberweißem Haupthaar und Bart, und mit ewig gebieterischer Stirn; vor dieser Stirn hat mir oftmals gebangt. Ich weiß nicht, ists meines Vaters Stirn? Ich weiß nicht, ists eines Gottes Stirn? Wenn lauter Geister da vor mir sind, muß dann nicht auch ein Obergeist sein?! Könnte ich nur seine Augen sehn! Vielleicht sind es doch meines Vaters Augen; meines Vaters herrliche stahlblaue Augen, die mich oftmals so hart und zornig anstrahlten, und doch so glutweich im hellsten Zorn, und dann so spöttisch verzeihungswarm. Aber er sitzt da so starr und kalt jetzt, als werde er die geschlossenen Augen nie wieder zu seinem Sohn hin öffnen; es sei denn, ich öffne ihm mein Gewissen. Sie sitzen alle so starr und kalt, als wollten sie ewig darauf warten. Ich fühle, ich muß wohl endlich sprechen.
Meine Herren Richter! beginne ich unverzagt: ich habe wirklich ein reines Gewissen. Denn gesetzt auch, ich hätte sie umgebracht, so hatten doch beide sich selbst umgebracht. Denn die Eine, die wirklich sich selbst umgebracht hat, die hat sich auch selbst dazu gebracht. Denn da sie kein Gewissen gehabt hat, so hat sie mir mein Gewissen genommen und hat es dann nicht ertragen können. Denn die Andre, der mein Gewissen gehörte, und die mir drum immer alles verzieh — denn sonst hätte ich mir’s nicht wegnehmen lassen —: die hat das nicht länger verzeihen können. Denn da ich kein Gewissen mehr hatte, und wenn sie deswegen — was ich nicht weiß — vor Gram zu Grunde gegangen ist, so ist auch sie im Grunde von selbst und an sich selbst zu Grunde gegangen. Denn wenn ich es auch gewollt haben sollte, so hat es, meine Herren Richter, doch im Grunde ein Anderer gewollt. Denn wenn ich jetzt hier vor Ihnen stehe — und wenn, wie ich sehe, mein Vater jetzt Gott ist — so bin ich im Grunde der Sohn meines Vaters, und mein Wille ist Gottes Wille gewesen. Wenn also ich, meine Herren Richter — nein, nicht ich, wenn ich Gottes Sohn bin —: wenn also Gott, meine Herren Richter, Eine von Beiden umgebracht hat — nein, die Andre — nein, Beide — nein, alle Andern — —
Ich stocke plötzlich und kann nur noch stottern; ich merke, ich habe mich verwirrt. Ich suche im Blick meiner Richter zu lesen und sehe nur lauter schwarze Löcher. Ich blicke hilflos den Einen an, der herrlich in ihrer Mitte sitzt, und erbange vor seiner klaren Stirn; mich befällt auf einmal dumpf ein Erinnern, als ob ich seit unvordenklichen Zeiten unzählige Seelen umgebracht habe. Und da endlich tut Gott mir die Augen auf: meines Vaters strahlende blaue Augen tut er aus ewiger Ruhe auf und fragt meine Seele: „bekennst du dich schuldig?“ — Ich höre mein Herz in seiner Stimme und sehe mein Leben in seinen Augen. Ich weiß, ich brauche nur Nein zu sagen, dann bin ich auf ewig freigesprochen. Ich fühle das Nein schon auf den Lippen; ich brauche nur den Mund aufzutun, dann bin ich von all der Mühsal erlöst. Und ich tue ihn auf und — sage „ja“.
Ein Schrecken befällt mich wie ein Schlag. Ich fühle betäubt mein Bewußtsein schwinden; mir ist, ich stürze endlos hinab, durch dunkle, bodenlose Räume. Oder stürze ich endlos empor? Ich höre von oben her singende Stimmen; sind’s Menschenstimmen? sind’s Geisterstimmen? Sie singen mich wieder zur Besinnung — von fern her singen zwei Frauenstimmen —: Von wannen, von wannen? — von wannen dein Träumen! — befreie dich, Seele — von Zeiten, von Räumen! — sie verklingen. Ich schlage mühsam die Augen auf; ich sehe mich durch ein Bogentor schreiten.
