Zu Hause.
Das Betragen im eigenen Hause sei ebenso und von denselben Grundsätzen beherrscht, wie in der Gesellschaft. Man sei zu seinen Familienangehörigen noch liebenswürdiger, aufmerksamer, diensteifriger als zu Fremden und voll zarter Rücksichtnahme gegeneinander. Macht es doch die Liebe zu den Angehörigen selbstverständlich, daß man diesen mindestens dieselbe Achtung und Rücksicht entgegenbringen muß wie Fremden. Man lasse sich zu Hause nie einfallen, die gute Sitte als einen lästigen Zwang abzuschütteln. Man „bitte“ und „danke“ zu Hause gerade so oft wie auswärts. Man zeige sich nie seinen Angehörigen in nachlässiger oder mangelhafter Toilette. Zu den Eltern sei man stets ehrerbietig und suche ihre Wünsche schon zu erfüllen, ehe sie ausgesprochen sind. Bruder und Schwester seien stets rücksichtsvoll gegeneinander, und der Bruder sehe in der erwachsenen Schwester stets die Dame.
Auf der Straße.
Hier hüte man sich sehr, durch auffallendes Betragen Aufsehen zu erregen. Man sei immer höflich und grüße die Bekannten, sowohl die der Eltern wie die eigenen. Der Herr grüßt zuerst und zwar durch Abnehmen des Hutes mit der von dem zu Grüßenden abgewandten Hand. Der Hut muß stets so gehalten werden, daß die Öffnung nach dem Körper zu gerichtet wird. Hutgruß erfordert wieder Hutgruß, auch geringeren Personen gegenüber. Alsdann neigt man im Vorüberschreiten Kopf und Oberkörper nach der zu grüßenden Person. Eine Dame grüßt nie zuerst, sondern wartet den Gruß des Herrn ab. Jungen Mädchen steht es wohl an, ältere Herren oder solche, für die sie besondere Achtung haben, wie Geistliche, Lehrer usw. zuerst zu grüßen. Eine ältere Person läßt man stets an der rechten Seite gehen.
Wie grüßt man „deutsch“? Man übt sich zunächst, eine kleine Verbeugung als Gruß zu machen, so wie man in Sälen ohne Hut grüßt. Dann macht man dasselbe, nachdem man vorher die rechte Hand an den Hutrand gelegt hat. Man muß dabei das Gefühl walten lassen, daß das Anblicken der zu grüßenden Person und unser Gesichtsausdruck die Hauptsache ist. Sonst verdreht man leicht den Kopf nach der angelegten Hand, und die Verbeugung wird schief und ungelenk.
Das Anlegen der Hand geschieht leicht mit gleichzeitigem Anheben des Ellbogens, ungezwungen. Die Hand ist natürlich leicht gekrümmt, Daumen und Finger sind geschlossen, die Handfläche nach unten und etwas nach vorn, daß man von vorn in die Hand hineinsehen kann, Zeige- und Mittelfinger liegen an dem Hutrand, etwa neben dem rechten Auge. Man nimmt die Hand hoch, ehe man mit der Verbeugung beginnt, je früher, desto mehr ehrt man den zu Grüßenden. Nach dem Gruß nimmt man sie leicht herunter, ohne, wie die Soldaten, sie in die Luft zu schwenken. Ist die zu grüßende Person rechts, so kann man auch die Hand über das linke Auge an den Hutrand legen, hat man die rechte Hand nicht frei, führt man z. B. eine Dame, so grüßt man mit der linken. War die nichtgrüßende Hand in der Manteltasche, so wird sie herausgenommen. Der Arm bleibt ruhig, natürlich an der Seite hängen. Gehen Herren und Damen zusammen, so geht die Dame rechts. Um die Seite zu wechseln, geht man stets hinter der Dame vorbei. Der Dame läßt man beim Betreten eines Hauses, sowie sonst überall, den Vortritt, ebenso älteren Personen. Nur geht der Herr voran, wenn eine Treppe nicht breit genug ist, um nebeneinander hinaufgehen zu können.
Wie weiche ich aus? Begegnet man als Herr einer Dame oder einem älteren Herrn, so überläßt man diesen beim Ausweichen die Seite nach den Häusern zu; ist der Fußweg zu schmal, um ein bequemes Ausweichen darauf zu ermöglichen, so tritt man von ihm auf den Fahrweg hinüber.
Weicht man aus, so tut man es, wenn nicht andere Gründe dagegen sprechen, immer nach rechts. Tut der Begegnende dies ebenfalls, so kommt man ohne Anstoß aneinander vorüber. Tritt aber doch jenes ärgerliche Hin- und Hertreten ein, so braucht man nur, um der Situation ein Ende zu machen, einen Augenblick stehen zu bleiben. Ungebildeten, rohen Menschen weiche man stets aus, auch wenn es ihre Pflicht wäre, Platz zu machen.
Auf der Reise.
Auf Reisen glaubt oft mancher, sich mehr Freiheiten erlauben zu dürfen, als unter seinen heimischen Bekannten. Allein wer wirklich Lebensart besitzt, wird auch auf der Reise bemüht sein, jede Verletzung des Anstandes zu verhüten. Man sei stets rücksichtsvoll gegen seine Reisegenossen, da diese dasselbe Recht zu beanspruchen haben wie wir. Der Herr sei Damen stets behülflich, wenn er, ohne sich aufzudrängen, ihnen kleine Dienste leisten kann. Bei Partien zu Fuß nimmt der Herr stets den Mantel usw. der Dame und ist mit liebenswürdigem Eifer bemüht, die Partie so angenehm wie möglich zu gestalten. Ein von einer Dame ausgesprochener Wunsch muß einem Herrn stets Befehl sein, den auszuführen er sich beeilt.