Absichtlich spreche ich darüber mit fachmännischer Gemütsruhe; denn mit der menschlichen Leidenschaft, die auch Künstler gegen einander einnimmt, hat der Unverstand des Lesers zunächst nichts zu tun. Ein Buch zu lesen, ist allererst eine bare Verstandestätigkeit, gleichviel ob wir ein dichterisches oder wissenschaftliches oder sonstwie schriftstellerisches Werk in uns aufnehmen. Immer handelt sichs vorbedinglich um das Verständnis der Fachsprache, und hierfür bringt der einschlägige Handwerksmann doch mehr Geschultheit mit als andre Leute. Wer das A-B-C noch nicht zu lesen versteht, dem ist ein Fibelvers nicht verständlicher als eine mathematische Formel; doch je mehr er es verstehen lernt, desto umfänglicher wird das A-B-C, desto umständlicher die Verstandesarbeit. Denn wie geht jeder Leser zu Werke? Sein mehr oder minder bewußter Verstand, je nach dem Grad eben seiner Schulung, übersetzt gewohnheitsgemäß den optischen Eindruck der Schriftzeichen in akustische Ausdrucksmittel, diese wiederum teils in Gehörswahrnehmungen, teils in Gesichts- und andere Tastvorstellungen, diese aus der blos sinnlichen Einzelempfindung in vernünftige Gefühlszusammenhänge, und dann erst entsteht die rätselhafte Gemütsbewegung, die den ganzen angesammelten Schwarm von dreifach zwiespältigen Gedankenbeziehungen zu geistiger Bedeutung vereint und uns mit ungewohnter Leidenschaft für oder wider den fremden Geist erfüllt. Noch verwickelter wird der Vorgang dadurch, daß er von Satz zu Satz neu einsetzt und doch die Erinnerungsbilder der Vordersätze immer mit veranschlagen muß; so befindet sich der Leser fortwährend in einem Wirbelwind kalter Verstandesluft, der unwillkürliche Gefühlsgluten anfacht.
Auch dem wissenschaftlichen Leser ergeht es so, wenn er sich über den Wahrheitswert irgend einer Schlußfolgerung entscheidet; immer springt schließlich ein Gemütsfunke aus der Reibung der Verstandeskräfte. Nein, wird man einwenden: in der Wissenschaft sind die Gefühle Nebenumstände, in der Dichtung dagegen der Hauptbestand. Aber ist dem wirklich so? Gipfelt die geistige Schönheit nicht ebenso hoch über jeder Gefühlserregung wie die Wahrheit und die Gerechtigkeit? Und wurzeln nicht alle drei dennoch tief in Gründen des Gemütslebens? Ja, es kommt überall gleichermaßen auf Erkenntnis seelischen Lebens an; nur die Erkennungszeichen stehn in verschiednem Verhältnis der sinnlichen und vernünftigen Darstellungsmittel. Welche Vorarbeit muß der Verstand schon leisten, um sich blos erst in das besondre Verhältnis der originalen zu den traditionellen Bestandteilen eines Sprachwerks hineinzuversetzen! In der sogenannten reinen Wissenschaft ist dies Verhältnis am leichtesten zu erhorchen, weil deren lautliche Darstellungsmittel überwiegend auf generelle Logik hin abgestimmt sind, sodaß die individuelle Intuition des Verfassers dem Leser sehr deutlich ins Gefühl schlägt, wenn auch nur dem genügend geschulten Leser. Aber bereits die populäre Wissenschaft ist in ihrer formalen Technik so mit persönlich sensuellen und sentimentellen Elementen durchsetzt, daß sich die intellektuellen Faktoren kaum noch scharf davon sondern lassen. Und je mehr sich die rednerische Darstellung der eigentlich dichterischen nähert, um so schwieriger wird die Sonderung wie die Zusammenfassung der Lautbilder, und der Leser läuft immerfort Gefahr, daß der Funke der Erkenntnis zu früh aufflammt und in dem Schwarm der Gefühle entweder erlischt oder aber Brandschaden stiftet, wie bei mir in Ansehung Hofmannsthals.
