Bei der Tafel kann man aus dem Benehmen des einzelnen Gastes am besten den Grad seiner Bildung beurteilen. Wird eine größere Gesellschaft zur Tafel geladen, so werden die Herrschaften im Empfangszimmer zuerst vom Herrn des Hauses begrüßt. Dieser bietet ihnen den Arm und führt sie zu seiner Gemahlin. Diese hat die Gäste nun zu begrüßen und den Willkommengruß des Hauses zu bieten, dann die Gäste gegenseitig einander vorzustellen, soweit sie sich noch nicht kennen. Womöglich sollten hierbei alle Gäste anwesend sein. Die Hausfrau soll für eine gemütlich-heitere Stimmung sorgen.
Erwartet man Besuche, so hat man besondere Toilette zu machen. Diese sei einfacher als die der Gäste. Ein Schürzchen darf die Frau des Hauses nur dann anlegen, wenn sie die Gäste selbst bedient.
Auch das Dienstpersonal muß sauber gekleidet sein. Unterhalte deine Gäste so lange gut, bis alle anwesend sind. Sei selber pünktlich im Einhalten der Zeit. Bist du abgehalten, bei Tafel zu erscheinen, so entschuldige dich zeitig. Hat ein Gast eine größere Verspätung, so beginnt man ohne ihn die Tafel.
Sind alle Gäste im Vor- oder Nebenzimmer versammelt und ist die Tafel in jeder Beziehung vorbereitet, so pflegt die Hausfrau den ältesten oder angesehensten Herrn der Gesellschaft um seinen Arm zu bitten. Sie darf dieses ohne weiteres tun. Sie sagt etwa: „Herr X, würden Sie die Güte haben, mir Ihren Arm zu reichen?“ Der Herr des Hauses führt ebenso die angesehenste Dame zu Tisch. Dies ist das Zeichen, daß die übrigen Herren die anwesenden Damen engagieren und zu Tisch führen. Die jüngeren warten, bis die älteren ihre Wahl getroffen haben. Der Herr des Hauses geht mit der angesehensten Dame voraus. Die Frau beschließt mit dem angesehensten Herrn den Zug. Jeder Herr ist nun der von ihm geführten Dame behilflich, im Speisesaal ihren durch Namenkarte bezeichneten Platz aufzufinden. Er verabschiedet sich dann von ihr mit einer Verbeugung und sucht seinen Platz auf. Nimmt er Platz, so hat er sich nach beiden Seiten hin gegen seine Nachbarn zu verbeugen und sie mit einigen höflichen Worten zu begrüßen. Der Hausherr und die Hausfrau sitzen gewöhnlich in der Mitte der Tafel und zwar einander gegenüber. Die Plätze in ihrer Nähe gelten als die Ehrenplätze. Den Wünschen einzelner muß hier Rechnung getragen sein in Betreff der Zusammenstellung der Paare und in der Verteilung der Plätze. Es ist aber auch zu beachten die gesellschaftliche Stellung der Gäste, der Bildungsgrad und das Alter usw. Einwendungen gegen die Tafelordnung zu machen, ist unpassend. Bei bürgerlichem Tisch ist es Sitte, daß ein einzelner Gast neben der Dame des Hauses seinen Platz erhält. Ist der Gast eine Dame, so sitzt sie rechts vom Hausherrn. Sind die Plätze nicht durch Karten bezeichnet, so sollen jüngere Gäste warten, bis die älteren Platz genommen haben. Viel Aufmerksamkeit erfordert das Servieren. Es hat stets von links zu geschehen. Bei Gasttafeln mit strengem Zeremoniell pflegt man immer erst die Damen rechts von der Hausfrau, dann die rechts von dem Hausherrn, dann die links von der Hausfrau usw. zu bedienen. Nach den Damen kommen dann erst die Herren. Die Gastgeber selbst werden immer zuletzt bedient. Bei Mahlzeiten mit weniger peinlichem Zeremoniell werden die Gerichte den Gästen der Reihe nach serviert; oder die Gerichte werden an einem Ende der Tafel aufgestellt und dann von den Gästen selbst weitergegeben. Dieses Herumreichen der Speisen ist für besonders lebhafte Personen oft ein heikles Geschäft. Diese haben doppelt nötig, sich Strenge aufzuerlegen, vorsichtig zu sein und besonders auf sich zu achten. In kleinen Kreisen sagt man etwa: „Gesegnete Mahlzeit!“ oder „Wünsche wohl zu speisen!“ aber nicht nur: „Mahlzeit!“
Die Handschuhe werden abgelegt und eingesteckt, ehe man die Serviette anlegt. Sie werden auch nicht viel früher wieder angezogen, als bis die Frau des Hauses sich anschickt, die Tafel aufzuheben.
