Schon faßte einer nach dem Wagenschlag, die anderen drängten näher heran, da stand der lange Heino plötzlich zwischen ihnen, mit den Händen in den Paletottaschen und sagte ganz gemütlich:
„Erlauben Sie, meine Herrschaften, ich möchte auch gern von der Partie sein! Aber, ehe wir uns weiter unterhalten, ersuche ich Sie höflichst, ein paar Schritte zurückzutreten.“
Einen Augenblick lang gab es ein kurzes Stutzen, dann drängte sich der Kerl vor, der angeblich beinahe überfahren worden war, ein Frauenzimmer schrie irgendwoher aus der Menge ein gellendes Wort, das wie ein Peitschenhieb klang, eine Klinge blitzte im Laternenschein, da schlug der lange Heino zu, mitten zwischen ein Paar tückisch blickende Augen. Lautlos sank der Kerl zu Boden, der nächste flog wie ein Sturmklotz gegen den feststehenden Ring, noch ein paar gewaltige Maulschellen sausten wahllos nieder, schreiend und kreischend stob das Gesindel auseinander. Und plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, stand ein Schutzmann da, schnob mächtig gegen einen zerlumpten Strolch, der aus der Nase blutete, schrie den anderen an, der sich am Boden krümmte, und trillerte schließlich heftig auf einer schrillen Signalpfeife.
Da mußte Heino unwillkürlich laut auflachen. Er lüftete höflich den Zylinder und verneigte sich:
„Verehrter Herr Wachtmeister, Ihr zielbewußtes Auftreten läßt mich vermuten, Sie haben schon eine ganze Weile lang Gelegenheit gehabt, sich über die Schuldfrage bei diesem Renkontre ein zuverlässiges Urteil zu bilden. Bitte, nehmen Sie sich also auch der beiden Damen an, ich hab’s eilig, muß wieder ins Städtchen zurück!“
Der Schutzmann hatte eine grobe Erwiderung auf der Zunge, aber der lange Herr da im Zylinder sah ihm stark nach einem Offizier in Zivil aus, und da war es geratener, den Mund zu halten. Ein leeres Mietsauto kam vorübergefahren, er hielt es mit lautem Zurufe an und geleitete die verängstigten Damen mit der beruhigenden Versicherung über die Straße, daß ihnen unter polizeilichem Schutz nun nichts mehr geschehen könnte. Die kleinere der beiden Damen, ein junges Mädchen mit blassem Gesicht und dunklem Haar, blieb an dem Schlage des Mietsautos stehen und sah sich suchend um, aber von dem mannhaften Retter, der im Augenblicke der höchsten Gefahr furchtlos eine ganze Horde von Strolchen in die Flucht gejagt hatte, war nichts mehr zu erblicken.
Nachdem Heino gesehen hatte, daß auf den schrillen Ruf der Signalpfeife vom Großen Stern her ein paar blinkende Schutzmannshelme auftauchten, wandte er sich ab und ging rasch den Weg zurück, den er gekommen war. Dafür, daß die beiden Damen ungefährdet ihr Heim erreichten, war gesorgt, und mit allen Weiterungen wie Zeugenvernehmungen oder gar einer Gerichtsverhandlung mochte er nichts zu tun haben. Am allerwenigsten aber mit gerührten Danksagungen, nachfolgender Einladung zum Mittagessen und vielsagendem Händedruck des Herrn Papas: „Herr Baron, meine Frau hat mir alles erzählt, meine Tochter träumt bei Tag und Nacht von ihrem heldenmütigen Lebensretter, falls wir uns also irgendwie revanchieren können, bitte ich voll und ganz über uns zu verfügen ...“ Und er darauf: „Sie haben ganz recht, Herr Kommerzienrat, es war schon lange mein Wunsch, Ihr Fräulein Tochter kennen zu lernen, und eigens zu diesem Zwecke hab ich ihr gestern nacht im Tiergarten aufgelauert. Also pumpen Sie mir mal vorläufig zweitausenddreihundert Mark, die ich heute abend auf Parole d’honneur zurückzahlen muß. Das übrige, was ich sonst noch schuldig bin, können wir ja später von der Mitgift abziehen.“
Er lachte grimmig auf und schob den Hut aus der erhitzten Stirn.
So hätte es kommen können, ohne allzu ausschweifende Phantasie. Er hätte vielleicht nur an den Wagenschlag zu treten brauchen: „Gestatten Sie, meine Damen, Freiherr von Bergkem! Und darf ich mir erlauben, Sie zu Ihrer Wohnung zu begleiten?“ Alles übrige entwickelte sich dann von selbst, wie in dem Programm, das ihm vor Monaten einmal eine würdige Frau unterbreitet hatte, die ihn nachmittags in seiner Wohnung überfiel. „Wirklich und wahrhaftigen Gott, Herr Baron, die junge Dame ist rasend in Sie verliebt. Sie brauchen sich auf dem Donnerstagskränzchen nur vorstellen lassen, durch mich natürlich, und alles übrige ist Formsache. Fünfmalhunderttausend bar, die Terrains von dem seligen Vater her — wissen Sie, Herr Baron, er war bloß ein einfacher Rixdorfer Oekonom, aber sonst ein ganz anständiger Mensch, und wo er glücklich tot ist, kann er ja überhaupt nicht mehr störend wirken — ja also, die Terrains gar nicht gerechnet.“
Da hatte er scheinbar ganz ernsthaft zugehört und mit dem Kopfe genickt: „Hochverehrte gnädige Frau, es schmeichelt mir ungemein, daß ich der unbewußte Gegenstand einer so plötzlichen und heftigen Liebe bin. Leider liegt mir aber schon von anderer Seite ein ernsthaftes Kaufangebot vor, von dem hiesigen Anatomischen Institut, dessen Leiter durchaus und für siebenundzwanzig Mark fünfzig meinen Kopf von innen studieren will. Sie werden einsehen, daß ich diesem Offert den Vorzug geben muß, denn einmal handelt sich’s dabei nur um meinen Leichnam, und zweitens interessiert es mich lebhaft, ob ich zu Lebzeiten nicht vielleicht ein bißchen verrückt gewesen bin. Bitte, empfehlen Sie mich Ihrer scharmanten Rixdorferin, und es täte mir leid, wenn ihr nun das Herz brechen sollte. Aber Gottes Wege sind wunderbar, vielleicht wird sie wieder gesund und findet einen anderen Baron, der sich schon bei lebendigem Leibe verkauft“ ...