Eine der bekanntesten und besten Reiterinnen Englands, Miss Alice Hayes, die Gattin eines ebenso als vortrefflicher Reiter bekannten Offiziers, hat 1893 ein Werk über Damenreiten »The horsewoman, a practical guide to side-saddle riding« erscheinen lassen, welches sehr günstig beurteilt worden ist. Besonders gut in diesem Buche sind die Worte behufs Sicherung eines festen Sitzes im Sattel, ohne sich auf die Zügel zu verlassen. Die Verfasserin spricht nervösen Damen Mut zu, indem sie ihnen sagt, daß der Sitz im Damensattel sicherer, als der gewöhnliche Männersitz ist. Tatsächlich macht sie diejenigen, die das Reiten nach Männerart für Damen befürworten, lächerlich. – Soweit wollen wir uns nicht an der holden Weiblichkeit vergehen.
Sie aber, schöne Leserin, die Sie sich in dieses Kapitel mit Verständnis vertieft haben, mögen nun wählen, ob Sie sich für den einen oder den anderen Reitsitz entscheiden wollen. Wie wir gesehen haben, sind die mit so großer Verve für den Herrensitz angeführten Gründe zum größten Teil gründlich widerlegt – also: prüfet alles und das Beste behaltet!
3. Vom Reitajustement der Dame und deren Erscheinung zu Pferde.
Es ist von vornherein bei der Besprechung dieses Themas anzuführen, daß die Erscheinung der Dame zu Pferde stets ein angenehmes harmonisches Bild abgeben soll, wenn sie nicht der unliebsamen Kritik eines spottsüchtigen Publikums verfallen will. Dabei spielen die Regeln der Ästhetik eine besondere Rolle. Im allgemeinen braucht man ja einer wirklichen Dame in dieser Beziehung nicht viel zu sagen. Eine solche trägt in ihrem Wesen und in ihrer Geschmacksrichtung eine Eigenart zur Schau, welche in den meisten Fällen für sie paßt und vielfach auch gefällt, selbst wenn diese Faktoren manchmal aus dem Rahmen des alltäglichen oder althergebrachten Anblicks, bezw. der herrschenden Mode herausfallen. Direkte Geschmacksverirrungen sind auch seltener zu konstatieren, wenn auch die einmal – Gott sei Dank nur in sehr beschränktem Maße – s. Z. getragenen Hosenkostüme der Radfahrerinnen entschieden dazu gerechnet werden müssen.
Das harmonische Bild der Reiterin aber beschränkt sich nicht auf das Kostüm allein, die Figur muß sich auch mit dem Pferde verbinden, die Größe beider muß übereinstimmen. Eine Dame von Mittelfigur muß auch ein Pferd von solcher Figur reiten, eine kleine Dame ein kleineres, eine große ein größeres Pferd. Stärkere Damen – es hat das für die Amazone eine Grenze – müssen kräftige Pferde mit gutem Fundament, leichte schlanke Damen leichte Pferde mit leichten Gängen reiten. Sitz und Haltung müssen tadellos sein, so daß sich keine unliebsame Kritik daran wagen darf. Die Dame zu Pferde ist selbst heute noch, wo der Damenreitsport immer mehr in den Vordergrund tritt, eine dem Urteil der Menge verfallene Erscheinung, wenn sie nicht harmonisch wirkt. Es muß eben alles in den hier genannten Rahmen fallen. So sollte eine Dame, deren Figur aus irgend welchen Gründen nicht auf das Pferd paßt – in erster Linie ist hier von der Leibesfülle die Rede – sich nicht öffentlich zu Pferd zeigen. Das Reiten kann freilich eine ärztliche Verordnung, es kann besondere Passion sein – aber dann möge die Dame Wälder und Täler, fern ab menschlichen Treiben, durchschweifen. Mir ist eine derartig gestaltete Dame, welche noch dazu im Herrensitz ritt, in der Erinnerung, deren Erscheinung stets wahre Lach- und Spottsalven hervorrief – natürlich nur bei den weniger gebildeten Passanten – immerhin konnte auch der Mann der Gesellschaft nicht ohne ein gewisses Gefühl der Befriedigung darüber diese Reiterin sehen und ein Lächeln auf den Lippen unterdrücken.
Was nun das Kostüm der Dame anbetrifft, so muß ich leider konstatieren, daß es bei uns doch noch recht viel zu wünschen übrig läßt. Man sieht nur wenig distinguierte Erscheinungen zu Pferde, selbst aus der Gesellschaft, die man leicht daran erkennt, daß sie von einem bekannten Gentleman oder einem Offizier chaperoniert werden. Die Damen erscheinen überwiegend oft – also mal zuerst im Sommer – fast im Negligé, also so wie sie auf dem Lande reiten würden, im Strohhütchen, heller Bluse und dunklem Rock. Das mag ja recht bequem sein, ist aber nicht schick. Man reitet eben auf der Promenade der Großstadt nicht so, wie beim Morgenspazierritt auf dem Lande.
Es ist eigentümlich, daß die Damen hierbei ein laisser aller an sich haben, welches sie für Promenade, Diner usw. für shocking erklären würden. Viele Damen werden mir darauf allerdings erwidern, daß wir hier in Berlin überhaupt keine Reitpromenade im Sinne des Bois de Boulogne und des Hydepark haben, aber wenn auch diese Einwendung gewiß nicht ganz ohne Berechtigung ist, so müssen – bis vielleicht in dem neuanzulegenden Volkspark Grunewald etwas derartiges geschaffen wird – der Tiergarten, der Kurfürstendamm und der Grunewald als solche gelten. Was irgendwie reitet, trifft sich doch vormittags dort.
Ich erachte es demnach, da Paris noch immer für die Moden der Damen auch auf diesem Gebiete maßgebend ist, für meine schönen Leserinnen interessant, zu erfahren, in welchem Ajustement die Dame im Bois de Boulogne nach dem Bericht einer französischen Dame zu Pferde erscheint.
Um mit dem Intimsten zu beginnen, so ist das einzig Elegante bei diesem Anzug ein Manneshemd von Baumwolle mit leicht umgebrochenem Kragen. Dieses Hemd muß zum korrekten schwarzen, blauen oder dunkelgrünem Reitkleid, wie es im Bois getragen wird – auch zum roten Jacket – weiß sein, darf jedoch zum Phantasiereitkleid kleine Muster – Erbsen, Kleeblätter, Streifen – haben. Diese Muster dürfen sich jedoch nur mikroskopisch präsentieren, sonst wirken sie abscheulich. Der Brustteil des Hemdes braucht nicht gestärkt, Kragen und Manschetten dagegen müssen hart wie Holz sein, während alles übrige sich schmiegsam anfügen muß.
Das einfache kurze Beinkleid aus weißem Tuch oder Floretseide wird im Schenkel sehr weit und unter dem Knie, wo es durch drei kleine Perlmutterknöpfe geschlossen wird, sehr eng getragen. Vom dritten Knopfloch reicht eine kleine Schleife aus demselben Stoff wie das Beinkleid bis zum oberen Rande des Stiefels.