Schon bei dem Worte Baron hatte die Frau Geheimrätin den Kopf gehoben, jetzt ging sie mit ausgestreckten Händen auf Heino zu.
„Welch eine freudige Nachricht, Herr Baron! Und lassen Sie sich endlich von Herzen Dank sagen für Ihre ritterliche Tat. Ihnen erscheint’s vielleicht wenig, hundert Räuber in die Flucht zu schlagen, wir aber verzagten schon an unserem Leben, und danach geht’s doch, nicht wahr?“
So sprach sie geläufig fort und fort, schloß mit einer dringlichen Einladung zum Mittagessen am selben Tage, und Heino konnte trotz aller Zurückhaltung nicht ablehnen, denn auf eine kurz zuvor gestellte geschickte Frage, ob er heute noch etwas Besonderes vorhätte, hatte er harmlos mit nein geantwortet.
Der alte Herr aber stand als stiller Beobachter dabei, und plötzlich fiel es ihm ein, daß er mit seinem neuen Geheimsekretär in leicht gerührter Stimmung über alles mögliche gesprochen hatte, nur nicht über die doch eigentlich recht naheliegende Gehaltsfrage. Bei dem stillen Beobachten jedoch fiel ihm ein Blick auf, mit dem der Herr von Bergkem bewundernd die schlanke Gestalt seiner ältesten Tochter Ilse umfaßte. Da seufzte er leicht auf, denn er glaubte zu wissen, daß diese Gehaltsfrage in absehbarer Zeit in anderer Weise geregelt werden würde ...
Die Damen empfahlen sich, der Herr Geheimrat gab ihnen das Geleit. Und während seine Gattin mit der Aelteren schon das Auto bestieg, schlang die Jüngere ihm im leeren Hausflur den Arm um den Hals, preßte ihr heißes Gesicht an seine Wange:
„Sag’, Pappi, sieht er nicht wirklich aus wie ein Held?“
Da streichelte er ihr leise den blonden Kopf, und das Herz zog sich ihm zusammen:
„Geh, mein kleines Schlemihlchen, geh! Und schluck’s ’runter! Dieser ‚Held‘ hat Dich wohl gerettet, aber den Dank wird er sich wo anders holen. Du und noch einer, der mir nahesteht, Ihr seid von der Sorte, die zusehen müssen, wenn die anderen sich zu Tisch setzen. Also da muß man sich beizeiten zusammennehmen, ein lustiges Gesicht machen und immer sagen: dank schön, ich bin satt, habe schon gegessen! Das tut manchmal sehr weh, aber was ist wohl besser? Sich bemitleiden, womöglich gar auslachen lassen, oder den Kopf hochtragen und sich ein Ansehen geben, als hätte man niemals auf die gedeckte Tafel der anderen einen begehrlichen Blick geworfen?“
So tröstete er mit sanftem Streicheln an seinem Töchterlein herum, bis es sich mit einem leichten Aufschluchzen seinem haltenden Arm entwand: „Ich will’s versuchen, Pappi!“ ...
Als der alte Herr in sein Privatkontor zurückkehrte, stand sein neuer Geheimsekretär am vergitterten Fenster, verneigte sich höflich und sah mit leuchtenden Augen dem davonfahrenden Auto nach. Da lächelte er freundlich, denn all diese Geschehnisse der letzten Minuten schienen ihm wie die Vorherbestimmung eines freundlichen Schicksals. „Herr von Bergkem, meine Stunde ist gekommen, in der ich in meinem Klub die mir unbedingt notwendige Partie Bridge spielen muß. Begleiten Sie mich und sehen Sie zu, Sie können auch dabei von mir etwas lernen. Außerdem aber beabsichtige ich, Sie mit ein paar älteren Herren bekannt zu machen, an deren Urteil mir ziemlich viel liegt, und bei denen ich Ihnen gleich von vornherein eine zukömmliche Stellung anweisen möchte.“