Er trat ans Fenster und sah das dunkelblanke Blättergrün der magern Pappel drüben vor der grauen Straßenfront im heißen Himmelslicht blitzen; wie allein sie stand, so mitten in der Großstadt. Die Kupfertapete des Zimmers kam ihm immer schwüler vor. Ja, er mußte mal wieder hinaus in den Wald! zum Vater Förster! Richtig: morgen, zu Mutters Geburtstag! Den hätt er beinah wieder vergessen.
Gott ja, das Elternhaus —: am Eichenhain, am Pappelbach, rings weit am Waldrand hin das freie Feld, die hellen Wiesen, und fern am andern Horizont die kleine Ackerbürgerstadt mit dem kümmerlichen alten Kirchturm, dem gelbgetünchten Schulhaus —: Kindheit.
Er setzte sich. Der Alte, der natürlich würde wieder tun wie Rübezahl: als ob der unverhoffte Eintritt seines Ältesten ihm höchstens seinen grimmigen Bart verwirren könne. Blos die stahlblauen Augen würden plötzlich etwas dunkler schimmern unter den silbrigen Brauen, die kleinen scharfen Pupillen eine Sekunde lang größer sein, die Backenfurchen um die mächtige Nase ein bißchen tiefer werden: „Na, Junge?“
Er hatte doch wahrhaftig noch immer etwas wie Gewissensangst vor diesem wetterroten Gesicht mit dem dichten, fast schon weißen Bart und Kopfhaar, dieser Hakennase und dem strengen, forschenden Blick, der zuweilen doch so herzlustig blitzen konnte. So hatte er als Kind sich immer den lieben Gott gedacht; geträumt. Damals wohl aber noch dunkelbärtig.
Die dicken Falten um die Nasenwurzel, ja und die schroff geschwungene Stirn, die hatte er vom Vater; nur die Augen, die waren wohl mehr nach der Mutter geschnitten, auch mehr grau als blau, mehr Stimmung als Wille. „Du bist wohl wunderlich, Jung?“ das war von je ihr herbster Tadel gewesen; sie verstand jeden Menschen mit ihrer Nachsicht. Du liebes Mutterherz: morgen! —
O, wie würde ihre ganze schlanke Gestalt von warmer Liebe zittern, von fast ängstlicher Freude, bis hinauf ins wellenkrause Schläfenhaar, die grauen Augen, die vielen Runzeln der feinen Züge, all die kleinen Sorgenfältchen um den hagern Mund, die Runen der Mutterschaft. Ja, sie war immer noch schön, die alte Mutter; aber ihr Schönstes doch die gütigen Lippen, so umstrahlt von Runzel an Runzel. Das war ihm immer wie der Ausdruck ihres ganzen zärtlichen Lebens; als zuckte in diesen vielen Fältchen tiefrot ihr verschwiegenes Herz, wie um den feinen Purpursaum am Stempelkrönchen der Narzissenblüte der keusche Geruch der gelblichen Narbenfalten.
Denn Narzissen, ja, das waren ihre Lieblingsblumen. O, wie sie die zu pflanzen wußte! Nur einzeln durften sie stehen, hin und wieder, die reinen, weißen, ruhigen Sterne über dem grünen Gartenrasen, daß die zarte bräunliche Kelchblatthülle oben um den schlanken Stengel deutlich sichtbar war an jeder, wie ein langer dänischer Handschuh um den Arm einer adligen Dame. Ja, sie verstand die ganze Welt.
Und morgen würde er sie küssen, und sie würde ihren wunderlichen Jungen auch verstehen, wenn er dann allein hinaus ins Freie ginge, irgendwo an eine Wald-Ecke hin, wo der schattenschaukelnde Wind durch ein Lupinenfeld herüberstriche. Wie er ihn schon roch, den süßen Geruch der tausend goldgelben Blütenkerzen, so am Rand des sammtgrüngrauen Fingerblättermeeres liegend, mit der heißblauen Himmelsglocke drüber; — warum war er blos Jurist geworden?!
Dieser Dummejungentick. Blos um dem Alten zu zeigen, daß er seine paar Groschen nicht nötig habe, auch zum teuersten Studium nicht. Und nun — nun war er Rechtsanwalt: Er mit seinem Achselzucken über alles sogenannte Recht. Er würde doch noch Schriftsteller werden. Hol der Teufel die Kundschaft!