Der Künstler denkt nicht in Verstandesbegriffen, wenn er bei seiner Arbeit ist; er denkt in Gefühlsvorstellungen. Er will nicht erst zum Glauben gelangen, sondern er geht vom Glauben aus. Er glaubt an alles, was da ist in der Welt; er glaubt auch an die verschiedenen Weltanschauungen, die in seiner Zeit miteinander kämpfen. Ich habe einmal einem Politiker, einem Konservativen echten Schlages, der mich fragte, was ich nun eigentlich sei, Sozialdemokrat oder Anarchist, nationalsozial oder liberal — dem habe ich geantwortet: „unter anderm auch konservativ!“ Und so könnte ich auch Ihnen sagen: ich bin unter anderm auch Monist, d. h. unter Umständen auch Dualist, oder Trialist oder Milliardist, oder sagen wir mal Polymonist.
Der Künstler umfaßt alle Welt mit Liebe. Selbst was er persönlich haßt und verachtet im Leben: sobald es ihn reizt, es in Kunst umzusetzen, ergreift ihn unwillkürlich die Liebe zur Sache. Es kann also jeder Genießer aus jedem Kunstwerk die Philosophie, Moral, Religion herausdeuten, die grade ihm die liebste ist. Das schließt schon aus, daß der Dichter als Dichter eine originelle Philosophie oder Theosophie darbieten kann; denn die ist immer unduldsam gegen anders gesinnte Originale, also im ernstesten Sinne unliebenswürdig. Er kann bestenfalls ein Echo sein all der weltbedeutenden Ideen, um die in seiner Zeit gekämpft wird.
Sehen wir uns einmal den Dichter an, der heute in Deutschland vorzugsweise als Weltanschauungsdichter gerühmt wird: Goethe. Wir finden keine solche Idee bei ihm, die wir nicht auch bei anderen Wortführern seiner Zeit und Vorzeit finden können, bei den Humboldt, Schlegel, Schleiermacher, Schelling, Kant, Lamarck, Spinoza usw.; und wir finden viele Ideen bei ihm, die einander durchaus widerstreiten. Nur weil er sie bei der Aneignung mit stärkerer Leidenschaft erfaßte, mit tieferer Liebe und höherem Glauben im Augenblick der Wortschöpfung, nur deshalb gilt er uns als der typische Repräsentant seiner Zeitgenossen; und nur weil wir die verschiednen Ideen, denen jene Männer ihr Lebenlang getrennt und einzeln nachhingen, in diesem Einen zusammengefaßt sehn, nur deshalb entnehmen wir daraus ein gemeinsames Gedankenband, die sogenannte einheitliche Weltanschauung jener sehr mannigfach denkerischen Zeit.
Denn eine einheitliche Weltanschauung hat es in Wirklichkeit niemals gegeben, zu keiner Zeit und in keinem Volke; es gibt auch heute keine zwei Menschen, die unter „Monismus“ genau dasselbe verstehen. Nur wenn wir zurückblicken auf vergangene Zeiten, dünkt uns diese oder jene Gedankenverbindung die sieghaft überwiegende. Aber wenn sich die bei einigen Dichtern, wie z. B. auch bei Dante, Äschylos, Kalidasa, Rumi, Litaipe mit besonders originellem Pathos ausspricht, dann wollen wir doch ja beachten, daß die Originalität nicht in den Gedanken steckt, sondern eben in dem Pathos, in dem mächtigen Aufruhr der Gefühle, der mit den Gedanken sein bildhaftes Spiel treibt.
Nehmen wir sogar einmal an, es könnte ein Allerweltsgenie geben, in dessen Schädel ein gleichermaßen origineller Philosoph und Poet beisammen hausten. Ich meine nicht jene Zwitterbegabung, bei der (wie z. B. in Nietzsche und Schiller) ein starkes Talent der einen Gattung mit einem schwächern der andren verkoppelt ist; sondern eben ein pures Genie, in dem beide Talente gleich kräftig wären. Wie ja manche Leute behaupten, daß Shakespear und Bacon in der Tat dieselbe Person gewesen seien; worüber freilich jeder lächeln wird, der Bacons Novum Organon und Shakespears Dramen gründlich kennt. Aber nehmen wir an, sie waren wirklich ein und dasselbe Wundertier: ja, dann hat eben dieses Wundertier, um seine originelle Philosophie, seine neue Gedankenwelt darzustellen, seine drei philosophischen Werke geschrieben —: in seinen poetischen Werken dagegen, das wird wohl selbst der abstrakteste Kommentator zugeben, da kam es ihm eben auf Poesie an, also durchaus nicht auf eine Gedankenwelt, sondern auf eine Welt von Gefühlsgestalten, in der die Gedanken nur dazu dienen, sich gegenseitig ins Bockshorn zu jagen, oder (tragisch betrachtet) einander den Hals umzudrehen.
Man braucht drum noch lange nicht zu folgern, der Dichter sei nur ein Rohr im Winde, jedem phantastischen Stimmungshauch unterworfen, und daher fürs wirkliche Menschenleben eigentlich unzurechnungsfähig. Wenn dem so wäre, dann bliebe wohl alle Dichtung außer Rechnung fürs Leben der Menschheit; und das bleibt sie doch keineswegs. Der Dichter hat freilich keine Gedankenkette, an der er sich selbst und andere Leute auf dem wilden Weltmeer verankern kann; aber er trägt einen Gefühlskompaß in sich, der ihm und andern die Richtung weist, wo in der Windrose der Augenblicksleidenschaften seine stärksten und liebsten Empfindungen zum dauernden Pol zusammenschießen, zum sichern Gesichtspunkt gegenüber der Welt. Das sittliche Wort dafür ist Selbstzucht.
Das ist der ideale Punkt, dem jeder Künstler in seinen Gebilden zustrebt, und zu dem er schließlich auch die hinbildet, die er bezaubert durch dies Streben, durch diese liebreiche Anziehungskraft. Das ist es auch, was Goethe meinte, als er seinen Prometheus sagen ließ: „Hier sitz ich, forme Menschen! ein Geschlecht, das mir gleich sei!“ Und nach diesem weltumformenden Lebenszweck, ob er nun göttlich oder übermenschlich oder allgemein-menschlich genannt wird, mögen alle die unter meinen Hörern, denen der sogenannte rein künstlerische Genuß keine genügende Belohnung für die Anstrengung des Zuhörens ist, auch in meinen Dichtungen fahnden.
Der Olympier Goethe
Ein Protest
Eine öffentliche Gesellschaft von allerlei strebsamen Bürgersleuten hatte mich einmal eingeladen, Gedichte von Goethe zu deklamieren. Seit langer Zeit zum ersten Mal wieder las ich nun seine lyrischen Werke von A bis Z und der Reihe nach durch, um die heute noch lebensvollsten, menschlich wirksamsten Gedichte für den Vortrag auszuwählen, also absehend von artistischer und literarhistorischer Feinschmeckerei, und da erlebte ich eine Überraschung. Ich fand einen wesentlich anderen Goethe, als ich ihn in der Vorstellung trug, und als er wahrscheinlich vielen Deutschen von der Schulbank her vorschweben wird.