Um jenes entrückenden Grundgefühls so gründlich wie möglich teilhaftig zu werden, muß man sich also immer wieder an die Kunstform selbst halten, nicht etwa an die Erinnerung blos; und wer es unter dem Bann seiner Eigenart hinter der fremden Art des Künstlers nicht von selbst zu erlangen vermag, dem wird es kein Verstand der Kunstverständigen jemals zu Gemüte führen. Denn alle Kunstwirkung läuft schließlich auf das Wunder der Liebe hinaus, das sich begrifflich nur umschreiben läßt als Ausgleichung des Widerspruches zwischen Ichgefühl und Allgefühl, Selbstbewußtsein und Selbstvergessenheit. Ja, man kann gradezu sagen: je mächtiger ein Kunstwerk in uns dieses allumfassende Gefühl erregt, umso ausdrücklicher darf und muß sich — schon um des technischen Gleichgewichts willen — auch die persönliche Art des Künstlers zeigen, während sich ohne jenes Unpersönliche die menschliche Selbstentblößung der Schaffenden, diese völlig grundlose Offenherzigkeit in seelischen oder leiblichen Dingen, die jedem ursprünglichen Kunstwerk eignet, nur als die mehr oder weniger unverschämte Aufdringlichkeit von Marktschreiern auswiese.
Es hat schon manchen Sittenprediger, auch manchen Schöngeist kopfscheu gemacht, daß oft grade Kunstwerke, die am stärksten auf Umfassung der Lebensgewalten, auf Beherrschung der Naturkräfte ausgehn, obenhin fast den Eindruck machen, als handle sichs um Verherrlichung brutaler persönlicher Instinkte. Das wäre freilich das Gegenteil von einer Kunst der Naturbeherrschung. Aber man wird nicht leugnen können: wo geherrscht werden soll, muß etwas da sein, das der Beherrschung wert und bedürftig ist. Der lenkende Geist ohne starke Triebe, wäre ein Reiter ohne Pferd; wie hinwider selbst das edelste Vollblut nichtsnutzig wird und niederträchtig, wenn nicht ein ebenbürtiger Herr es mit Geschick zu bändigen weiß. Als oberste Aufgabe der Menschheit wird auch dem Künstler ewig vorschweben: die Erringung jenes geistigen Allgemeingefühls, das den vom Schicksal getriebenen Einzelmenschen über sein Schicksal erhaben macht, über inneres wie äußeres Schicksal. Jede Überschätzung der Persönlichkeit ist also gleichbedeutend mit Unterschätzung ihrer höchsten Schaffenskraft, wie auch des Kunstschaffens überhaupt.
Und demzufolge: je stärker sich in einer Zeit dies Unpersönlichkeitsbedürfnis regt, ob nun als soziale oder erotische oder sonstwie altruistische Hingebung, umso mehr wächst auch die Lust der Schaffenden, sich über die technischen Spezialitäten, die wiegesagt immer blos der Ausdruck des beschränkten Selbstbewußtseins sind, hinauszuheben zu überschauenden Zeit- und Welt- und Lebens-Sinnbildern, nicht mehr nur der sinnlichen Anschauung zu dienen durch eigentümlich stimmungsvolle „Naturausschnitte“ und „Seelenzustände“, die selbst den Eingeweihten anmuten wie Tempelwände voll Hieroglyphen, sondern wieder einmal Pyramiden zu bauen, von denen aus Jeder, der notabene die Mühe des Ersteigens nicht scheut, beseligt in den freien Himmel und über weites Land schauen kann. Ich will mit dieser bildlichen Floskel nicht etwa einer bodenlosen Himmelstürmerei das Wort reden, die sich auf Erden nicht zurecht zu finden weiß. Im Gegenteil: es ist ein Zeichen der Unreife, wenn man noch glaubt, den Himmel erst erobern zu müssen. Wir sind ja jeden Augenblick — ich meine das ganz wirklich und wahr — mitten in allen Himmeln drin; die Erde ist im Unendlichen genau so hoch oder tief zuhause, wie etwa die Sonne oder ein anderer Stern.
Das wissen freilich heute schon Viele; aber fühlen, als etwas Selbstverständliches mitfühlen, mit Fleisch und Blut und allen Nerven, tun es erst recht Wenige. Und grade dieses selbstverständliche, genau so irdische wie überirdische Allgefühl, das jede andere Lebensempfindung, jede Einzelwahrnehmung, jeden Gedanken des Schaffenden stützt und trägt, das eben ist die magische Basis, auf der sich die großen Werke der Kunst, die im bildsamsten Sinne vorbildlichen, immer wieder aufbauen. Das hat nichts zu tun mit dem Idealismus gewisser humaner Tendenzpoeten, der nur temporärer Kritizismus und meistens ein sehr barbarischer ist. Der künstlerisch bestrebte Dichter benutzt die humanen Ideen seines Zeitalters nur, um seine Gefühlskraft daran zu erproben, nämlich als seelische Dissonanzen zwischen Menschheit und Gottnatur, die er harmonisch zu lösen hat. Er kann und will nichts weiter tun als eine bildliche Fühlung zum Leben schaffen, die alle kritischen Widersprüche gegen die Schönheit und Herrlichkeit des ganzen Daseins ganz und gar ausschließt, also auch alle speziellen Tendenzen. Das ist der Idealismus des Künstlers; und der liegt jeglichem echten Kunstwerk zugrunde, auch wenn sein Rohstoff dem oberflächlichen Blick häßlich oder schrecklich erscheint. Wer sich dann durch dies bildliche Werk in der Tat vollkommen befriedigt fühlt, den hindert freilich nichts und niemand, darin nach einem besonderen Richtziel für seine eigne Gefühlswelt zu fahnden. Und in diesem Sinne — doch nur in diesem — kann allerdings jede Kunstgestalt, vom ganzen Opus bis zur geringsten Teilfigur, als Vorbild der Lebensführung aufgefaßt werden, selbst wider Absicht und Meinung des Schöpfers; Falstaff genau so gut wie Achilleus.
