Allgemeine Regeln.

Was ist Anstand? Es ist das Benehmen, wie man es von einem gebildeten, gesitteten und taktvollen Menschen im Verkehr mit seinen Mitmenschen verlangt, entsprechend den durch Gewohnheit und Herkommen festgelegten Sitten und Gebräuchen. Diese Sitten und Gebräuche sind nun in den meisten Ländern verschieden, je nach der Kulturstufe, die die Völker einnehmen. Je weiter eine Nation in der Kultur vorgeschritten ist, um so viel feiner ausgebildet ist auch ihr Gefühl für Anstand und gute Sitte und ihr dementsprechendes Benehmen. Es ist daher Pflicht eines jeden, durch sein eigenes Betragen dahin mitzuwirken, daß seine Nation als auf der höchsten Stufe der Kultur stehend sich vor der Welt zeige. Ich will nun nicht von den verschiedenen Sitten der Kulturvölker sprechen, sondern mich auf diejenigen beschränken, die uns selbst, unser Vaterland berühren. Ich möchte vor allen Dingen vier Haupttugenden als die Grundlage jeder guten Sitte besonders hervorheben: 1. Sittsamkeit, 2. Höflichkeit, 3. Dankbarkeit, 4. Bescheidenheit. Man nehme sich zur Richtschnur, zwei kleine Worte stets zu gebrauchen, und man wird nicht leicht Anstoß im Umgange erregen. Man gebrauche bei jedem Wunsche, auch wenn man befehlen kann, das kleine Wort „bitte“ und vergesse ebensowenig, das andere kleine Wort „danke“ anzuwenden. Der Raum des Büchleins verbietet es, auf die einzelnen Tugenden näher einzugehen; doch möchte ich noch bemerken, daß kein Stand ausgeschlossen, sondern für jeden die Kenntnis und Befolgung des guten Tones nötig ist.

Wodurch erlangt man die nötige Lebensart? Dadurch, daß man sich die Kenntnis alles dessen aneignet, was von einem gebildeten Menschen verlangt wird. Den ersten und besten Unterricht erhält man oder vielmehr sollte man zu Hause in der Familie von Jugend auf erhalten. Dann folgt die Schule, der neben der wissenschaftlichen Bildung auch die Herzens- und Gemütsbildung und damit des Taktgefühls im Verein mit dem Elternhause obliegt. Den letzten gesellschaftlichen Schliff gibt dann der Tanzunterricht und der Verkehr der jungen Damen und Herren unter- und miteinander. „Willst du erfahren, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an“, sagt unser großer Goethe und stellt damit das weibliche Geschlecht als die berufene Lehrmeisterin der guten Sitten hin; allerdings mit der Einschränkung „edle Frauen“; doch bin ich fest überzeugt, daß jede meiner Schülerinnen sich jederzeit bemühen wird, diesen Ehrentitel mit Recht zu verdienen.

Die Körperhaltung.

Die Körperhaltung sei stets eine gerade; denn nichts macht einen häßlicheren und unfeineren Eindruck, als eine nachlässige und falsche Körperhaltung. „Der erste Eindruck ist maßgebend“, sagt ein altes Wort, und mit Recht. Denn ein Mensch, der nichts auf seine Haltung und sein Äußeres gibt, zeigt dadurch, daß er nicht die nötige Achtung vor sich selbst und vor andern und deshalb keine Lebensart besitzt. Man vermeide daher in Gesellschaft, den Kopf schief zu halten oder nach vorn herunterhängen zu lassen, den Körper gebeugt zu tragen, die Arme auf der Brust zu kreuzen oder auf den Rücken zu legen oder gar die Hände in die Taschen zu stecken. Man unterlasse es, die Füße breit auseinander zu stellen oder unruhig bald dahin, bald dorthin zu setzen; beim Gehen halte man den Körper ruhig, d. h. ohne steif zu sein, und mache weder zu große noch zu kleine Schritte. Daß die Füße dabei stets auswärts, d. h. die Fußspitzen nach außen gerichtet sein müssen, die Hacken nach innen, versteht sich von selbst; auch setze man immer die Fußspitzen zuerst auf und lasse die Hacken folgen. Beim Sitzen lehne man sich nie an, wenn jemand mit uns spricht oder wir mit jemand sprechen, und halte die Füße nicht unter den Stuhl, sondern vor diesen, und schlage auch nie die Beine übereinander. Auch soll man nicht mit dem Sessel schaukeln. Man strecke sich nicht lang auf dem Sessel aus. Auch setze man sich nicht rücklings auf den Sessel, beuge sich beim Schreiben und Nähen nicht zu tief über die Arbeit und bei Tisch nicht zu weit über den Teller. Mit den Füßen schlenkern und mit dem Sessel hin- und herrücken, ist ebenfalls gegen den guten Ton.

Das Betragen.

Das Betragen sei stets ein sittsames, höfliches und bescheiden zuvorkommendes gegen Jedermann, auch gegen Untergebene, „denn man vergibt sich nichts, ehrt sich selbst damit und erwirbt sich deren Liebe und Achtung!“ Diesen Spruch sich fest einzuprägen und in allen Lagen des Lebens streng danach zu handeln, möchte ich ganz besonders der Jugend empfehlen.

Das Alter hat überall den Vortritt, und nach seinen Wünschen und Bestimmungen hat sich die Jugend ständig zu richten. In Gesellschaft suche man sich nie vorzudrängen und durch auffallendes Benehmen Aufsehen zu erregen; auch sei man nie vorlaut, sondern stets bescheiden und fühle sich als Teil der Gesellschaft. Man trage, soviel man kann, zu der Unterhaltung bei, ohne diese etwa allein besorgen zu wollen, und füge sich gern ausgesprochenen Wünschen anderer. Man sei stets freundlich und zeige nie, auch nicht durch den Gesichtsausdruck, daß man etwas nicht gern tut.

Nach diesen ganz allgemeinen Bemerkungen wollen wir das Benehmen bei einzelnen Gelegenheiten etwas näher betrachten.