Ist mit dieser Übung eine hinreichende Sicherheit in der Führung des Pferdes eingetreten, so geht man zu Tummelübungen über.
Unter Tummelübungen verstehe ich das Üben von Volten, Halbzirkeln, Vierecken, Figuren, Achten und Schlangenlinien, sowie von Wechslungen auf die andere Hand. Sie dienen dazu, das Pferd lenk- und biegsam zu machen und sind als gute Vorübungen für das Reiten in koupiertem oder unebenem Terrain zu betrachten.
Ist die Reiterin bis jetzt nur auf einem Hufschlag geritten, so müssen zur Übung für Pferd und Reiterin auch die Seitengänge und das Zurücktreten durchgenommen werden. Da das Pferd damit vertraut ist, so ist es die Sache der Reiterin, ihm nach der Theorie die richtigen Hilfen dazu zu geben. Mit beiden Übungen quäle man das Pferd nicht zu lange, da sie unter der Anfängerin für dasselbe nur von geringem Nutzen sein werden. In dieser Lektion kann auch die Springstange wieder hervorgeholt werden. Stete Übung und Repetition werden immer notwendig sein, und wenn der Sommer zum Reiten im Terrain verwendet ist, kehre die Reiterin im Winter zu den weniger amüsanten, aber stets lehrreichen Einzel-Lektionen zurück.
Der Bahnkursus ist damit zu Ende. Habe ich im ganzen auch nur Andeutungen dafür geben können, so wird die aufmerksame und energische Reitschülerin dieselben doch mit bedeutendem Nutzen für sich verwenden können.
Ich habe mich wohl gehütet, eine Zeitdauer als genügend zum Erlernen jeder Lektion anzugeben, weil eine solche nach der Individualität der einzelnen Dame ganz verschieden ausfallen dürfte; sogar das Gefühl des Innehabens der Lektion wird von den einzelnen verschieden beurteilt werden. Ich glaube aber, daß eine mit persönlichem Geschick, Energie und körperlichen Kräften ausgestattete Schülerin binnen drei Monaten (der Winter würde dafür vortrefflich geeignet sein) den Kursus so weit absolvieren wird, um mit Sicherheit im Freien reiten zu können. Weniger Begabte werden bei Fleiß und Mühe dieses Ziel auch erreichen, wenngleich es etwas langsamer geht. –
Jetzt aber strahlt die Frühlingssonne vom blauen Firmament herab, mit grünen Knöspchen bedecken sich Baum und Strauch. Abgeschüttelt wird der Winterstaub, und die würzige Frühlingsluft wird tiefatmend eingesogen, unter Bäumen und im Felde lustwandelnd und damit ist auch für die fleißige Bahnreiterin die Zeit gekommen, wo sie den Lohn ihres Fleißes ernten soll – schon im Frühling! Sie kann nun reiten, sie kennt ihr Pferd und dessen Eigenart, sie weiß es verständig zu führen und sie wird nun zum ersten Male auf der Promenade erscheinen und sich dem erstaunten Volke zeigen!
Welche Wonne, auf den ebenen, weichen Wegen dahinzufliegen, frei, wie der Vogel in der Luft, das edle Tier unter sich, welches sie mit sicherer Hand an leichtem Zügel führt! O Reiterwonne – durch welchen Sport kannst du ersetzt werden?
Also – wir reiten ins Freie, ins Terrain, in den Wald, wohin uns unsere Lust führt.
12. Das Reiten im Freien.
Reiten Sie mit Gott, schöne Leserin, wenn Sie sich Ihrer und Ihres Pferdes vollständig sicher fühlen, aber nehmen Sie von mir noch einige gute Ratschläge mit auf Ihren neuen Weg, wohin er Sie auch führen möge. Der Accidents gibts mannigfache, mehr als in der Reitbahn – und so muß ich denn als erste Grundlage für das Reiten im Freien anführen: Reiten Sie nie unaufmerksam! Haben Sie Ihr Pferd stets am Zügel, und ob Sie mit Ihren Begleitern Konversation machen, haben Sie Ihre Augen stets vorauf auf den Weg und auf die Gegend, welche sie passieren wollen, – auch achten Sie stetig auf das Ohrenspiel Ihres Pferdes. Sie werden die feinen Nuancen dieses Ohrenspiels bald kennen lernen, es wird Ihnen sagen, ob alles ruhig ist oder ob irgend etwas vor Ihnen – vielleicht auch hinter Ihnen – vorgeht, wodurch das Pferd erregt oder erschreckt werden könnte. Schon ein plötzlich hervorschießender kläffender Dorfköter, ein auffliegendes Rebhuhn u. dergl. m. kann Ihr Pferd aus der Kontenance bringen, – um so ruhiger bewahren Sie die Ihrige, dann wird sich auch das Pferd beruhigen.