Wenn das erst wieder vollkommen begriffen ist, von den Genießenden wie Schaffenden, dann wird auch der Schauer vor dem Unergründlichen, den jede gründliche Beschäftigung mit fremder Geistesarbeit in uns weckt, die Kunstwelt wieder allgemein durchdringen; dann wird sich dies Gefühl, als eine neue Ehrfurcht vor der ewigen Schöpferkraft, auch bald durch die Alltagswelt verbreiten, und dann wird diese Welt wohl endlich merken, daß sich wieder eine religiöse, auf deutsch allverbindliche Kunst bei uns anbahnt. Die braucht nicht wie ein Sturm daherzufahren; auch im Säuseln des Windes kann man Erhabenes hören. Dürers Gottvater auf dem Regenbogen über den sieben Leuchtern und dem knieenden Johannes enthüllt in seinen bescheidenen Formgrenzen die Allmacht ebenso strahlend, wie Michelangelos Apotheose der geschlechtlichen Zuchtwahl, die den Himmel der Sixtinischen Kapelle zu sprengen droht und in dem heilandsherrlichen Menschenpaar des Jüngsten Gerichtes gipfelt. Der ehemalige Sinn dieser Bilder mag heute schon halber Unsinn sein; aber ihr Geist wird weiterwirken, solange die Sterne uns unerreichbar sind.
Es ist dem eindringlichen Kunstgefühl auch völlig gleich und einerlei, ob jenes Tiefste und Höchste ihm durch naturale Anschauungsfreude oder symbolische Vorstellungslust vermittelt wird; das Eine ist so mittelbar und unmittelbar wie das Andre. Der formgewaltige Phantast zeigt im Symbol Natürliches, der Realist in der Natur Symbolisches. Die rhythmische Flut des Sonnenlichtes, die durch den scheinbar wüsten Tanzknäuel der Rubensschen Kirmeßbauern braust, erhebt den andächtig Schauenden in eine nicht minder unendliche Seligkeit, wie der entschwebende Puttenreigen in dem Dämmerungsglanz und Fackelschimmer von Watteaus Abfahrt nach Cythere. Und das will doch wohl der machtvolle Künstler: als ein Seher des allmächtigen Lebens betrachtet werden, nicht als Spezialartist einer Technik. Es gibt eben auch in der Kunstgeschichte Apokalyptiker und Evangelisten, und Mancher ist gar Beides zugleich. Wer sich bei einer künftigen Menschheit kanonisches Ansehn erringen wird, das zu entscheiden geht freilich zu allen Zeiten über die zeitgenössische Urteilskraft. Eins aber ist sicher: die Eigenart tut’s nicht. Denn nur das Eine bleibt übrig von uns, wenn selbst unsre Werke längst verwest sind: Das, was den Andern Vorbild ward für ihre stete Fühlung zur Welt: die Tat unsrer Liebe.
Das Buch und der Leser
Eine Untersuchung des Verständnisses
Bücher sind wie spiritistische Medien; wer sie nicht richtig zu fragen versteht, dem antworten sie falsch oder garnicht, und die meisten Leute halten deswegen den ganzen Spiritismus für Schwindel, bestenfalls für Selbsttäuschung. Jener afrikanische Wilde, der einen Missionar aus der Bibel vorlesen hörte, sich dann das Buch an die Ohren hielt und es ungläubig wegwarf, weil es ihm nichts sagte: der steckt noch in jedem gebildetsten Leser.
Ich will zum Beweis ein Erlebnis erzählen. Als ich Hofmannsthals „Ödipus und die Sphinx“ das erste Mal las oder lesen wollte, kam ich nicht über den ersten Aufzug hinweg. Diktion und Rhythmus stachen auffallend von seinen früheren Dichtungen ab, erinnerten mich hin und wieder an Dauthendeys schwungvolle Üppigkeit, hin und wieder an die drangvolle Knappheit meiner eigenen Verstechnik, dazwischen doch immer an Hofmannsthals einstige haltungsvolle Gewundenheit, und das empfand ich als ein so tolles Stilgemengsel, daß ich mich einer heftigen, mehrfach wiederkehrenden Zwerchfellerschütterung schlechterdings nicht erwehren konnte; ich legte schließlich das Buch beiseite, weil ich mich einigermaßen schämte, einen ernsthaften Dichter auszulachen. Bald nachher traf ich mit ihm zusammen, in einem Kreis erfahrener Kunstfreunde, und gestand ihm meine Verlegenheit gegenüber seiner neuesten Dichtung. Er war daraufhin so liebenswürdig, uns die zweite Hälfte des ersten Aufzugs, die ich als besonders unharmonisch empfunden hatte, vorzulesen. Und merkwürdig: trotzdem Hofmannsthal mit seiner etwas brüchigen Stimme kein bestechender Vorleser ist, auf einmal hörte ich den harmonischen Grundakkord. Ich habe später die Dichtung nochmals, und diesmal vollständig, gelesen und verspürte nichts mehr von jener Mißwirkung. Ich merkte, daß ich beim ersten Mal mit allzu dramatischem Gehör auf die momentan metrischen Dissonanzen der sensuellen Affekte geachtet und so die lyrisch perpetuelle Rhythmik der sentimentellen Motive überhört hatte. Nun, wenn das einem Fachmann passieren kann, wie mag sich dann erst der unzünftige Leser gegen manches Buch benehmen, in dem ein neuer Geist rumort?