„Tut’s sehr weh, kleines Brüderchen?“
Peter griff nach seinem Klemmer, tupfte dabei unauffällig über die Augenwinkel, in denen sich ein paar dumme, dicke Tränen bilden wollten:
„Nicht mehr so arg wie beim erstenmal! Und es geschieht mir recht. Ich saß an der Grenze des Königreiches, grübelte und grübelte über dem Rätsel, indessen schwang sich ein anderer mit leichterem Fuß über den Graben!“ Und mit einem wehen Lächeln fügte er hinzu: „Wenn ich so klug gewesen wäre wie heute, hätte ich vor vier Wochen mich überfahren lassen. Vielleicht daß ich dann dem ... dem andern zuvorgekommen wäre!“ Der Schmerz übermannte ihn, er schluchzte laut auf und lehnte für einen Augenblick den Kopf gegen die Brust des Freundes. Heino aber schlang ihm den langen Arm um den Hals und sah besorgt zu ihm hernieder.
„Der Deuwel kennt sich in diesen kleinen Frauenzimmern aus! Manchmal in diesen Wochen hatte ich die stille Hoffnung, sie würde sich wieder zu Dir neigen, wie schon einmal, und da muß dieser kleine Husar sich unversehens dazwischen drängen! Aber sag’, armer Kerl, soll ich diese Nacht nicht lieber mit Dir zusammenbleiben? Meiner Schwester rede ich leicht was ein, damit sie keinen Argwohn schöpft.“
Da richtete Peter Brenitz sich auf und warf den Kopf in den Nacken zurück.
„Arm, sagst Du? Einen ganzen geschlagenen Tag damals bin ich glücklich gewesen! Reicht das nicht aus für ein kurzes Menschenleben?! Und Du, Heino von Bergkem, sagst mir, Du hättest mich, den Juden Brenitz, gern in Deinem Hause aufgenommen. Hab Dank dafür, dieses Wort war mir eine Wohltat. Es zeigt mir, daß der auf dem richtigen Wege war, der meine Schritte ins Leben lenkte!“
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß, er trat aufrechten Hauptes in die stille Straße hinaus. Weit drüben, auf der Zinne des grünen Bahndammes, fuhr ein hell erleuchteter Zug irgendwohin in die Ferne .... Die Maschine ächzte und stöhnte, spie feurige Wolken empor, gegen den nachtdunkeln Himmel nahmen sie sich wie Zeichen der Morgenröte aus. Und Peter Brenitz sah hoffnungsfrohen Auges das kommende Deutsche Reich, das Reich, in dem es weder Hader, noch Haß, noch Zwietracht gab. — —