Denn gerade die Technik der reinsten Dichtung, die Verskunst, nein die lyrische Verskunst, denn auch Epos und Drama fußen auf lyrischer Rhythmik: grade die verflicht allgemeinste Denkbegriffe der Sprache so eng mit eigentümlichsten Empfindungsbegriffen, daß man nirgends unmittelbar den Vorstellungswert, geschweige den Erregungswert der Lautwahrnehmungen abschätzen kann, sondern nur durch vielfältigste Rückschlüsse. Man vergleicht zwar die Lyrik gern mit der Musik, weil auch die nur indirekt durch Gefühlserregungen zur Erkenntnis geistiger Lebensverhältnisse führt; aber der lyrische Divinationsprozeß ist noch um vieles indirekter. Nur zu Anfang geht die Verstandesarbeit in annähernd ähnlicher Weise vor sich: ob ich ein Notenblatt lese oder einen poetischen Text, ich übersetze einen äußerlichen Gesichtseindruck in einen innerlichen Gehörsreiz, wenngleich es schon einen Unterschied macht, ob ich mir einen gesprochenen Laut oder einen gesungenen Klang vorstelle, oder gar einen klaren Instrumentalton. Dann jedoch wird der Unterschied klaffend: das Klangbild der Tonsprache übersetzen wir unmittelbar in eine Vorstellung von Gefühlszusammenhängen, das Lautbild der Wortsprache großenteils erst auf dem Umwege über mannigfache Gesichts- und Tastempfindungen nebst allerlei Hilfsbegriffsgedanken, nur zum kleineren Teil direkt akustisch. Und dabei meint jeder Leser einer Dichtung, er sei genügend vorgebildet durch seine gewohnte Sprachkennerschaft, und traut sich in seinem lieben Gemüt ein unfehlbares Gesamtverständnis zu, wo doch schon die einzelnen Darstellungsmittel x-mal mittelbarer wirken als bei jeder anderen Kunst und durch eine viel ungewohntere Sinnbilderfülle die schließliche Erkenntnis vermitteln als bei irgend einer Wissenschaft.
Wieviel Fallgruben für das Verständnis öffnen sich schon bei der ersten Erweckung der scheintoten Schriftzeichen zu lebendigen Lautbildern! Es ist nicht gleichgiltig, mit welcher Stimme, ja nur mit welchem Zeitmaß der Stimme, man sich einen Vers oder gar ein Buch Verse im stillen laut vorgelesen denkt. Unwillkürlich legen wir da zunächst unsre eigene Stimme unter; aber der Dichter meint Seine Stimme, oder vielmehr die verschiedenen Stimmen seiner imaginären Personen, denn auch das Ich des Lyrikers ist wechselnde Phantasiefigur, vielleicht noch wechselnder als die Charaktermasken, die der Dramatiker seiner Seele vorheftet. Keine Orthographie und Interpunktion reicht aus, um auch nur die gewichtigsten Betonungsverhältnisse zwischen den Satzgliedern einer einzigen Strophe unzweideutig durchs Auge ins Ohr zu bugsieren. Was wird nicht alles versucht, um das flüchtige Auge ruhsamer an das Schriftwort zu fesseln und so das Ohr des Lesers aufmerksamer für die Bewegtheit der Sprache zu stimmen. Der eine Dichter ordnet die Zeilen nach der Mittelaxe des Druckspiegels, um seine irreguläre Rhythmik durch den Kontrast der optischen Symmetrie noch sinnfälliger hervorzuheben; der andre markiert seine reguläre Metrik, um die akustische Harmonie seiner rhythmodynamischen Dissonanzen vonvornherein außer Zweifel zu stellen. Manch einer kann sich garnicht genugtun mit Gedankenstrichen, Stimmungspunkten, Ausrufzeichen und Sperrfingerzeigen, und möchte womöglich auch noch die Beiwörter mit Großen Anfangsbuchstaben schreiben; einige andre schreiben fast alles klein und würden am liebsten gar keine interpunktionen setzen damit der leser noch länger zwischen den zeilen rätselt und ein möglichst eindringlicher hörer wird. Hilft uns aber alles nichts; wir bleiben doch immer auf den Glücksfall des uns annähernd gleichgestimmten Gehörs angewiesen, so sehr wir mit ganzem Gemüt danach trachten, jede Menschenseele in unsern Bannkreis zu zwingen. Muß schließlich noch der Herr Buchverleger, Buchdrucker und Buchbinder helfen, durch ungewöhnlich gutes Papier, außerordentlich schöne Lettern und sonstige „selten gediegene“ Ausstattung den Gewohnheitsleser zu verlocken, daß er sich ausnahmsweise andachtsvoll mit unserm wertvollen Werk befasse.
