Beim Hinausreiten müssen Sie vielleicht einen Teil der Stadt passieren, da wird das Pferd, nach der langen Bahnperiode besonders, vergnügt und munter sein, daher ist doppelte Vorsicht nötig. Denken Sie auch an die neuen Eindrücke, die das Pferd erhält. Da sind die gepflasterten oder asphaltierten, jedenfalls glatten Straßen, mit ihrem Trubel an Fußgängern, elektrischen Bahnen, Wagen, Automobilen, Fahrrädern usw. und dem dadurch verursachten Lärm zu passieren, bis hinter dem Tore, den Brücken etc. endlich die Promenade oder das freie Terrain anfängt. Bis dahin wird ruhiger, kadenzierter Schritt geritten, damit das Pferd auf dem Pflaster nicht ausgleitet und durch eine zu starke Dröhnung der Hufe nicht leidet.
Wenn man an Wagen vorbeireitet, so weiche man denselben möglichst weit aus, um nicht angefahren zu werden, und beobachte dieses Verfahren hauptsächlich, wenn man von rückwärts kommt, da die Wagenpferde manchmal ausschlagen. Ich selbst bin auf diese Weise einmal schwer am Schienbein verletzt worden, als ich diese Regel außer acht ließ. Mit einem Pferde, welches noch jung oder noch nicht lange vom Lande gekommen ist, muß man in der Stadt überhaupt sehr vorsichtig sein, weil es da tausend Dinge gibt, die ihm sowohl für das Auge wie für das Ohr fremd sind, vor denen es sich daher fürchten wird. Jeder Korrekturversuch ist für die angehende Reiterin mißlich, am mißlichsten aber auf Steinpflaster oder auf glatter Straße und unter den Augen eines unliebsamen Publikums; man muß dergleichen Eventualitäten in der Stadt daher möglichst zu vermeiden suchen. Wird die Reitpromenade der Reiterin wenig Schwierigkeiten bieten, so nehme sie draußen das Terrain, wie sie es findet, und beachte in erster Linie in bezug auf die Gangarten folgendes:
Auf hartem Boden, Steinpflaster, harter Chaussee ist möglichst Schritt zu reiten, der Sicherheit der Reiterin und der Schonung des Pferdes wegen. Mittelweicher Boden, Wiesen, Rasenflächen eignen sich hauptsächlich zum Tummeln des Pferdes in jeder Gangart, wenn Rasenflächen z. B. nicht zu glatt sind, was bei kurzem Gras nach Dürre leicht einzutreten pflegt. Ganz tiefer Boden, z. B. Sturzacker oder lockerer Sand, ist am besten im Schritt zu passieren, da Trab oder Galopp in einem solchen nicht nur eine bedeutende Lungentätigkeit erzeugt, sondern auch Sehnenerkrankungen verursachen kann, wie es denn ebenso zwecklos als grausam wäre, ein Pferd ohne zwingenden Grund da hindurchzuhetzen. Kurze, mäßige Anhöhen können im Trab oder Galopp genommen werden, mäßig bergab kann man wohl auch im moderierten Trab oder Galopp reiten, – sobald es aber steiler wird, gehe man hier wie da lieber in den Schritt über. Ebenes, freies Terrain ist für jede Gangart geeignet, doch achte man besonders in schnellerer Gangart auf Maulwurfs-, Hamster- und Kaninchen-Löcher, die einen schweren Sturz nach sich ziehen können. Die Reiterin soll deswegen, wie auch schon angedeutet, das Terrain kurz vor dem Pferde stets im Auge haben. – Wenn das Pferd nicht sehr wendig ist, wird man, wenn man außerhalb des Weges reitet, dichten Wald am besten im Schritt passieren, aus Schonung für das Reitkleid, das eigene Knie und die Hüften des Pferdes. Wo man aber auch reite, man sei immer aufmerksam. Gegen starken Wind reite man nicht in schneller Gangart, da sich das Pferd dadurch eine Lungenkrankheit oder durch Verfangen sogar einen plötzlichen Tod zuziehen kann. Selbst der Staub, den Pferd und Reiterin dabei einatmen, ist für beider Gesundheit nachteilig.
Fig. 50. Bergabreiten.
Breite, trockene Gräben, die man nicht überspringen kann oder mag, werden durchritten; die Reiterin mag daher nicht versäumen, ihr Pferd zeitig daran zu gewöhnen. Man läßt dem Pferde dabei möglichst viel Zügelfreiheit, damit es sehen kann, wohin es tritt, hat aber den Sitz immer fest zu halten, damit, wenn ein Sprung erfolgten sollte (der hin und wieder vorkommt, wenn das Pferd einsinkt), die Reiterin sich nicht von demselben trennt. Sie hat sich beim geraden Hinabreiten nach rückwärts zu lehnen, um das Pferd vorn, beim Hinaufklettern aber nach vorwärts zu neigen, um es hinten zu Entlasten. Ein Erfassen der Mähne darf die Vorwärtsbeugung unterstützen.
Bei steilen Abhängen, welche allerdings am besten zu umgehen sind, sind dieselben Regeln zu befolgen. Steil bergauf würde man im Zickzack reiten, vorwärts geneigt, die rechte Hand in den Mähnen des Pferdes, mit der linken dasselbe nur so leicht führend, daß die Direktion angegeben wird. Abwärts reitet man geradeaus rückwärts gelehnt mit langen Zügeln (Fig. 50), denn das Pferd wird mit dem Hinterteil eher hinabgleiten, als vornüberstürzen. Wollte man die Böschung im Zickzack hinabreiten, so könnte das Pferd viel leichter in die Lage kommen, seitwärts abzugleiten und mit der Reiterin zu fallen.
Das Passieren von Wasser, auch wenn es nur flach ist, kann für die Reiterin in der Weise unbequem werden, daß manche Pferde die Passion haben, sich darin niederzulegen, um sich zu wälzen. Es ist also notwendig, gerade dabei das Pferd sicher am Zügel und die Reitpeitsche parat zu haben. In tieferes Wasser soll sich die Reiterin ohne zwingenden Grund überhaupt nicht wagen. Schwache Brücken, schmale Stege, Fähren etc. werden am besten passiert, indem der Begleiter der Dame absteigt und deren Pferd am Zügel führt. Derartige Passagen sind überhaupt nach Möglichkeit zu vermeiden.
Schlechte, steinige oder frisch aufgeschüttete Wege sind gleichfalls möglichst zu vermeiden bezw. nur im Schritt zu passieren, ebenso gefrorene Wege mit tiefen Geleisen, da sie Veranlassung zu Hufspalt oder Fessellähme geben können.
Sehr weicher Boden, z. B. frisch geackertes Feld, passiere man, wie auch oben schon angeführt, im Schritt, Morast dagegen ist möglichst ganz aus dem Spiele zu lassen.