So hatte er damals gesprochen und, als die würdige Dame an der scherzhaften Abweisung nicht genug hatte, seiner Wirtin geklingelt. So niedergebrochen war er denn doch noch nicht, damals nicht und heute nicht, daß er sich verschachern ließ, nur um das Leben zu fristen. Selbst und mit eigener Hand gedachte er sich Schicksal und Glück zu schmieden. Was war denn Großes geschehen, daß er sich mit allerhand finsteren Gedanken trug? Er hatte kein Geld und sollte morgen abend zweitausend Mark zurückzahlen, die er heute auf Ehrenwort entliehen hatte! Nach dem Examen sah die Welt ganz anders aus. Wozu gab es denn Wucherer in Berlin, die auf Nimbus und Namen Tausende borgten? Oder noch besser, man erschlug den filzigen Onkel Reineke mit einem größeren Pumpe, trotzdem man mit ihm in arger Feindschaft lebte. Setzte ihm so lange zu mit gleißnerischen Worten, spielte wohl auch den reumütigen Sünder, bis er widerstrebend und laut jammernd den Geldbeutel auftat. Dann aber zog man unter das wilde Leben einen dicken Schlußstrich, verlegte sich auf die Arbeit und zeigte all dem mittelmäßigen Volk, das an den Berliner Gerichten sein Wesen trieb, den Herrn und Meister.
Warmer Brodem schlug ihm entgegen, Zigarettenqualm, Lärm und fiedelnde Musik; der dicke Wirt des Nachtlokals in der Jägerstraße begrüßte ihn mit vertraulicher Freundlichkeit auf der Schwelle. „Hab’ die Ehre, Herr Baron, ein feines Platzerl ist noch frei in der Lauben, und alles ist da, nicht wie bei armen Leuten!“ Ein schlankes Mädel in Balltoilette und riesigem Federhut schrie auf: „Der lange Heino ist da, Kinder, jetzt gibt’s Schampus,“ die Musik, mit der näselnden Ziehharmonika an der Spitze, schwenkte aus dem neuesten Operettenschlager mit kurzem Uebergang in seine Lieblingsmelodie, die schmachtende Weise der Paloma. Er aber stand da, den Zylinder im Genick und lachte. Kein Mensch sah ihm an, daß er vor einer knappen Stunde drauf und dran gewesen war, Schluß zu machen ... Blödsinn! Dazu war es immer noch Zeit, wenn alle Straßen, die nach oben führten, verrammelt waren. Heute lebte er noch. Wie ein Stück Borstenvieh, das sich im Schlamm wälzte, aber er lebte, und aus der mit lärmendem Leichtsinn erfüllten Luft wehte ihn etwas Aufreizendes an. Nicht umsonst floß ihm polnisches Blut in den Adern von jenem Grafen Przygorowski her, der in der Nacht vor seiner Hinrichtung auf dem Marktplatze von Thorn sich die Marketenderin ausgebeten hatte und den Stückpfeifer des Regiments ..
Der Sekt perlte in den Gläsern. Drei, vier Mädel drängten sich an Heinos Tisch. Er griff in die Westentasche und warf die letzten blauen Scheine auf den Tisch: „Da, Kinder! Zwei sind für Euch, teilt sie schwesterlich, der dritte wird vertrunken!“
„Heino,“ schrie die eine, „hast Du einen totgeschlagen?“
„Beinahe,“ sagte er lachend, „und hätte nicht viel gefehlt, mich selber! Aber trinkt, Kinder, es gilt einen Abschied, so oder so ... Nach unten oder oben, das wird sich morgen erweisen!“
Die anderen Mädchen taten fröhlich Bescheid, aber eine Blondine mit sanften Augen zog ihr Glas zurück.
„Lacht nicht, der hat etwas vor. Ich hab’ schon mal mit einem zusammengesessen, der sein letztes Geld verteilte. Fünf Minuten darauf zog er einen Revolver ’raus und schoß sich, bums, vor den Kopf!“
„Beruhigen Sie sich, meine Gnädigste,“ erwiderte Heino mit einem trockenen Auflachen, „ich bin viel zu edel veranlagt, um Euch, arme Würmer, im Vergnügen zu stören. Ich pflege mich immer im Tiergarten totzuschießen, möglichst zur Nachtzeit und ohne Beunruhigung harmloser Spaziergänger. Bei meinem fünfundzwanzigsten Jubiläum hoffe ich sehr stark auf eine öffentliche Belobigung von seiten des Herrn Polizeipräsidenten. Kellner, zahlen!“
Er ließ sich in der Garderobe Hut und Mantel reichen und ging auf die Straße. Ein jäher Ekel war ihm aufgestiegen und stand ihm wie ein Knäuel im Halse. Er drückte den Hut ins Gesicht und schritt hastig durch das schwärzliche Gewimmel der Friedrichstraße seiner Wohnung zu. Es war wirklich an der Zeit, mit diesem Luderleben ein Ende zu machen, so oder so ...