Mit der Serviette putze nicht das Besteck nach oder den Teller ab. Es wäre dies für die Hausfrau eine grobe Beleidigung. In Gasthöfen ist es jedoch ratsam, nach dem Besteck zu sehen. Dort kann sich auch jeder die Serviette anlegen, wie es ihm beliebt. Aber in privater Gesellschaft wäre dies taktlos. Die Serviette falte man auseinander und lege sie auf den Schoß bis zum Knie oder bloß auf dasselbe. Nach dem Gebrauch lege sie links zur Seite, ohne sie zusammenzufalten. Bei einfachem bürgerlichem Tisch und in Gasthäusern ziehe die Serviette durch den beigelegten Ring. Das beigelegte Brötchen berühre nicht vor dem Essen. Bei größerer Tafel wartet man mit dem Beginn des Speisens nicht, bis alle bedient sind. Wenn bei kleinen Tafeln die Frau des Hauses selbst bedient, wartet man bis zum allgemeinen Anfang. Das Besteck nimm nicht eher zur Hand, als bis ein Gang serviert ist! Trommle nicht auf dem Teller oder auf den Stuhllehnen der Nachbarn mit den Fingern! Berühre nicht mit den Füßen die Stuhlfüße der Nächstsitzenden! Von links her wird bedient. Wird ein Gericht von den Gästen weitergegeben, so gib es so, daß dein Tischnachbar es bequem angreifen kann. Ist die Platte heiß, so mache darauf aufmerksam. Der Herr hält so lange die Schüssel, bis die Dame sich bedient hat. Die Dame gibt die Schüssel dann weiter. Schüsseln, welche zu voll sind, dürfen nicht auf den Tisch kommen. Das Überreichen eines spitzen oder scharfen Gegenstandes geschehe so, daß der andere sich nicht verletzen kann. Man bediene sich eines Tellers. Beim Präsentieren der Brotkörbchen, der Fruchtschalen, eines Glases Wassers, einer Tasse Kaffee oder Tee benütze stets einen Teller. Die besten Stücke einem bestimmten Gast auszulesen und vorzulegen ist nicht liebenswürdig und anständig. Auch du selber sollst dies beim Herumreichen der Speisen nicht tun. Sei bescheiden auch im Quantum der Speisen. Sei also nicht von denen, die denken:
Bescheidenheit, Bescheidenheit,
Verlaß mich nicht bei Tische
Und gib, daß ich zu jeder Zeit
Das größte Stück erwische!
Denke nicht etwa, daß Kaviar Gemüse sei, du könntest sonst ausgespottet werden! Sei aber auch nicht gar zu bescheiden und schneide nicht auf der Platte, welche dir präsentiert wird, Stückchen ab. Mache dir zur Regel: Speise geräuschlos und sprich dabei bloß, was unbedingt notwendig ist, auch dies nie zu laut. Während man kaut, spricht man gar nicht. Halte den Mund zusammen und bewege die Lippen geräuschlos. Sieh dich nicht in auffallender Weise oft nach rechts und links um. Geht es bei Tisch eng her, so sei bescheiden im Beanspruchen von Platz. Lege die Arme nicht auf den Tisch. Mache nicht zu große Ansprüche und wünsche nicht alle Augenblicke etwas anderes. Die Gabel führe mit der linken, das Messer mit der rechten Hand. Mit dem Messer wird nur geschnitten, nicht gespeist. Das Brot wird gebrochen. Das Auftauchen der Sauce mit Brot ist recht unpassend. Schneide bloß so viel ab, als du eben genießen willst. Nach dem Gebrauch lege Messer und Gabel nicht auf das Tischtuch, sondern auf den Teller. Bei bürgerlichem Tisch werden sie auf das Messerbänkchen zur weiteren Benützung gelegt.