Aber ach: je mehr das Buch selbst Kunstwert erlangt, je mehr es durch äußeren Augenreiz den Leser sinnig und willig stimmt, umso mehr gerade verführt es ihn, ein Leser des stillen Wortes zu bleiben, statt ein Hörer des lauten Satzes zu werden, und umso mehr zugleich verführt es die Dichtkunst zur inneren Augendienerei. Der Dichter ist ja auch selber Leser; und je mehr ihn die Buchdruckerpresse gewöhnt hat, als Leser statt als Hörer zu dichten, umso stumpfer hat sich die Wahrnehmungskraft für die Gehörsreize der Sprache verflacht, umso schärfer haben sich die Darstellungsmittel auf Gesichtsvorstellungen zugespitzt, d. h. umso schwatzhafter ist die Dichtung geworden. Sehr selten wird jetzt noch ein Lied erfunden, das seine organische Melodie so einfach vernehmlich in sich trägt, wie die Muschel in ihren Windungen summt. Viele Gedichte unsrer echtesten Dichter sind schon dermaßen überladen mit pittoreskem Brimborium, daß sie an Feuilleton-Prosa streifen. Oder wo doch noch mit Klanganspielungen unmittelbar aufs Gefühl gezielt wird, da paukt man meist so faustdick drauflos, als solle die Predigt Johannis des Täufers vor den taubstummen Steinen Ereignis werden. Und wer die beiden extremen Elemente gar noch ins Gleichgewicht setzen will, der verübt ein solches Panoptikumkonzert hypersymbolischer Metaphern, daß die verzwicktesten Rätsel der Turandot wahre Kinderspiele dagegen sind. Alldas bereichert natürlich ungeheuer die sinnlichen Wirkungsmittel der Dichtkunst, blos leider auf Kosten der geistigen Wirkung. Denn je empfindlicher die Umwege vom Verständnis der einzelnen Sinnbilder zur Erkenntnis des ganzen Bildsinnes auffallen, desto zerstückelter, also unvollkommener tritt die Gemütsbewegung ein, die den lebendigen Bildungswert des schönen Phantasiephänomens erst wirklich fortpflanzt von Geist zu Geist. Und es bleibt ewig ein dürftiger Trost, daß noch niemals ein Mensch den andern durchaus vollkommen begriffen hat.
Welcher Dichter blickt nicht zuweilen mit Grauen und Abscheu auf seine eigenen Bücher, diese Mumien seiner Phantasie, denen immer erst eine fremde Seele den Auferstehungsodem einblasen muß, und die doch stets vom gespenstischen Dunst des stummen Sarges umschleiert bleiben. Ja, könnten wir jedem, der uns hören will, wenigstens selber das Buch vorlesen! Dann würde wohl mancher dasselbe Wunder erleben, das meine Taubheit vor Hofmannsthal linderte. Denn in der körperlich warmen Menschenstimme beben von Anfang an alle Zauberkräfte der schöpferischen Seele in eins, alle die heimlichen Verwandlungskünste und redlichen Naturanwandlungen, die sich der Leser erst nach und nach zwischen den Zeilen zusammendeuten muß. Einst, als die Dichter noch fahrende Sänger waren, gehörte es mit zu ihrem Beruf, den Menschen das Wort recht vernehmlich zu machen; und es ist keine Imitation einer reproduktiven Virtuosenmode, sondern Symptom einer produktiven Epoche, daß auch heute wieder die Künstler des Wortes selber als Vortragskünstler auftreten. Freilich, es ist ziemlich zeitraubend, verstockte Ohren zu erweichen; und in unsrer Zeit der Arbeitsteilung wird es dem Dichter womöglich übelgenommen, wenn er als Anwalt des mündlichen Mitteilungstriebes ein paar Gedichtbücher weniger schreibt. Aber ob er der Mit- und Nachwelt dann wirklich etwas vorenthält? Was einer an Schöpferkraft in sich hat, das setzt er allemal in die Welt, ob nun durch hundert Pfropfreiser oder zehn Wurzelschößlinge. Die paar kurzen Lieder, die uns die fahrenden Leute der Vorzeit hinterlassen haben, sind sicherlich unsterblicher, als die tausend bandwurmlangen Prosa-Romane, mit denen unsre Schreibtischhocker jahraus jahrein die Welt beglücken. Und vielleicht genest der gebildete Europäer dermaleinst von der närrischen Lesewut, die seine Augen immer gieriger, seinen Verstand immer spitzfindiger, seinen Geist immer kurzsichtiger und sein Gemüt immer schwerhöriger gemacht hat.
Das Buch wird drum doch seinen Wunderwert als spiritistisches Medium behalten und dann sogar erst recht offenbaren. Auch jener afrikanische Wilde hat die Bibel ja schließlich vors Auge genommen; aber er würde es niemals gelernt haben, hätte sein christlicher Mitmensch ihm das Wort Gottes nicht immer wieder durchs Ohr zu Gemüte geführt.
Philosophische und poetische Weltanschauung
Ansprache im Monistenbund
Werte Zuhörer! Der Vorstand Ihres Vereins hat mich ersucht, die heutige Vorlesung meiner Dichtungen mit einer kurzen Darlegung meiner Weltanschauung einzuleiten, indem er mir zugleich erklärte, ich sei ein besonders origineller Repräsentant des „esoterischen Monismus“. Ich habe den Wunsch des Vorstandes abgelehnt, kann auch die schmeichelhafte Liebeserklärung nur mit Glaßeehandschuhen annehmen, und möchte Sie eindringlichst davor warnen, aus den Werken lebender Dichter und überhaupt zeitgenössischer Künstler das herausfinden zu wollen, was man heute unter Weltanschauung versteht, nämlich einen begrifflichen Leitfaden, mit dem sich der zweiflerische, aber glaubensbedürftige Verstand im Labyrinth der Ursachen und Wirkungen einigermaßen zu orientieren sucht.