Ladest du einen Freund als Gast ein, so laß es an nichts fehlen, denn es nimmt alle Stimmung, wenn der Gast etwas vermißt. Als Gast halte dich nicht zu lange auf. Hast du Gäste, so sorge für Unterhaltung, mache Spaziergänge usw. Wenn du als Gast erscheinen willst, so melde dich immer vorher an; unangemeldete Besuche sind nicht Sitte, es könnte ja sein, daß bereits Besuch eingetroffen oder irgend Jemand krank wäre. Macht man irgendwo einen längeren Besuch, so muß man sich den Verhältnissen der Familie anpassen.
Geschenke bringt man dem Wirt und seinen Familiengliedern mit, Ansichten aus der Heimat und Eßwaren oder Spielzeug für die Kinder, aber keins, das Geräusch macht.
Findest du, daß du durch deinen Besuch große Umstände machst, reise bald wieder ab, aber nicht so plötzlich, daß es als Beleidigung empfunden wird.
Unterrichte dich über die Gewohnheiten deines Gastes, daß er sich behaglich fühle. Die eingeführten Gewohnheiten müssen unter Umständen geändert werden, wenn dein Gast eine hervorragende Stellung oder ein hohes Alter hat. Auch Gebrechen rechtfertigen eine Änderung. Kinder nimmt man nur auf besondere Einladung mit. Man lasse sie nie ohne Aufsicht.
Junge Mädchen, welche ihre Freundinnen besuchen, dürfen dort keine Vorschläge machen, welche besondere Ausgaben veranlassen würden, wie Theaterbesuche. Junge Mädchen, die auf Besuch sind, sollen womöglich behilflich sein im Haushalt und sich nützlich zu machen suchen. Nichts kann ja für ein junges Mädchen empfehlender sein, als wenn von seiten der Eltern ihrer Freundin um Verlängerung des Aufenthalts gebeten wird und alle schließlich voneinander Abschied nehmen mit dem Wunsch, recht bald wieder zusammen leben zu können.
Junge Herren haben auch ähnliche Pflichten; besonders den Herrn des Hauses zu unterhalten, in seiner freien Zeit mit ihm Schach u. dergl. zu spielen, und die Zeitung vorzulesen. Am Abend wird der Vorschlag, sich zurückzuziehen, von den Gästen ausgehen. Man nimmt hierbei Rücksichten auf den Wirt und seine Gewohnheiten. Bist du abgereist, so bedanke dich zeitig noch schriftlich bei deinem Wirt für die freundliche Aufnahme. Hat man dir Dienste geleistet, so gib dem Personal ein Trinkgeld.
Hat man Dienstboten, so behandle man diese anständig, spreche einen Tadel ruhig und gelassen und nicht in Gegenwart dritter Personen aus; werfe ihnen auch ihre untergeordnete Stellung nie vor. In Gegenwart von Dienstboten sollen keine Familienangelegenheiten besprochen werden.
Wer seine Dienstboten von Anfang an daran gewöhnt, nie ein Zimmer zu betreten, ohne vorher anzuklopfen, oder außer dem „Ja“ und „Nein“ noch mit der üblichen Anrede zu antworten, der wird auch in manch anderer Beziehung nicht über unhöfliches Betragen zu klagen haben. Dienstboten dürfen sich nicht erlauben, ankommenden Besuch auffallend zu begrüßen (grüßen sollen sie natürlich jedermann, der im Hause verkehrt), noch weniger ein Gespräch anzufangen. Die Kinder sollen die Dienstboten mit „Sie“ anreden. Im Gespräch darf man niemals die Angehörigen mit dem Vornamen nennen oder Fremde ohne den ihnen gebührenden Titel.
Bei Tisch sind folgende Regeln zu beobachten: Das Hinreichen geschieht mit dem linken Arm von der linken Seite des Gastes. Das Fortnehmen geschieht mit der rechten Hand, welche das Geschirr auf das Brett stellt, das in der linken Hand ist. Beim Anbieten wird nichts gesprochen, höchstens etwa: „Bitte, versehen Sie sich.“