Also was frommte ihm da die Nachricht, die der lange Heino gebracht hatte? Es gab nur Trübsal und Pein und neue Kämpfe zwischen der kühlen Vernunft und dem heißen Herzen. Und mit wehem Lächeln sah er den einzigen Weg, auf dem es vielleicht glücken konnte, die blonde Brigitte zu erringen: Wenn sie eines Tages zu ihm hier in die Stube trat: „Da bin ich! Und weil Du nicht zu mir kamst, mußte ich mich wohl aufmachen, Dich zu suchen!“ ...


Von dem wolkenverhangenen Himmel schwebten zarte Schneesterne hernieder, um auf dem im Laternenschein spiegelnden Asphalt zu vergehen, ab und zu knarrte es in dem Wipfel einer überständigen Eiche, wenn der Frühlingswind an die trockenen Aeste rührte, und von ferne her kam der Atem der nimmer rastenden Riesenstadt. Ein dumpfes Brausen, das sich in bestimmtem Rhythmus hob und senkte, wie Brandung am Meeresufer, wenn der Wind die Welle in ewiger Wiederkehr ans flache Gestade wälzt ...

Heino von Bergkem schritt unter den Bäumen des Tiergartens dahin, und unter dem an sein Ohr dringenden Gleichklang formten sich ihm die Gedanken ... verspielt, verlumpt ... mach Schluß, mach Schluß ...

Mit der Absicht, den Rest der Nacht in einem sinnlosen Gelage zu vertun, war es ihm nicht rechter Ernst gewesen. Besser schon mit ausgeschlafenem Kopfe ins Examen gehen, obwohl es ihm nichts verschlagen hätte, bis zu der entscheidenden Stunde wach zu bleiben und einigen Flaschen Sekt den Hals zu brechen. Sein eiserner Körper hatte schon mehr ausgehalten, die Prüfung selbst aber erschien ihm nicht mehr als eine überflüssige Zeremonie, nicht wert, sich darüber Sorgen zu machen; zu allem Ueberflusse hatte er ja zuweilen ganz gründlich gelernt, aber wenn sie glücklich bestanden war, was dann? ... was dann? ...

Als er sich von Peter Brenitz in der Wilhelmstraße trennte, war es ihm noch gar nicht recht zum Bewußtsein gekommen, was er eigentlich verspielt hatte. Die Erregung vom Kartentische jagte ihm das Blut durch die Adern, allerhand abgerissene Worte schwirrten ihm ans Ohr ... ich passe ... ich öffne ... drei Karten, bitte ... noch fünfzig besser ... und noch fünfzig ... Spielkombinationen bildeten sich in seinem Hirn, drei, vier hohe Karten standen gegeneinander, er aber hatte die allerhöchste und gewann ... gewann ohne Unterlaß wie damals an jenem ersten Abend. Und die Gewinne Nacht für Nacht häuften sich zu einem riesigen Vermögen, mit all dem mühelos erworbenen Gold aber kaufte er alles Land zurück, auf dem einstmals die Bergkems gesessen hatten. An dem Platze des alten Gemäuers, auf dessen moosgrünem Dache die Schulden sich häuften, erhob sich ein schimmernder Palast, leuchtete weit in die Lande hinaus als ein Wahrzeichen seines, im neuen Glanze aufblühenden Geschlechts ...

So ging er mit weit ausgreifenden Schritten dahin, schlug mit dem Stocke zuweilen einen sausenden Lufthieb, bis ihn ein unvermutetes Geräusch unter den nachtdunkeln Bäumen zusammenfahren ließ. Ein Waldkauz hatte im Schlafe aufgeschrien, oder das Gesindel, das vielleicht im Buschwerk neben ihm strich, gab sich ein Zeichen. Da blieb er stehen und sah sich um. Furcht kannte er keine, aber der aus dem Spielertraume geborene Rausch war vorüber, die nackte Wirklichkeit grinste ihn an. Vierzigtausend bare Mark hatte er in diesen kurzen sechs Monaten verspielt, und das Fürchterlichste: diese vierzigtausend Mark gehörten nicht ihm. Unter allerhand Vorspiegelungen hatte er die Mutter dahin gebracht, ihm das sichergestellte Erbteil der Schwester auszuliefern. Wie ein von allen guten Geistern Verlassener hatte er in seinem Wahne gehandelt, von einem Tage zum andern gehofft, das Verlorene wieder einzuholen, aber das Glück war eine feile Metze, verkaufte sich denen, die den größten Geldbeutel hatten. Und als er sich zu einem letzten Schlage sammelte, in einer Art von Aberglauben den Tag vor dem Examen auswählte, um noch einmal sein Heil am Spieltische zu versuchen, hatte es eine geradezu verhängnisvolle Niederlage gegeben. Ehe er eigentlich recht zur Besinnung kam, waren die letzten dreitausend Mark fort, über die er noch verfügen konnte, und in nicht allzu langer Frist zweitausend dazu, die er, unter Verpfändung seines Wortes, von dem vorsichtigen Klubkassierer entliehen hatte. Ohne diese im Spielerwahn eingegangene Verpflichtung wäre es vielleicht noch weiter gegangen, man hätte sich eben eingeschränkt und unter Sorgen und Entbehrungen die ersten paar Jahre nach dem Examen krumm gelegen, bis mit der wachsenden Praxis bessere Zeiten kamen, aber diese eine Schuld stand wie eine unübersteigbare Mauer vor allen guten Vorsätzen. Alle irgendwie verfügbaren Hilfsquellen waren erschöpft, und morgen abend waren zweitausend Mark fällig, die er zahlen mußte, wenn er nach allen landläufigen Begriffen nicht als ein Ehrloser herumlaufen wollte.

Viel nichtswürdiger aber noch der Augenblick, wenn er mit der Schamröte in den Wangen vor Mutter und Schwester hintreten mußte mit dem Bekenntnis: Ich hab’ Euch hintergangen, Euer Vertrauen schmählich getäuscht ... Also aus und erledigt. Ein Abenteurer hatte um Glück und Ehre gewürfelt und hatte verloren, verkroch sich am Straßenrain und machte ein rasches Ende ...

Leise Rufe und Zeichen kamen aus dem Dunkel, lichtscheues Gesindel sammelte sich auf der Straße und zog einem Ziele zu, einem Knäuel von Menschen, aus dessen Mitte erregtes Schreien und Kreischen und Streiten drang. Ein elegantes Privatautomobil, dessen Steuerung wohl versagt hatte, war über die Straßeneinfassung geraten, lag mit zertrümmerten Scheiben halb zur Seite, und der Chauffeur zankte mit einem langen Kerl, der drohend eine Entschädigung forderte, weil er angeblich samt seiner Braut von dem unsinnig daherrasenden Ungetüm beinahe überfahren worden wäre. Der lange Heino trat näher heran. Das war ein Spektakel nach seinem Herzen, im Nu waren all seine finstern Gedanken verflogen ...

Im Innern des Wagens kauerten ein paar Damen, halb ohnmächtig vor Schreck und Furcht, der Chauffeur beteuerte seine Unschuld, schrie dazwischen laut nach einem Schutzmann, das Gesindel aber johlte und strich herum, wie eine Schar hungriger Wölfe. Die Damen da in dem Wagen trugen kostbares Pelzwerk und darunter blitzendes Geschmeide, wenn der aufgeregte kleine Kerl in Livree noch ein Weilchen weiter schrie, war wirklich kein Schutzmann in der Nähe ... im Augenblick konnte alles vorüber sein, man hatte mit gierigen Händen zugegriffen, zerstreute sich wieder im schützenden Dunkel ...