Na also, um die Sache kurz zu machen, eines Tages hatte der damalige Premierlieutenant von Gorski den unumstößlichen Beweis, daß der Baron Totberg – na sagen wir mal – nicht bloß wegen der guten Weine in seinem Hause verkehrte. Am nächsten Morgen schossen sie sich. Mein Nachbar Uhlenburg, der als Unparteiischer fungierte, erzählte nachher, es wäre die tollste Sache gewesen, die er je mitgemacht hätte. Dreimal baute sich der Baron seinem Gegner als Scheibe auf, ließ ihm den ersten Schuß. Und dann schickte er ihm jedesmal die Kugel haarscharf am Kopf vorbei. Herr von Gorski aber stand mit seiner massiven Gestalt da wie ein wütender Stier, vor Zorn flatterte ihm die sonst sichere Hand. Beim vierten Mal traf er. Blattschuß ...

Der Baron Totberg ging koppheister, Herr von Gorski aber schmiß die abgeschossene Pistole ins Gras und sich selbst dazu. Schlug die Hände vors Gesicht und weinte wie ein kleines Kind. Die dabei herumstanden, sagten nachher, es wäre schrecklich gewesen. Aber sie fühlten mit dem am Leben Gebliebenen mehr Mitleid als mit dem Toten. Der hatte alles aus dem Kopf, aber der andere hatte einen Geier, der ihm täglich an der Leber fraß. Er hatte seine Frau übermenschlich geliebt. Man konnte es begreifen, denn sie war über die Maßen schön. So eine schwüle Schönheit, wissen Sie. Man spürte in ihrer Gegenwart unwillkürlich ein verrücktes Verlangen ... ich war auch verliebt wie ein Stint, als der Herr von Gorski sie hier anbrachte. Er hatte sie in Berlin kennen gelernt, wie er als junger Offizier dorthin ein Kommando hatte. Ich glaube, auf einem Ball in der österreichischen Botschaft hat er sie kennen gelernt. Sie stammte nämlich da irgendwoher aus einem der österreichischen Kronländer, aus Ungarn oder Böhmen. Wie ein ausländischer bunter Vogel wirkte sie hier auf unsere, ein bißchen spießige Gesellschaft. Na, sie ist ja auch rasch genug wieder fortgeflogen, und der liebe kleine Kerl, die Annemarie, hat anscheinend nicht allzu viel von ihr übergeerbt.«

Gaston hatte in atemloser Spannung zugehört. Ein verrückter Gedanke bohrte sich ihm ins Gehirn.

»Wo ist nachher die geschiedene Frau von Gorski geblieben?«

Herr von Lindemann nahm einen bedächtigen Schluck.

»In ihre Heimat zurückgegangen. Mit reichlicher Unterstützung ihres gewesenen Mannes – er soll mehr als anständig für sie gesorgt haben. Ob sie aber gestorben ist oder noch lebt, weiß er bloß allein. Ich kann's mir wenigstens vorstellen, daß er ihr Schicksal verfolgt hat. Er kann's ja noch heute nicht verwinden, überladet sich mit Arbeit. Wissen Sie, andere in so einem Falle kriegen es mit dem Besaufen. Er 'bearbeitet' sich ... vielleicht wirkt das auch wie ein Narkotikum. Jedenfalls – und damit kehre ich zu dem Ausgangspunkt meiner länglichen Erzählung zurück – Annemarie weiß es nicht anders, als daß ihre Mutter gestorben ist. Deshalb erlaubte ich mir vorhin den kleinen Ratschlag. Um Ihnen und dem alten Herrn eine peinliche Minute zu ersparen.«

»Verbindlichsten Dank, Herr von Lindemann, und wenn ich fragen darf, wie alt ist Fräulein von Gorski?«

Der Dicke lachte behaglich auf.

»Na, das ist eigentlich eine recht ungalante Frage. Aber, da Sie ja nicht beabsichtigen, dem guten Hermann Brinckenwurff Konkurrenz zu machen ... also, sie sieht jünger aus, als sie ist. Im August wird sie einundzwanzig. Die Hellblonden, wenn sie gesund sind, sehen in dem Alter immer noch aus wie achtzehn. Jedenfalls hat sie sich vorbehalten, die Entscheidung über die Vereinigung von Kalinzinnen und Orlowen erst an dem Tage ihrer Mündigkeit zu treffen, und der präsumtive Bräutigam mußte sich fügen. Ich an seiner Stelle hätte es nicht getan, aber ihm scheint es nicht allzu schwer gefallen zu sein. Das heißt, auf seine Art liebt er das Fräulein von Gorski recht herzlich. Aber er sieht keine besondere Gnade darin, daß sie sich zu ihm neigt. Inzwischen aber lebt er ein bißchen unvorsichtig, stiebelt der jeweiligen Gutsmamsell nach. Sobald seine kluge alte Dame es merkt, schafft sie die Person fort mit angemessener Versorgung – Geld spielt ja keine Rolle. Aber er soll sich in acht nehmen, daß Annemarie nicht dahinterkommt. Wie ich sie kenne, versteht sie in diesen Dingen keinen Spaß ... na prost, lieber Rittmeister!«

»Prost, Herr von Lindemann.«