»Ganz und gar! Der königliche Dienst läßt einem ja keine Zeit ...«

»Na, denn verplempern Sie sich auch nicht etwa noch in den letzten Wochen! Und lassen Sie sich nicht beirren, wenn nachher in Ordensburg die kleinen Margellchen 'Kartoffelkeeilchen' sagen und 'Aerbsen mit Späck' ... Das ist nur ein kleines Sommersproßchen, tut der übrigen Schönheit keinen Eintrag. Aber jetzt adieu ... ich sehe da ein leeres Auto kommen, und eben fällt mir ein, meine Frau hat für heute abend ein paar Gäste geladen.« Er grüßte rasch und ging mit langen Schritten über den Straßendamm.

»He, Chauffeur, Uhlandstraße 51!« Und im Einsteigen rief er zurück: »Sehen Sie, lieber Foucar, manchmal geht's auch ohne Protektion! Man muß nur vor die rechte Schmiede kommen ...«

Gaston von Foucar winkte mit der Hand einen respektvollen Gruß, und es stieg ihm heiß in den Augenwinkeln empor. Welch ein prächtiger Mensch, sein sonst so verschlossener und wortkarger Chef! Die angebliche Gesellschaft zu Hause war doch nichts weiter als ein Vorwand, sich den Dankesbezeigungen seines Untergebenen zu entziehen! Na, das ließ sich ja am Montag im Bureau nachholen, oder besser noch, man bewies seinen Dank mit der Tat. Arbeitete diese letzten Wochen noch schärfer als bisher, damit der Oberst auch sah, daß er seine Gunst keinem Unwürdigen zugewandt hatte. Ein unbändiges Glücksgefühl schwellte seine Brust. In fünf Wochen war er draußen, wieder in der Front! Sauste an der Spitze einer Schwadron – seiner Schwadron – über das Blachfeld, den blanken Säbel in der Faust ... Wenn das Glück gut war, gleich über die Grenze, in Feindesland ... Wahrhaftig, Zeit war es, daß das deutsche Vaterland sich einmal darauf besann, das Schwert aus der Scheide fliegen zu lassen und mit mächtigen Schlägen um sich zu hauen. Die Herrschaften rechts und links bildeten sich sonst womöglich ein, es wäre eine eingerostete alte Plempe, auch kein Stahl mehr, sondern ein mit Stanniol beklebter Waschlappen ... eia, das sollte eine Enttäuschung geben! ... Und mitten in aller Freude flog es ihm durch den Sinn, von welchen Zufälligkeiten doch Menschenschicksale gelenkt wurden. Wenn er sich aus irgendeinem Grunde ein paar Minuten länger bei der Arbeit aufgehalten hätte, wäre die so folgenreiche Begegnung mit dem Chef doch niemals zustande gekommen.

Also hatte er mal wieder Glück gehabt, richtiges Soldatenglück, und eigentlich hätte es sich gehört, auf dieses fröhliche Ereignis eine gute Flasche zu setzen. Aber schließlich, wenn er auch in das Restaurant fuhr, in dem er sich ab und zu mit einigen Herren seiner Abteilung traf, so nahe stand ihm keiner von ihnen, daß er hätte sagen können: »Kommen Sie, ich muß Ihnen bei 'nem Glas Sekt erzählen, was ich eben für einen Riesendusel entwickelt habe ...« So etwas verwahrte man am besten still im eigenen Busen, wenn es bei dem anderen nicht sehr gut aufgehoben war ... Und dann war da auch die nun mal übernommene Arbeit, und schließlich konnte man die gute Flasche auch für sich allein zu Hause trinken, der kleinen alten Dame im Schwabeländle einen Gruß schicken ... Sie war doch die einzige, die sich ehrlich freute, wenn ihr Junge wieder 'mal Glück gehabt hatte. Die S-Bahn kam gefahren, bremste an der Haltestelle, er stieg auf ... es ging über den Großen Stern nach Hause.

Auf dem Hinterperron des Anhängewagens stand ein kleiner junger Herr in modisch geschnittenem Sommerpaletot. Er lüftete grüßend den Hut, an seinem rechten Handgelenk blitzte ein goldenes Kettenarmband. Hauptmann von Foucar erwiderte den Gruß, aber konnte sich nicht entsinnen, wo er den Herrn kennen gelernt haben mochte. Der stellte sich ihm gegenüber: »Herr Hauptmann besinnen sich wohl nicht mehr auf mich?«

»Ich muß in der Tat sagen, so im Augenblick ...«

Der kleine Herr lüftete wieder seinen Hut.

»Ich hatte vor einiger Zeit einmal im Pschorr die Ehre ... Segebrecht von den Malchower Dragonern.«

»Ach so, jetzt natürlich ... Sie sind wohl wieder mal zum Rennen hier?«