Gaston tat reichlich Bescheid. Vorhin, als der Dicke da drüben Annemaries Alter nannte, hatte er sich mit einem Erleichterungsseufzer den Schweiß von der Stirn gewischt, den ein jäh aufgesprungener Gedanke ihm aus allen Poren getrieben hatte. Gott sei Dank, es stimmte nicht. Die andere in Berlin war um sechs, sieben Jahre älter. Sonst, wahrhaftig, es wäre zum Verrücktwerden gewesen. Und in dem Gefühl der Erleichterung lachte er auf.
»Wenn Herrn von Brinckenwurffs Mutter so gescheit ist, weshalb engagiert sie da für ihr Gut nicht zur Abwechslung mal eine alte Mamsell?«
Herr von Lindemann steckte sich eine neue Zigarre an.
»Das können Sie als Nichteingeborner nicht beurteilen, Herr von Foucar. Das Institut unserer Mamsells ist von besonderer Art. Alte gibt's keine, sie heiraten meistenteils recht früh. Nach einem romantischen Liebesfrühling mit dem jungen Herrn von Stande steuern sie in einen bürgerlichen Sommer mit reichlicher Versorgung. Aber, um von diesen Frauenzimmergeschichten endlich auf Wichtigeres zu kommen: Was bringen Sie, mein lieber Rittmeister, aus Berlin nun mit in den Falten Ihrer Toga? Krieg oder Frieden?«
Gaston hob sein Glas.
»Wenn es nach mir ginge, Krieg. Ich begehe keinen Vertrauensbruch, wenn ich im vertrauten Kreise wiedererzähle, was mir mein Abteilungschef zum Abschied gesagt hat, wir sollten hier an der Grenze noch schärfer aufpassen als bisher. Aber das kann sich in kurzer Zeit wieder ändern. Heute sieht der politische Horizont schwarz aus vor drohenden Wolken, morgen lacht wieder die liebe Sonne.«
Der dicke Herr von Lindemann nahm einen bedächtigen Schluck, in sein rundes Gesicht trat ein fast feierlicher Ernst.
»Mein lieber Herr von Foucar – soweit ich mir auf Grund persönlicher Beobachtungen und nach einigem Denken mit leidlich gesundem Menschenverstand einen Vers mache, liegt die Sache so: die diesjährige Ernte werden wir noch in Frieden hereinbringen. Die Wintersaat fürs nächste Jahr lohnt sich nicht mehr, da brennen hier die Häuser, und auf den Feldern reiten die Kosakenhorden. Dann sind sie fertig rechts und links. Im nächsten Frühjahr, hoffen sie, sind sie stärker als wir. Dann geht's los ohne Erbarmen. Die letzte große Abrechnung vielleicht, die auf europäischem Boden stattfindet. Für zwei von den Komparenten geht's dabei um die Wurst. Der dritte im Osten bleibt unberührt, wie es auch ausgeht. Nachlaufen in seine Steppen können wir ihm nicht ... er ist wie ein Tier niederer Ordnung, das vergnügt weiterlebt, wenn höher organisierte unter gleichen Bedingungen längst schon verendet wären.
Und wir täuschen uns, wenn wir glauben, daß der Koloß mit den sogenannten tönernen Füßen sich nur langsam in Bewegung setzt. Ich habe ziemlich genaue Nachrichten, dicht hinter unserer Ostgrenze steht eine schlagfertige Armee. Der Wirt der sogenannten Waldschenke an den Schießständen im Beldahner Walde – Sie werden ihn ja auch kennen lernen – ist meine Quelle. Er sieht aus, als könnte er nicht bis drei zählen, aber das ist 'Falle', wie die Berliner sagen. In Wirklichkeit ist er einer unserer intelligentesten Spione und, weil er mit mir mal hier in Ordensburg auf der Quinta die gleiche Schulbank gedrückt hat, hält er mit seinen Wissenschaften vor mir nicht hinterm Berge, wenn ich manchmal bei ihm ein Glas Bier trinke. Vielleicht auch, weil er weiß, daß ich luftdicht bin natürlich ... Also er ist ein Sprachengenie, spricht sämtliche polnischen und russischen Dialekte mit allen Nuancen. Da reist er denn als Hausierer, Viehhändler oder Weinverkäufer, je nachdem wie es ihm paßt. Ich wollte ihm einmal nicht glauben, daß er sich da drüben frei bewegen könnte nach Belieben, ohne erkannt zu werden. Da entschuldigte er sich mit einer häuslichen Besorgung. Nach einer halben Stunde belästigte mich ein alter jüdischer Hausierer. Wollte mir durchaus eine Taschenbürste anhängen und Kragenknöpfe, bei denen der Schlips nicht in die Höhe rutscht. Ich wurde grob, und da lachte der Hausierer auf, es war mein alter Schulkamerad Burdeyko. Da glaubte ich ihm auch, was er von drüben erzählte ... Daß die Russen nicht erst mobil zu machen brauchen, wenn die Franzosen Fanfare blasen. Sie sind es schon, soweit es nötig ist, um einen großen Teil unserer Stoßkraft festzulegen.«
Der dicke Herr von Lindemann legte die grobe Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.