»Sie sprechen ja wie ein Verliebter, Herr von Lindemann!«
»Bin ich auch! Rettungslos und hoffnungslos. Das letztere wegen übergroßer Dicke und mangelnder Körperlänge. Sonst nämlich – ah, Bruderchen – ja sonst würde ich doch nicht ruhig zusehen, wie dieses herrliche Geschöpfe an einen fällt, der die Himmelsgabe anscheinend nicht nach ihrem vollen Werte einschätzt.«
»Fräulein von Gorski scheint demnach verlobt zu sein?« warf Gaston ein. Er mußte sich zusammennehmen, um seiner Stimme einen möglichst harmlosen Klang zu verleihen.
»Verlobt? Na, noch nicht ganz, aber immerhin so gut wie! An Kalinzinnen grenzt Orlowen, im Besitz der Familie von Brinckenwurff ... schon seit ein paar hundert Jahren. Mit das Aelteste, was wir hier haben, rein gezüchteter ostpreußischer Schlag. Aber mehr nach der Körperlänge hin, oben weniger. Dem alten Herrn von Gorski war ein männlicher Erbe versagt, also was lag näher, als die beiden Kinder diesseits und jenseits der Gutsgrenze zu einer Vereinigung zu erziehen? Kalinzinnen und Orlowen zusammen, das war ein Wort, das landwirtschaftlich empfindende Herzen in heller Begeisterung aufflammen lassen mußte. Zwölftausend Morgen, zum Teil prima Weizenboden. Ich gönn' sie dem Hermann Brinckenwurff. Er ist in seiner Art ja auch ein ganz braver Kerl, nur ein bißchen zu pomadig. Und er soll sich beeilen, die kleine Annemarie Gorski endgültig festzulegen. Ehe sie klare Augen kriegt und sieht, daß ihr Zukünftiger nur so eine Durchschnittsangelegenheit ist. Oder ehe ihr ein anderer besser gefällt. In dem Mädel steckt nämlich ein kleiner romantischer Zug, von ihrer Mutter her ... Na prost, Herr von Foucar! Der Burgunder scheint Ihnen gut zu tun. Sie haben ordentlich wieder Farbe gekriegt.«
Gaston leerte das Glas, aber es war nicht so sehr das feurige Getränk, das sein Blut rascher durch die Adern trieb. Er bestellte eine neue Flasche, denn ihm bangte davor, der Dicke da drüben könnte vorzeitig aufbrechen, oder mit seinen Mitteilungen aufhören. Aber die Befürchtung war grundlos. Herr von Lindemann beugte sich vertraulich über den Tisch und dämpfte seine laute Stimme.
»Nämlich, da möchte ich Ihnen einen Tip geben, wenn Sie nächstens in Kalinzinnen Besuch machen.«
»Ich weiß heute noch nicht, ob ich überhaupt dazu kommen werde, Verkehr in der Nachbarschaft zu suchen.«
»Aber, Mannchen, Sie müssen einfach! Sie können sich doch nicht allein im ganzen Regiment ausschließen. Und passen Sie mal auf, wie gemütlich wir's hier im Herbst haben, wenn die Jagden anfangen. Und nachher im Winter – da müssen Sie die Tanzstiebel jede Woche dreimal anziehen! Ja also, wenn Sie nach Kalinzinnen kommen, erkundigen Sie sich nicht nach Fräulein von Gorskis Mutter!«
»Wieso nicht? Ist sie gestorben?«
»Nee, aber geschieden. Die Sache ist schon fast zwanzig Jahre her, im Gedächtnis der Zeitgenossen halb vergessen. Nur einer denkt noch daran, der arme Kerl von Gorski. Daher stammt sein weißer Kopf. Sonst ... er ist nicht viel älter als ich, so um die Mitte der Fünfzig. Er hat die Frau wahnsinnig geliebt. Sie aber ... Da verkehrte in der hiesigen Gesellschaft ein russischer Dragoneroffizier. Ein Baron Totberg. Wegen übler Streiche von der Petersburger Garde an die Grenze versetzt. Im übrigen aber einer jener Kerle, auf die die Frauenzimmer fliegen. Ein Blender. Aber danach geht's ja nicht in solchen Fällen. Elegant, hübsch, ein glänzender Erzähler, dazu von einem gewissen romantischen Nimbus umwittert. Man munkelte von einer sehr hochstehenden jungen Dame in Petersburg, sie hätte seinetwegen den Schleier genommen. In dem kleinen Drecknest Grajewo drüben langweilte er sich natürlich zum Sterben, da suchte er hier Anschluß. Das war damals nichts Ungewöhnliches, da bildete die Grenze kein Hindernis für den gesellschaftlichen Verkehr.