Ich traf Dr. Leete und die Damen beisammen. Edith fragte mich, ob mein erstes Auftreten als Professor sich meinen Erwartungen gemäß gestaltet habe.
Es war immer mein Grundsatz offen und ehrlich zu sein. Ich teilte daher den Freunden meine Erlebnisse, den wesentlichen Inhalt meiner Vorlesung, deren kühle Aufnahme und meine Enttäuschung mit. Ich erwähnte auch Herrn Forests kritische Besprechung meiner Rede und gestand, daß sein abfälliges Urteil in so fern berechtigt gewesen wäre, als ich die Auswüchse, welche der Wettbewerb bei einzelnen Leuten meiner Zeit erzeugt hatte, der gesamten Menschheit des neunzehnten Jahrhunderts zuschrieb. Die Bemerkungen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte, erwähnte ich natürlich nicht.
Mein Bericht machte offenbar auf Dr. Leete keinen unbedingt angenehmen Eindruck. Nach einer kurzen Pause sagte er: „Ich meine, daß die rücksichtslose Konkurrenz im letzten Teile des neunzehnten Jahrhunderts notwendiger Weise das ganze Volk mehr oder weniger verderben mußte, — in den meisten Fällen mehr. Deshalb halte ich Ihre Vorlesung für eine ausgezeichnete Darlegung leitender Grundsätze und ich glaube nicht, daß Sie Veranlassung haben, auch nur einen Zoll breit von dem Standpunkte zurückzuweichen, den Sie eingenommen haben. Die kühle Aufnahme, welche Ihnen wurde, darf Sie nicht beirren. Sie ist eine Folge der Forestschen Lehrthätigkeit. Er hat seine irrigen Ansichten in die Köpfe unserer Studenten gesäet, seine blinde Verehrung für den Wettbewerb und seine Abneigung gegen die jetzige Ordnung der Dinge. Es ist jetzt Ihre Aufgabe, die jungen Leute über den vergleichsweisen Wert der beiden Gesellschaftsordnungen aufzuklären. Herr Forest legt durch seine unablässigen Versuche, die Studenten zu verleiten, unserer Geduld schwere Proben auf. — Hat er Ihnen gegenüber den Umstand nicht erwähnt, daß er Ihr Vorgänger war?“
„Er that es, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob er ein Mitglied des Lehrerpersonals sei. Er sagte, daß er wegen „Ketzerei“ entlassen wurde und daß er seine verhältnismäßig milde Behandlung Ihrer Verwendung verdanke.“
„Es ist nicht Forests Art, mit seinem Urteil zurückzuhalten und ich darf demnach annehmen, daß er Ihnen eine nette Schilderung von Dr. Leete entworfen hat,“ sagte mein Gastfreund lächelnd.
Unter den obwaltenden Umständen schien es mir am zweckmäßigsten, die Äußerungen zu wiederholen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte, zumal dieselben nicht bösartig, sondern eher schmeichelhaft für meinen Gastfreund waren. Ich kann wohl hinzufügen, daß ich einigermaßen neugierig war zu sehen, was Dr. Leete zu der Behauptung des Herrn Forest sagen würde, daß er ein Politiker und Führer der Regierungspartei wäre.
So sagte ich denn: „Herr Forest lachte herzlich, als ich Ihre Äußerung wiederholte, daß Sie weder Parteien noch Politiker hätten. Er nannte Sie einen Spaßmacher, einen geriebenen Politiker, den Führer der Regierungspartei und einen braven Mann.“
Über Dr. Leetes Zügen flog ein etwas grimmiges Lächeln, als er antwortete: „Das ist ein Charakterzeugnis, auf welches ich eigentlich stolz sein sollte, da es von einem zum Krittler gewordenen Kritiker herrührt. Was Forests Behauptung betrifft, daß ich ein Politiker sei, so habe ich darauf nur zu entgegnen, daß ich noch nie ein Amt bekleidete; und daß die Regierung mich in einzelnen Fällen zu Rate zog, macht mich noch nicht zum Führer der Regierungspartei, denn diese Auszeichnung wurde auch andern Bürgern häufig zu teil. Politische Parteien haben wir nicht. Es giebt natürlich einige unverbesserliche Tadler, die, wie Forest, nie zufriedengestellt werden können, und einige radikale Krakehler. Ihnen wird aber wenig Beachtung geschenkt, so lange sie nicht den Frieden des Volkes stören. Thun sie dies, so senden wir sie in eine Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene Behandlung zu teil wird.“