Meine Kräfte gehen zu Ende, der Brief muß noch heute zur Post, wenn ich hoffen soll, Deine Antwort zu sehen. Ich küsse und umarme Dich in Liebe als Deine treue Mutter ...“

Ganz vernichtet starrte Heino auf die von den Tränen seiner Mutter verwischten Zeilen, unfähig einen Gedanken zu fassen. Nur von Zeit zu Zeit stöhnte er auf, wenn Reue und Scham gar zu heftig brannten. Hätte die Mutter gezürnt und gescholten, wäre es vielleicht nicht so schwer zu tragen gewesen, so aber fraß es wie ätzende Säure, und jedes Wort der nachsichtigen Liebe bohrte sich wie ein Stachel in schwärende Wunden. Seit Wochen lag sie krank, keine Klage kam über ihre Lippen, sie sorgte nur, daß er’s nicht erführe, um ihm nicht die Ruhe zur Arbeit zu rauben, zur Arbeit! Erst, als sie zu fürchten begann, sie könnte ihn vielleicht nicht mehr sehen, entschloß sie sich zu einer mahnenden Bitte. Bat ihn, die Schwester nicht zu verlassen, deren Vermögen er vertan hatte ...

Und jählings sprang ihn eine Erinnerung an: Er sah sich als halbwüchsigen Knaben vor einem Bette knien, eine schwere Hand lag auf seinem Scheitel und eine Stimme, der sich nur mühsam noch die Worte formten, kam wie aus der Ferne zu ihm. „Es hat Rest gegeben, Heino, ich muß von Euch gehen, viel zu früh. Halt’ Dich aufrecht, mein Junge, und werd’ ein ganzer Mann! Du sollst einmal Mutter und Schwester die einzige Stütze sein“ ... Er hatte aufgeschrien: „Vater, bleib’ bei uns, lieber Vater!“ und, als die Hand von seinem Scheitel sank, unter Schluchzen einen Eid geschworen, er würde der empfangenen Mahnung immerdar eingedenk sein ...

Also irgend etwas mußte geschehen, nur durfte er natürlich hier nicht so untätig herumsitzen und jammern. Für sechs kurze Monate galt es Rat zu schaffen, sechs Monate nur, in denen er sich gewissenhaft vorbereiten mußte, um das Examen zu bestehen und Geld zu verdienen ...

Er hatte sich in fieberhafter Hast umgezogen. Als er auf die Straße trat, kam ein leeres Auto vorüber. Er sprang hinein: „Joachimsthaler 39“, und während der Chauffeur in kurzem Bogen wandte, um den Weg übers Schöneberger Ufer zu nehmen, überlegte er, was Onkel Reineke wohl sagen würde, wenn er nach mehr als einem Vierteljahr so plötzlich vor ihn hinträte. Damals nämlich hatte es einen vollkommenen Bruch gegeben, und heftige Worte waren gefallen zwischen ihm und dem Stiefbruder seiner Mutter, dem Oberverwaltungsgerichtsrate von Hegelingen, dem der Familienwitz den Beinamen Onkel Reineke angehängt hatte. Wegen der fuchsigen Perücke und seines hinterhältig-schlauen Wesens, das ihn überall seinen Vorteil finden ließ, bei seinen Vorgesetzten sowohl wie bei kleinen Spekulationen an der Börse oder auf dem Grundstücksmarkte, mit denen er sein Vermögen im Laufe der Jahre recht ansehnlich vergrößert hatte.

Und der Grund zu dem Zerwürfnisse hatte rein äußerlich darin gelegen, daß Heino sich eines Tages die salbungsvollen Vorwürfe verbat, zu denen Onkel Reineke sich jedesmal verpflichtet fühlte, wenn er dem Neffen mit einem kleinen Darlehen aushelfen mußte. Der wirkliche Grund aber lag tiefer, und zwar in der einfachen Tatsache, daß Heino keine Lust verspürte, sich von seiner Kusine Adelheid an den Traualtar führen zu lassen. Die nicht mehr ganz jugendliche Dame nämlich, die ungefähr im fünfzehnten Lawn-Tennis-Semester stand und seit ebensovielen Wintern jedes Wohltätigkeitsfest unsicher machte, hatte sich’s in den Kopf gesetzt, ihren Vetter Bergkem zu heiraten. Und als Heino ihren deutlichen Annäherungsversuchen hartnäckig auswich, hatte es eine wenig erquickliche Szene gegeben. Onkel Reineke sprach von schnödem Undank und dergleichen. Heino fragte, ob er’s von seinen anderen Geschäften her gewöhnt wäre, so hohe Wucherzinsen zu nehmen. Der Onkel gab zur Antwort, ein derartig verbummelter Mensch müßte überhaupt froh sein, in einer anständigen Familie unterzukommen, und der Bruch war fertig. Ein Bruch, wie er nur unter nahen Verwandten eintreten konnte. Denn fremde Menschen sagen einander die letzten Wahrheiten nicht so schonungslos ins Gesicht ...

Danach kostete es also ein großes Stück Selbstüberwindung, den Weg nach der Joachimsthaler Straße noch einmal einzuschlagen, aber es ging nicht anders, und auch Onkel Reineke mußte einsehen, daß in diesem Falle jeder kleinliche Groll zu schweigen hatte. So rachsüchtig war er denn doch wohl nicht, daß er ihn in der Not ein paar scharfe Worte entgelten ließ, die in der Erregung gefallen waren ...

Und zu Anfang ging es ganz leidlich. Die Kusine Adelheid war allein zu Hause, erzählte von ihren Balltriumphen in den letzten Monaten und machte ihre süßesten Augen, und nach einigen Minuten kam der Onkel aus dem Nebenzimmer. Verzog das faltige Gesicht mit den leicht geäderten Rotweinäuglein zu einer erstaunten Grimasse.

„Ei, sieh da, der Herr Neffe!“

Und als Heino aufstand, er bäte um die Erlaubnis, ihn ein paar Minuten lang allein sprechen zu dürfen, rieb er sich die Hände.