»Die letzten paar Haare könnte man sich ausreißen, daß wir die Gesellschaft im Westen nicht überrannten vor jenen vier oder fünf Jahren, wie sie noch nicht fertig war. Oder noch früher, als ihre vielgeliebten Bundesgenossen im Osten festlagen mit den kleinen gelben Halbaffen, die uns die Menschheit ablernen in unseren Hochschulen und Fabriken. Damals hätten wir zuschlagen sollen, ohne die verdammte zimperliche Humanität. Das haben wir versäumt, und jetzt zieht sich unaufhaltsam das von langer Hand her gesponnene Netz um unsere Glieder. So gehen wir in den unausbleiblichen Entscheidungskampf, ob die Schicksale der Welt im nächsten Jahrhundert deutsch gerichtet werden sollen oder französisch. Der Welt, soweit sie noch zu haben ist! Ueber dem Rest liegt der Dritte aus gemischtem Blut, lacht sich eins in die Zähne. Er kann nur dabei gewinnen, wenn die Konkurrenz auf dem Festlande sich gegenseitig zerfleischt. Aber vielleicht, wenn die Gelegenheit ihm günstig erscheint, fällt er uns auch in den Rücken. Trotz aller Freundschaftsversicherungen ...«
Der Dicke stürzte sein halbvolles Glas hinunter: »Na, kommen Sie, Herr von Foucar! Die Jünglinge da in der anderen Ecke sehen schon frech herüber, und ich möchte in Ihrer Gegenwart keinen Krach anfangen. Mir persönlich wäre es egal, ich bin nicht Reserveoffizier. Ich habe schon einmal hier der deutschen Sache zum Siege verholfen in männermordendem Kampfe gegen fremdländische Ueberzahl. Es gab einige blutende Nasen, wohingegen es mir gelang, mein edles Haupt durch eine geschickte Wendung vor einer geschleuderten Sektflasche in Sicherheit zu bringen. Seither genieße ich in diesem Lokal mehr Furcht als Liebe ... Fräulein, zahlen!«
Die Kellnerin, ein hübsches schlankes Mädel mit dunklen Augen, kam an den Tisch, klimperte in der an der Seite hängenden Geldtasche.
»Tak rano do domu, Panie?«
Herr von Lindemann bekam einen roten Kopf. Zu Gaston bemerkte er: »Das heißt nämlich, sie wundert sich, daß ich schon so früh aufbreche!« Und zu dem jungen Mädchen fuhr er fort: »Mein Töchterchen, es ist ja eine unbeträchtliche Kleinigkeit, aber heute bin ich nicht in der Stimmung, mich mit Dir in Deinem schlechten Polnisch zu unterhalten! Also sprich Deutsch, mein Kind, sonst erzähl' ich, daß Du keine Polenmaid bist, sondern die Tochter des deutschen Tischlermeisters Matinat hier aus der Seestraße.«
Das junge Mädchen wurde rot, warf einen scheuen Blick hinter sich und sprach halblaut: »Also zwei Flaschen Burgunder macht sechzehn Mark.«
Herr von Lindemann warf ein Goldstück auf den Tisch.
»Da, mein schönes Kind ... Kommen Sie, Herr von Foucar, wir können nachher abrechnen.«
Sie gingen in der lauen Sommernacht dahin. Die Luft war weich, nur das blanke Sternengefunkel an dem tiefdunklen Himmel kündete den nicht mehr weiten Herbst. Herr von Lindemann schwieg eine ganze Weile lang, dann fing er wieder an zu sprechen.
»Also zum Frühjahr geht es los, daran gibt es kaum wohl einen Zweifel. Die Sturmzeichen mehren sich, man muß sie nur zu deuten wissen. Und es ist gut so, daß das Wetter endlich einmal losbricht, die schwüle Spannung vorher ist auf die Dauer unerträglich. Wir gehen hier sonst zugrunde. Unsere Sparkassen sind blank, jedes Geschäft stockt. Wer jetzt Geld braucht, muß umschmeißen, Bankerott ansagen. Da ballt sich jede Männerfaust in kaltem Zorn: wenn es nur endlich losgehen wollte! Damit ein- für allemal reiner Tisch gemacht wird zwischen uns und unsern Nachbarn. Und ich glaube, die täuschen sich, wenn sie auf ihre Ueberzahl vertrauen. Wir wissen, um was wir fechten. Na, und nun Schluß! Es hat wohlgetan, sich mal alles gründlich von der Seele zu sprechen, allen Aerger und Ingrimm. Und besuchen Sie mich recht bald in Borzymmen. Wenn es Ihnen Spaß macht, können Sie bei mir einen guten Rehbock schießen. Für meinen Vetter Sternheimb bleiben immer noch genug übrig.«