Fische speist man in Ermangelung des Fischbestecks mit der Gabel und einer Brotkruste. Nimm das Brot in die linke Hand und halte den Fisch fest, während du das Fleisch ablöst, schiebe es dann mit Hilfe des Brotes auf die Gabel. Grüne Erbsen speist man auch mit Brot und Gabel. Klöße, Eierkuchen und Kartoffeln zerteilt man mit der Gabel, nicht mit dem Messer. Knochen vom Wildbret oder Geflügel darf man nicht mit den Zähnen abnagen. Äpfel und Birnen zerteilt man und schält sie von der Blüte nach dem Stiel. Beim Zerlegen von Apfelsinen (Orangen) sei vorsichtig. Nüsse öffne mit dem Messer. Beim Kirschenessen nimmt man einen Kaffeelöffel zum Aufnehmen der Steine, um sie dann auf die Seite des Tellers zu legen. Werden Kartoffeln in der Schale vorgesetzt, so stellt man kleine Drahtkörbchen für die Schalen auf. Man hält beim Schälen die Kartoffeln an der Gabel. Es sei noch bemerkt, daß man beim Speisen von kleinen Fischen am Schwanzende beginnt und die obere Seite ablöst. Darauf wendet man den Fisch um und behandelt die andere Seite ebenso. Der Löffel liegt beim Speisen auf der Hand. Hierbei führt man die Spitze — nicht die Breitseite — zum Munde. Ist die Suppe heiß, so wartet man, bis sie abgekühlt ist, bläst aber nicht in dieselbe. Die Speisen darf man ohne einen Besteckteil nicht anfassen. Für Überreste: Knöchelchen, Gräten, Schalen usw. sei immer ein kleiner Teller oder ein Körbchen aufgestellt.
Wenn man speist, halte man den Körper so, daß er etwas über den Teller geneigt ist. Vermeide alles, was dir von andern unangenehm sein könnte. Die Gemüse speise mit der Gabel, nicht mit dem Löffel. Diesen benützt man bloß zur Suppe. Das Besteck darf nur zum eigenen Gebrauch dienen. Bei allen angebotenen Platten und Schüsseln muß das nötige Besteck sein. Man verwechsle aber nicht das seine mit diesem. Für Obst sind besondere Messer aufgestellt oder aufgelegt. Gibt es Hummer, so serviert man dazu Hummergabel und Scheere. Sind bei den Gewürzen keine kleinen Löffelchen, so benütze zum Nehmen das Messer, wenn du Bedürfnis hast, nie aber die Finger. Das Huhn oder die Taube tranchiert man mittels Querschnitt. Erkundige dich ab und zu bei einer Dame über die Güte der Speisen und nach ihren Wünschen, aber immer bescheiden. Hat man gespeist, so rückt man mit dem Stuhle etwas zurück. Es ist heutzutage weder Sitte, einen sogenannten Anstandsbissen liegen zu lassen, noch auch den Teller mit Brot rein zu putzen. Dem Wein sprich nicht eher zu, als bis hierzu eingeladen worden ist, denn es wird oft nach der Suppe besonderer Wein gereicht. Versorge deinen Nachbar mit Wein, daß kein Mangel ist. Scherzhafterweise zum Trinken zureden, ist gestattet, aber das Nötigen dazu ist taktlos.