Es ist noch immer so weltschweres Licht, wie ich noch niemals erlebt habe; ein totengelbes Abendlicht. Nur vor mir her, da schreitet ein Mann in richterlichem schwarzem Talar, auf dessen Schritte ich horchen muß, dann wird das schwere Licht mir leichter. Sie tönen mir seltsam vertraut, diese Schritte; ich muß sie schon öfters vernommen haben und ihnen so Schritt für Schritt gefolgt sein, wie ich jetzt ihnen Schritt zu halten suche unter der dröhnenden Bogenhalle. Ist es mein Vater? mein Herz sagt nein. Und da höre ich hinter mir noch solche Schritte; nur ungewissere, haltlosere. Ich wende mich und stehe erstaunt; und auch der Mann vor mir wendet sich. Ich sehe, hinter mir geht der Jüngling, der ich vor Jahren gewesen bin; ich sehe, vor mir steht der Mann, der ich in Zukunft sein werde. Er winkt mir kurz, und es weht sein Talar, und wir schreiten im Gleichschritt zum Tor hinaus. Und es weht sein Talar, und mit lautlosem Schritt schreitet der Mann aus sich selbst heraus und entschwindet meinem gebannten Blick. Denn mein Blick hängt an einem väterlichen, ewig gebieterischen Greis, der an Stelle Jenes verblieben ist, und der mir weiterzufolgen winkt. So kommen wir an ein Hafenwasser.
Wohl unabsehbar dehnt sich das Wasser unter dem totengelben Himmel. Viele große Schiffe lagern darauf, mit hohen reichbewimpelten Masten; aber das Gelbe lastet so nachtschwer, daß keine Farben mehr dämmern können. Alles, die Schiffe, die Wimpel, das Wasser, scheint alles so schwarz aus Schatten geschaffen wie der Talar meines greisen Führers; nur sein weißes Haar schimmert silbern im Zwielicht. Was sind das für Schiffe? frage ich zweifelnd. „Wirkliche Schiffe“ — entgegnet er tonlos und weist auf ein Dock am westlichen Himmel. Kein Laut von Arbeit kommt aus den Werften her; der ganze Hafen scheint ausgestorben. Die schwarzen Stützpfosten um die Hellingen ragen starr am Horizont entlang wie ein auferstandener kahler Hain von ursintflutlichen Riesenstauden. Nur aus dem westlichen Saum des Haines taucht klumpenhaft etwas Graues hoch und regt sich in der schweren Stille; es regt sich wie das felsengraue, urschwere Haupt eines Elefanten. Ists eines spukhaften Götzen Haupt? ists eines Gottes heiliger Scheitel? Mein Führer aber winkt mir zu schauen.
Und was wie ein Haupt war, beginnt zu erglänzen, und entsteigt dem schwarz aufstarrenden Hain, und ist ein großer glanzvoller Mond. Er glänzt nicht so fahl wie ein nächtlicher Mond, er glänzt nicht so grell wie die tägliche Sonne; er glänzt wie ein Tautropfen in der Frühe, und alle Farben klären sich auf. Und nun wendet mein Führer sein greises Antlitz blauäugig nach dem östlichen Himmel, und mit langsam gebieterischer Hand entwinkt er der verklärten Nacht einen zweiten solchen glanzvollen Mond. „Wisse, du sollst an Geistermacht glauben“ — haucht er mir in mein schauerndes Herz und entschwebt dem einen der Monde zu. Bin ich erblindet von seinem Anhauch? ich sehe auf einmal nur lauter Licht. Ich fühle nur blindlings ein leuchtendes Schweben ins grenzenlose Blaue hinein. Ich ahne dunkel, ich selbst bin der Greis; er ist wohl dem andern Mond zugeschwebt? Ich schwebe mit ausgebreiteten Armen und raumentrückten Augen gleich ihm.