Die Verkündigung der Zukunft durch Traumgesichte erwartete man, auf dem Fell eines geopferten Widders schlafend, [pg 112]beim Orakel des von der Erde verschlungenen Sehers Amphiaraos bei Theben.

Wer den Trophonios befragen wollte, fuhr durch einen engen Schlund in seine Höhle bei Lebadea in Böotien ein, um ihn hier in Person oder in Schlangengestalt zu sehen, oder wenigstens seine Weisungen zu hören.

4. Totenorakel (νεκρομαντεῖα, ψυχομαντεῖα) gab es namentlich an den Orten, an welchen Eingänge in die Unterwelt (Πλουτώνεια) angenommen wurden. Das bedeutendste war das bei Cumä in Kampanien. Durch Gebet und Opfer wurden die Seelen der Verstorbenen von den Priestern heraufbeschworen, um die gewünschte Auskunft zu erteilen.

§ 51. Gebet und Opfer.

Die vor keiner wichtigeren Unternehmung fehlenden Bittgebete haben meist etwas Formelhaftes: Auf die ausführliche Anrufung der Gottheit folgt die Erinnerung an die früher dargebrachten Opfer, dann die Bitte selbst, zum Schluß häufig ein Gelübde für den Fall der Erhörung. Beim Gebet zu den oberen Göttern erhob man die Hände gen Himmel, die innere Handfläche nach auswärts, bei der Anrufung der Meeresgötter streckte man sie gegen die Meeresfläche aus, bei der der Unterirdischen kniete oder setzte man sich auf den Boden und berührte mit den Händen die Erde.

Durch den Eid (ὅρκος) wünscht der Schwörende für den Fall des Meineids die Strafe der Götter auf sich herab. Bei der ungemeinen Häufigkeit des Eids im griechischen Staatsleben wurden ohne Zweifel zahllose Meineide geschworen; ihre Bestrafung erfolgte jedoch nicht von Gesetzes wegen, sondern blieb den Göttern selbst, namentlich dem Zeus ὅρκιος überlassen.

Erhöht wird die Feierlichkeit des Eids durch damit verbundene Opfer. Beim Eidopfer (ὅρκια τέμνειν, τόμια [pg 113]vgl. Il. 3, 103 ff. 19, 253 ff.) wünscht sich der Schwörende das Schicksal des geschlachteten Opfertieres, falls er den Schwur nicht halte; ungemischter Wein wird ausgegossen: „Wie der Wein, so möge das Gehirn des Meineidigen auf die Erde spritzen!“ (Il. 3, 300 f.)

Die Opfer, die den Himmlischen und Unterirdischen gewöhnlich verbrannt, den Meer- und Flußgöttern ins Wasser geworfen werden, sind teils blutige, teils unblutige. Letztere bestehen in Backwerk (πέμματα), Früchten, Käse, Weihrauch; arme Leute, denen Tieropfer zu teuer waren, ließen Tiere in Teig nachbilden. Als Trankopfer wurden Spenden von Wein und (besonders den Unterirdischen) ein Gemisch von Honig, Milch und Wasser (μελίκρατον) dargebracht.

Bei der Darbringung eines blutigen Speiseopfers besprengen die Teilnehmer sich und den Altar mit Wasser, das durch Eintauchen eines brennenden Scheits (δαλίον) vom Altare geweiht worden ist; dann streuen sie herumgereichte Opfergerste (ὀλαί, bei Homer οὐλαί, οὐλοχύται) dem mit Bändern und Kränzen geschmückten Opfertier auf den Kopf. Dasselbe muß durchaus fehlerfrei sein; den oberen Göttern werden mit Vorliebe hellfarbige, den Unterirdischen und Toten schwarze Tiere geopfert. Alsdann schneidet man dem Opfertiere einige Kopfhaare ab und wirft sie ins Feuer, wodurch dasselbe dem Tode geweiht wird. Alle Anwesenden werden nun zu frommem Schweigen aufgefordert (εὐφημεῖτε) und unter Flötenmusik und Gesang von Päanen der Gott um gnädige Annahme des Opfers angefleht. Man biegt dem Opfertiere den Kopf zurück – größere Tiere werden zuvor durch einen Schlag auf den Kopf betäubt –, durchschneidet den Hals und läßt das Blut auf den Altar oder in die Opfergrube fließen. Dann zieht man die Haut ab und be[pg 114]reitet zuerst die inneren Teile (σπλάγχνα), welche am schnellsten fertig werden, am Feuer zu.