Da sprang Heino eifrig zu und half seinem Chef, der ihm in einer knappen Stunde aus einem Fremden ein gütiger Freund geworden war, in den Pelz. Draußen hatte sich der launische Apriltag eine finstere Wolke vorgezogen, die Regen und Hagel auf die Straßen stäubte. Ihm aber war zumute, als lachte die helle Sonne über Giebeln und Dächern, und eben dehnte sich vor ihm ein klarer Pfad, der nach allem Kummer und Ungemach in eine glückliche Zukunft führte.
Und unwillkürlich fiel es ihm ein: war es nicht ganz wie in dem alten Märchen? Der Bruder Leichtfuß brauchte nur herzhaft und lachend darauf loszugehen, um sich das Glück und die verzauberte Prinzessin zu gewinnen?! ...
Es ging auf den Mai, und die beiden Geschwister Bergkem hatten sich längst schon in der Charlottenburger Wohnung mit den aus der alten Heimat stammenden Möbeln behaglich eingerichtet. Peter Brenitz aber war ihr allabendlicher Stammgast, saß mit ihnen von neun bis halb elf um den runden Tisch unter der freundlichen Hängelampe, hörte zu, wie sie von ihrem Tagewerke plauderten, und wünschte sich nichts Besseres. Seine kühnen Hoffnungen hatte er an dem Tage begraben, als er mit dem kostbaren Blumenstrauße in der Hand auf dem Bahnsteige stand und die blonde Brigitte seiner so wenig achtete, daß ihr ein verloren gegangenes Gepäckstück wichtiger erschien als seine Begrüßung.
Und je mehr er darüber grübelte, desto klarer entschleierte sich ihm, wie alles gekommen sein mochte in der Zeit, nachdem er Brigitte nicht wiedergesehen hatte. Als einzige unbestreitbare Tatsache stand fest, daß sie ihrem Verlobten trotz aller Vorteile, die ihr aus dieser Verbindung winkten, den Abschied gegeben hatte. Aber wie unziemliche Selbstüberhebung kam es ihm vor, seine Person mit diesem Entschlusse in eine irgendwie geartete Verbindung zu bringen. Was war er denn in dem Leben dieses jungen Mädchens? Eine flüchtige Bekanntschaft von zwei kurzen Tagen ...
So disputierte er fast allnächtlich mit seiner Leidenschaft, nahm sich hundertmal vor, von nun an die Besuche in Charlottenburg aufzugeben, weil sie doch zu keinem Ergebnis führen könnten. Wenn es aber auf den Abend ging, saß er wieder an dem runden Tische unter der freundlichen Hängelampe und wünschte sich nichts Besseres! Denn zuweilen ging es recht lustig zu, so lustig, daß auch die blonde Brigitte mitlachte. Der lange Heino erzählte irgendeinen Scherz, den er in seinem neuen Berufe an der Börse gehört hatte, machte dem alten Prokuristen Markuse im Hause Brenitz nach, wie er schnupfte und mit der Nase schnüffelte, oder kopierte — frei nach den Fliegenden Blättern — den unglückseligen Lehrling, um den das gesamte Personal der Firma ratlos stand, weil er wegen allzuweit abstehender Ohren den Federhalter nicht an die vorschriftsmäßige Stelle stecken konnte.
Dann lachte auch Brigitte, obwohl sie sonst meistens schweigend am Tische saß, müde von der anstrengenden Tätigkeit, die sie tagsüber in Anspruch nahm.
Und es kam ein Abend, an dem auch sie lebhaft wurde, mit einem Male aus ihrem Berufe zu erzählen anfing, obwohl das geschilderte Ereignis eigentlich nichts Besonderes an sich hatte. Ein junger Reiteroffizier war auf der Rennbahn gestürzt — Peter hatte den Bericht schon in der Zeitung gelesen — man hatte ihn bewußtlos in die Abteilung der Klinik gebracht, in der sie ihre Lehrlingszeit durchmachte, und selbst der Herr Geheime Medizinalrat fürchtete für sein Leben. Am nächsten Abend aber lautete der Bericht schon viel hoffnungsvoller. Der junge Husar war für ein paar Augenblicke zu Bewußtsein gekommen, hatte seine hingebende Pflegerin, die unablässig die kühlenden Umschläge erneuerte, dankbar angelächelt. Und eifrig erörterte sie den ganzen Fall, schilderte die Besorgnis der Eltern, die vom Rheine her an das Lager ihres einzigen Sohnes geeilt waren, sprach und sprach von dem, was ihr Fühlen und Denken erfüllte. Peter aber saß dabei und hörte aufmerksam zu. Im Innersten seines Herzens jedoch wußte er, das war der letzte Abend, den er hier am runden Tische mit der blonden Brigitte verbrachte.
Oder sollte er vielleicht zum zweiten Male mit ansehen, wie eine grobe Faust ihm in die Brust nach dem Herzen langte und preßte und preßte, bis der letzte Blutstropfen entwichen war?! ... Er nahm sich zusammen bis zu der üblichen Zeit, zu der er schicklicherweise und ohne aufzufallen sich auf den Heimweg begeben konnte. Da küßte er Fräulein Brigitte wie immer die Hand und wünschte ihr eine gute Nacht nach all den gehabten Aufregungen. Seine Stimme klang ruhig wie sonst.
Der lange Heino geleitete ihn die Treppe hinab, unten im Flur schüttelte er ihm die Hand. Sie verstanden sich ohne viel Worte.