»Was nun die sanitäre Frage betrifft, so befürchtet Verfasserin aus dem Herrensitz für die Damen erhebliche Nachteile; sowohl die inneren wie die äußeren Organe sollen leiden. Daß letztere durch die Reibung und den Druck entzündlichen Reizungen ausgesetzt sind, will ich nicht bestreiten; daß allerdings durch den sehr ähnlichen Sitz auf dem Rade, wo doch auch derartige Nachteile einwirken, die befürchteten Schädlichkeiten eingetreten sind, ist mir nicht bekannt. Verfasserin befürchtet ferner vom Herrensattel eine Lockerung und Dehnung der Bänder mit störenden Folgen für Gesundheit und äußere Erscheinung. Gerade diese Frage bedarf wegen ihrer enormen Wichtigkeit des erhöhten Interesses des Arztes und des Reiters, oder besser noch einer in beiden »Wissenschaften« erfahrenen Persönlichkeit. Ich selbst bin passionierter Reiter und will meine Liebhaberei nicht aufgeben, sollte ich auch von einigen üblen Einwirkungen nicht verschont bleiben (jede Passion erfordert eben Opfer), aber für eine gesundheitliche Übung in streng medizinischem Sinne kann ich das Reiten nicht ansehen.[F] Tatsächlich wird Lockerung und Senkung der Baucheingeweide begünstigt, wie ja schon die vermehrte Disposition der Reiter für Eingeweidebrüche beweist; aber ich glaube, daß diese Schädigungen im Reiten selbst, in der stoßweisen Erschütterung im Trabe namentlich, bedingt sind und daß Herren und Damen sich dem in gleicher Weise aussetzen. Daß die Folgeerscheinungen für den Frauenkörper schwerwiegender sind, ist gewiß (!). Sicherlich aber wird der freiere Sitz im Herrensattel, die bessere Möglichkeit, sich den Bewegungen des Pferdes anzupassen (z. B. der bequemere englische Trab) auch hierin günstig wirken. Daß der gespreizte Sitz nachteilig sein soll, will mir nicht einleuchten; ist denn die Drehung des Körpers im Damensattel gut zu heißen?[G]
Über den ästhetischen Standpunkt läßt sich schwer streiten. Ich kann an einer rittlings sitzenden Dame nichts Unschönes finden, weder im Profil noch in Vorder- oder Rückansicht.«[H]
[F]: Dieser Ansicht pflichten viele Ärzte und alte Reiter nicht bei. Wie Vielen wird das Reiten als besondere Kur verordnet? Der Verf.
[G]: Eine auf dem neuen englischen Sattel korrekt sitzende Dame nimmt infolge des Seitsitzes nur eine so minimale Drehung des Oberkörpers zum Unterkörper an, daß sie kaum erwähnenswert ist. Auch hat die bisherige Erfahrung nicht bestätigt, daß infolgedessen nennenswerte Störungen der Gesundheit eingetreten sind. Der Verf.
[H]: Daran können wir also abermals sehen, wie verschieden eine und dieselbe Sache beurteilt werden kann. Der Verf.
Alles in allem scheint mir die Antithese des erstangeführten Artikels nicht so überzeugend ausgefallen zu sein, wie es als Widerlegung erforderlich gewesen wäre!
Um aber endlich zum Schluß dieses Kapitels zu kommen, für welches mir noch reiches Material vorliegt, u. a. auch ein Artikel der nur von Damen redigierten französischen Zeitung »La Fronde«, welcher sich selbstverständlich für den Herrensitz ausspricht, bringe ich die aus fachmännischer Feder geflossene, im »Berliner Lokal-Anzeiger« enthaltene Antwort auf den Artikel des Fräulein Dr. Anita Augspurg, welchem ich meinerseits nichts hinzuzufügen habe. Meiner Ansicht nach enthält derselbe, in seinen wesentlichsten Punkten wiedergegeben, alles, was zu diesem Thema etwa noch gesagt werden kann.
»Es scheint gerecht und billig, das Für und Wider in dieser, die reitenden Damen lebhaft interessierenden Frage genau zu prüfen und mit gründlicher Fachkenntnis zu erwägen. Zuerst ist es nötig, festzustellen, daß es sich beim Damenreiten in der Stadt und Manege um andere Bedingungen handelt, als beim eventuellen Reiten in der Wildnis. In letzterem Falle lernen die Kinder und jungen Mädchen von früh an auf den verschiedenartigsten Sätteln in jedem Sitz das Reiten, so gut es eben geht, ohne Anspruch auf Eleganz. Die Anforderungen nun zu Nützlichkeitszwecken sind eben ganz andere, als die Reitkunst sie an die Damen in unseren gesellschaftlichen Verhältnissen zu stellen hat, bei denen das Alleinreiten wenig Zweck haben dürfte und zu mancherlei Unzuträglichkeiten führen kann.
Bleiben wir also zunächst beim Damenreiten in der Manege und zu Spazierritten und beginnen nun mit den Anforderungen, die der Schönheitssinn dabei stellt. Leider lassen sich die diesen Sinn nicht befriedigenden Eigentümlichkeiten des Damenreitens im Herrensitz nicht ganz leicht deutlich machen, ohne dieser Geschmacksrichtung zu nahe zu treten. Die Praxis würde das am besten selbst tun und das ästhetische Gefühl bald zurückverlangen lassen nach der weiblichen Reitart. Beleuchten wir diese letztere einmal an einem Beispiel, einer Schulreiterin im Zirkus, die mit mir wohl unzählige Herren und Damen nur mit großem Vergnügen im Damensattel reiten sahen. In dieser Reitart fand ich nichts unschön, im Gegenteil schien mir gerade in diesem Sitz und in dem einfachen schwarzen Reitkostüm die ganze Grazie des Weibes erst zum Ausdruck zu kommen. Wie oben hatte ich das Gefühl, daß die Reiterin dem Pferd gegenüber machtlos sei. Daß es außerhalb des Rahmens der Manege auch minder schöne Erscheinungen im Damensattel gibt, ist außer Zweifel. Daran ist aber weniger der Damensattel an sich, als vielmehr die geringere Fähigkeit der Reiterin (bezw. die Figur! Der Verf.), die im Herrensattel selbstverständlich ebenso zur Geltung kommen würde, Schuld. Nicht jede Dame kann sich guten Sitz aneignen; das bleibt eben wie bei jedem andern Sport, so auch hier, individuell. Sicher aber ist, daß es viel leichter für eine Dame ist, sich im Damensattel schön hinzusetzen, wie für einen Herrn dasselbe im Herrensattel zu tun. Auf der großen Sitzfläche des Damensattels kommt die Dame eben wirklich mit ihrer vollen Positur zum Sitzen, und deshalb wird es ihr verhältnismäßig leicht, den Oberkörper trotz der notwendigen ⅛ Rechtsdrehung gerade und graziös aufzurichten. Im Herrensattel ist die Sitzfläche eine viel kleinere, deshalb verliert der Herr so leicht durch Vor- oder Rückwärtsfallen mit dem Oberkörper den Anstand im Sattel, und deshalb wird das Balancieren schwerer. Im guten Balancieren aber liegt der Schwerpunkt der Reiterei, sowohl im Damen- wie im Herrensattel. Die Fähigkeit, im Damensattel leichter zu balancieren, also auch fester zu sitzen, gibt gerade der Dame die leichtere Hand, die ihr die weichere und beweglichere Lenkung des Pferdes ermöglicht. Ein Anklammern mit den Beinen am Pferd ist bei etwaigen Unarten desselben aber geradezu gefährlich, da ja gerade dieser Druck die treibende Hilfe ist. Ein geübter und unerschrockener Reiter wird freilich in einem solchen Falle durch besonders kräftige, nicht stoßweiser Anwendung der Schenkelhilfen sein Pferd zum Gehorsam bringen. Das ist doch aber, wenn wir einmal ehrlich sein wollen, bei einer Dame illusorisch, dazu fehlt es der Dame fast immer an der physischen Kraft. Hierfür kann ich sogar einen Beleg anführen. Eine Dame aus der hiesigen Gesellschaft war nach langjährigem Reiten im Damensattel zum Reiten im Herrensattel übergegangen, und um sich leichter und ungestörter in diese neue Art hineinfinden zu können, ging sie mit einem mir als schwierig bekannten Pferd auf ihr Gut, nicht ohne daß ich vorher meine Ansicht darüber offen ausgesprochen hatte. Ein ungläubiges Lächeln war die Antwort. Als diese selbe Dame nach längerer Zeit hierher zurückkehrte, schien sie ihre Ansicht geändert zu haben. Sie ritt noch denselben Fuchs, doch nicht, wie ich vermuten durfte, im Herrensattel, sondern – wie einst – im Damensattel. Auf meine erstaunte Frage erhielt ich die bezeichnende Antwort: Vom Damensattel hat mich der Gaul nicht herunterbekommen, vom Herrensattel – dreimal! Die Dame ist nicht wieder zum Herrensattel zurückgekehrt. Eine andere Dame konnte man auf unserem schönen Reitplatze, dem Hippodrom, seiner Zeit mit großer Bravour im Herrensattel über sämtliche Hindernisse gehen sehen. Auch sie reitet längst wieder Damensattel. Welche Gründe zum Wechsel für sie maßgebend waren, ist mir unbekannt. Darum möchte ich zum Kapitel der geringeren Gefährlichkeit des Reitens im Amazonensattel doch ein ernstes, mahnendes Wort sagen. Nach meiner anfangs aufgestellten Beweisführung ist die Möglichkeit, sich vom Sattel zu trennen, im Herrensattel eine größere, wie im Damensattel. Und wenn nun auch an sich vielleicht das Sichtrennen vom Herrensattel in vielen Fällen weniger gefährlich sein mag, wie das Abfallen vom Damensattel, so ist doch auch im ersteren Falle ein Hängenbleiben im Bügel und damit verbundenes Geschleiftwerden sehr wohl möglich. Rechnen wir nun die größere Wahrscheinlichkeit des Abfallens vom Herrensattel mit hinzu, so dürfte sich das Für und Wider in dieser Beziehung wohl ausgleichen. Einen Beweis, wie sicher und fest die Damen im Damensattel sitzen können, haben doch wohl unsere ausgezeichneten Schulreiterinnen gegeben. – Es scheint mir daher durchaus keine Veranlassung vorzuliegen, das Reiten im Damensattel irgendwie zu beanstanden, und möchte ich daher mein Veto gegen eine Änderung zugunsten des Amazonensattels nicht unausgesprochen lassen.«
Wie gesagt, ich schließe mich dem, was der umsichtige Fachmann hier ausgesprochen hat, voll und ganz an.